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Der grosse Gatsby – höchste Zeit, dass Sie diesen Mann kennenlernen

Dürfen wir etwas prophezeihen? Machen Sie sich auf ein grosses Comeback gefasst: Eine acht Jahrzehnte alte Welt meldet sich zurück. Bald wird uns der Stil des «Jazz Age» neu beschäftigen – und die Romanfigur des «Great Gatsby» wird wiederentdeckt.

Von Ralph Pöhner

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So wird das wohl sein: Die Feuilletons werden über Vorbildfunktionen der «Roaring Twenties» grübeln, die Modemagazine werden uns teure Bildstrecken vorsetzen, in denen sie Models vor Autos mit weissen Reifen und runden Kühlern drapieren, die Musikindustrie wird «Jazz Age»-Motive aufleben lassen, Interieur- und Modedesigner werden in Details auf die Vorkriegszeit anspielen. Und dann wird ein Buch – auch in neuen Auflagen – breit wiedergelesen: «The Great Gatsby» von F. Scott Fitzgerald, erschienen im Jahr 1925.

Zu gut taugt das Meisterwerk als Spiegel von dem, was jetzt gerade passiert: Es ist die Geschichte eines Mannes, der aus dem Nichts kommt, dessen Reichtum niemand erklären kann, zu dessen Partys auf Long Island trotzdem alle strömen – bis er kläglich stirbt. Und noch vor der Beerdigung wird Gatsby vergessen und verraten.

Es geht um eine Epoche, die gegen eine heraufziehende grosse Krise anfeiert. Kommt einem bekannt vor, nicht?

Aber man muss gar kein Prophet sein, um zu wissen, dass uns Gatsby und sein Geist bald neu interessieren werden. Hollywood hat die Sache nämlich schon aufgegleist: «The Great Gatsby» kommt 2012 neu ins Kino, und bereits das Setting macht klar, dass das ein grosses Ding wird – wenn nicht das, was man später als den Film des Jahres einordnen wird. Regie: Baz Luhrman. Als Titelfigur: Leonardo DiCaprio. Als dessen Angebetete: Carey Mulligan. Zweite männliche Hauptrolle: Tobey Maguire.

Und nur schon filmhistorisch zeichnet sich hier ein interessantes Duell ab, denn Fitzgeralds Werk, insgesamt fünfmal verfilmt, wurde schon einmal zu einem Meilenstein der Hollywood-Geschichte: Das war 1974 – in einem Jahr notabene, in dem die westliche Welt ebenfalls in eine Grosskrise geraten war. Damals stellte Robert Redford den grossen Gatsby dar, mit Mia Farrow an seiner Seite, nach einem Drehbuch von Francis Ford Coppola. Die Kostüme designte Ralph Lauren.

Was verbindet Ralph Lauren mit Gucci?

Jetzt drückte das Thema bereits an der «New York Fashion Week» sowie letzte Woche an der Modewoche von Mailand durch – «Twenties»-, «Jazz Age»- und «Gatsby»-Motive tauchten reihenweise auf. Der Ablauf könnte symbolischer nicht sein: In New York endete die Fashion Week als Hommage an die Gatsby-Zeit, weil zum Abschluss gleich zwei amerikanische Stars mit Kollektionen aufwarteten, in denen sie sich kräftig bei der formalen Welt der Vorkriegszeit bedienten – der eine war Marc Jacobs, der andere: Ralph Lauren.

Und eine Woche später machte dann Gucci zur Eröffnung der Spring-Summer-Schauen in Mailand weiter: Auch hier waren die Entwürfe «vollgepfeffert mit Zwanzigerjahre-Referenzen, etwa in Flapper-Kleidern mit Goldstickereien im Art-Deco-Stil», wie «Vogue» es formulierte. Emporio Armani setzte die Art-Deco-Reminiszenzen zwei Tage später fort: Wenngleich farblich strenger, atmete auch diese Frühlings- und Sommer-Kollektion mit ihren Kreissäge-Hüten und den knielangen Jupes die Formen der Twenties nach.

Es ist also leicht vorauszusagen, was wir ab Frühling vermehrt auf unseren Strassen sehen werden: Pastellfarben. Kleider ohne Taille. Bandeaux oder topfförmige Kopfbedeckungen. Stroh, Leinen, Leichtigkeit. Bubifrisuren. Vielleicht sogar weisse Herrenanzüge. Dreiteiler. Und dass die Hosenbeine bei den Männern wieder weiter werden.

Partystimmung, Glanz und schöner Schein

Doch die interessante Frage ist nun: Warum? Was hat diese Zeit uns heute zu sagen? Und was «The Great Gatsby», abgesehen von vielen scharfen Sätzen wie: «Nur eines ist sicher: Die Reichen werden reicher und die Armen kriegen – Kinder. » Oder: «Ich liebe grosse Partys, sie sind so diskret». Oder: «Es braucht immer zwei, um einen Unfall zu bauen.»

• Die eine Parallele ist offensichtlich: Wir ahnen und fürchten, dass uns harte Zeiten bevorstehen (ja, auch in der Schweiz). Und die «Roaring Twenties» sind in verklärter Erinnerung geblieben als jene Epoche, wo Partystimmung, Glanz und schöner Schein ein letztes Mal aufscheinen, bevor die Zivilisation in ein schwarzes Loch rutscht.

• Eine geistesverwandte Zeit also? «The Great Gatsby», das Buch, handelt jedenfalls intensiv die Fragen ab, die uns gerade beschäftigen: Der Vorwurf, dass jeder nur noch nach Geld und Macht strebe, nicht mehr nach Glück und Freiheit, schwingt durch die ganze Geschichte. Und sie breitet aus, wie eine Gesellschaft die soziale Verantwortung vernachlässigt und danach in eine Depression schlittert.

• Überhaupt ist die Haltung zum Luxus und den Reichen – ein Thema auch heute – ein starkes Motiv im grossen Gatsby. Mit seiner Nonchalance bietet der schwerreiche, aber einsame Held ein interessantes Gegenbild zum Bonus-Kult unserer Tage. Denn sein Geld nimmt Jay Gatsby selber nicht ernst, der ganze Prunk macht für ihn keinen Sinn – er dient nur für ein hochromantisches Ziel.

• Und dann bleibt noch ganz Banale: Im üblichen Ringelreihen der stilistischen Wiederentdeckungen ist es ohnehin an der Zeit Zeit, dass die Twenties nach Fifties, Seventies, Eighties, Sixties zu ihrem Recht kommen. Zumindest einen Frühling oder einen Sommer lang.

Ob Ihnen also nun Kreishüte aus Stroh, Taillen auf Hüfthöhe und weisse Westen gefallen, sei dahingestellt. Aber wenn wir zu etwas raten dürfen: Lesen Sie das Buch. Sie werden es, um leger mitzureden, bald gut brauchen können.

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