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Die grosse Lüge

Kinder machen nicht glücklich, das wissen insbesondere Eltern. Aber weshalb getraut sich nur eine junge, attraktive Feministin, dies in aller Öffentlichkeit zu sagen?

Von Nathalie Sassine-Hauptmann

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Wenn Autorinnen Kinder kriegen, besteht die Nachgeburt sozusagen aus einem Buch: Jessica Valenti ist eine solch frisch gebackene Mutter-Autorin. «Why have kids?» heisst das Buch der Gründerin von Feministing.com. Eine komplizierte Frage, vorab in einem Land in der Mutterschaft neuerdings mit der Geschlechtsreife anfängt. In Amerika nämlich besinnt man sich neuerdings nicht nur auf päpstliche Werte, welche  Abtreibung und Verhütung verhindern wollen, in Amerika geht man schlicht davon aus, dass Frauen naturgemäss ein Kinder wollen. 

Der Mutterkult ist mittlerweilen so stark, dass 2006 in der Washington Post erstmals der Begriff «Vor-Schwangerschaft»  auftauchte. Der Artikel handelte vom «Center for Disease Control and Prevention», das jungen Frauen empfahl, «ihrer vor-schwangerschaftlichen Gesundheit Sorge zu tragen». Frauen im Menstruationsalter sollten doch bitte Folsäure nehmen, keinen Alkohol trinken, nicht rauchen und auf ihr Gewicht achten. Nicht-schwangere Frauen wurden behandelt, als wären sie bereits im zweiten Trimester.

 «Wir fragen Eltern nie, wieso sie Kinder in die Welt gesetzt haben», sinniert die Autorin, «Nicht-Mütter allerdings dauernd, warum sie es nicht tun. Und das, obwohl Menschen, die sich gegen Kinder entscheiden, ihren Status Quo beibehalten, während erst ein Kind alles verändert.» Wieso eigentlich? Eine gute Frage. Zumindest für Zeitgenossen, die auch Frauen für Individuen  halten und nicht als Gebärkollektiv sehen, eine durchaus die individuelle Wünsche haben, und nicht als Gebärkollektiv sehen. Man fragt ja schliesslich die Kollegin am Bürotisch auch nicht, warum sie sich die Haare nicht färbt

Fehlender Mutterinstinkt

Gerade erst letzte Woche fanden Forscher der Rockefeller University in New York heraus, dass ein Mutter-Gen für den innigen Wunsch nach Kindern verantwortlich sei. Dass aber nicht alle Frauen dieses Gen haben. Das hat auch Laura Scott beobachtet, Autorin von «Two Is Enough: A Couple’s Guide to Living Childless by Choice». Der erste Grund, wieso Frauen heute kein Kind wollen, sei der, dass sie ihr Leben so mögen wie es ist, sie wollen gar nichts ändern. Sie führte während zwei Jahren eine Studie durch und entdeckte, dass 74 Prozent der kinderfreien Frauen – im Gegensatz zu kinderlosen, die sich das vielleicht nicht ausgesucht haben – «keinen Wunsch verspüren, Kinder zu haben, sie haben keinerlei Mutterinstinkt.»

Der zweite Grund, von Kindern abzusehen, ist der, dass sie ihre Beziehung, ihre Freiheit, ihre Unabhängigkeit zu sehr schätzen und die Verantwortung, die ein Kind mit sich bringt, einfach nicht tragen möchten. Ausserdem wollten sie im Leben Dinge erreichen, die als Mutter einfach schwerer zu schaffen seien. Alles legitime Begründungen, um keine Kinder in die Welt zu setzen? Lauren Scott findet schon: «Für viele ist Mutterschaft keine automatische Annahme, es ist eine bewusste Entscheidung».

«Und die Grosseltern?»

Nur ist diese bewusste Entscheidung in unserer Gesellscahft noch immer ein Affront. Frauen, die öffentlich gestehen, keine Kinder zu wollen – nicht jetzt und auch nicht zu einem späteren Zeitpunkt –  werden verdutzt angeschaut, kritisiert, im schlimmsten Fall bemitleidet. Wie gross das gesellschaftliche Stigma Kinderlosigkeit noch immer ist, spiegeln die  Web-Foren für Frauen ohne Kinder (für Männer existiert die ganze Problematik offenbar nicht):  Thema Nummer eins  ist die dauernden Rechtfertigungen, zu denen sie genötigt werden. Die Kritiken, die sie über sich ergehen lassen müssen, sind immer dieselben und so vorhersehbar, dass die Seite «Whynokids.com» ein «Breeder Bingo» – ein «Brüter-Lotto» – mit den meistgestellten Fragen und Vorwürfen kreiert hat. «Menschen, die keine Kinder wollen, sind egoistisch.» oder «Wollt ihr euren Eltern keine Enkel schenken?» oder auch «Die Schmerzen vergisst man wieder!» ist da etwa zu lesen. Es erscheint kaum verwunderlich, dass sich Frauen, die sich gegen die Mutterschaft entscheiden, sich von solchen Argumenten kaum überzeugen lassen.

Keine Antwort

Weshalb es ja Bücher wie «Why have kids?» gibt, die einem bei dieser Entscheidung helfen sollen. Tun sie aber nicht, auch wenn für Jessica Valenti die Entscheidung, Mutter zu werden, bestimmt nicht einfach war. Denn – wie sie im ersten Teil des Buches mit dem bezeichnenden Titel «Lügen» beschreibt – machen Kinder nicht glücklicher, im Gegenteil, wie diverse Studien beweisen. Eltern möchten glauben, dass ihr Job der schönste der Welt ist, einfach weil die Wahrheit «zu deprimierend ist».  Das Problem bei aller Analyse ist, dass sie ihre eigene Frage gar nie beantwortet. Warum soll man denn nun Kinder haben? Valentis endgültige Entscheidung ist klar, wie aus dem Untertitel ersichtlich wird: «A New Mom Explores the Truth About Parenting and Happiness». Was wir nicht wissen, ist, wie sie dahin gekommen ist.

Die Hauptkrux der Mutterschaft nämlich ist, dass man die Entscheidung nicht mal schnell ausprobieren kann, wie einen Auslandaufenthalt oder Yogakurs. Eltern und Kinderfreie leben auf zwei Planeten und können sich gegenseitig nie wirklich besuchen. Eine Existenzberechtigung haben dennoch beide.

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Feminismus Kinder Mutterschaft


Kommentare

  • Ilona

    Danke für diesen Artikel. Ich musste mich vor meiner Frauenärztin rechtfertigen für den Wunsch nach einer Spirale, die nach Herstellerangaben gefahrlos bei Frauen eingesetzt werden kann, die noch nie gebährt haben. Ein Restrisiko einer Unfruchtbarkeit bestehe immer. Meinem Kommentar, dass ich sowieso seit schon immer keinen Kinderwunsch hege wurde mit einem spöttischen Lächeln bedacht. Wenn es um die Kinderfrage geht, werden alle Frauen entmündigt. Die biologische Uhr ticke halt noch nicht laut genug…

  • Réda Philippe El Arbi

    Für Männer exisitiert dieses Thematik durchaus. Hier ein älterer Post aus dem Mamablog:

    http://blog.tagesanzeiger.ch/mamablog/index.php/17342/kinder-nein-danke/

  • Katharina

    “Man wird den Frauen das Kindergebären noch ganz verleiden mit der Sucht, sie damit für alle andern Lebensansprüche abfinden zu wollen.” – Hedwig Dohm, Die Mütter, 1903

    Damit wurde eigentlich schon von über 100 Jahren alles gesagt, was es dazu zu sagen gibt.

    Die Glücksforschung zeigt übrigens, dass die Sache um einiges komplexer ist, als die erwähnte Studie von Eibach und Mock. Allein der Anspruch, dass 80 befragte Eltern repräsentativ für alle Eltern der Welt stehen sollen, dünkt mich etwas hoch gegriffen. Folgebefragungen haben dann gezeigt, dass Eltern, die Kinder wollten und auch vor ihrer Elternschaft gerne Kinder hatten, glücklicher sind als solche, die eigentlich keine wollten bzw. eigentlich mit Kindern nie was anzufangen wissen.
    Womit wir wieder an dem Punkt angelangt sind, der besagt: Wer das tut im Leben, das er gerne tut und das ihm liegt, ist glücklicher als der, der etwas nicht aus eigenem Interessen tut sondern nur, weil “man” es halt so macht.
    Aber das wäre dann ja weder neu noch Zündstoff für eine saftige Diskussion.

  • Andrea Mordasini, Bern

    Brauchts diese Diskussionen “Kinderlose vs Eltern” wirklich? So wie wir uns eben bewusst für welche entschieden haben und darüber glücklich, entscheiden sich andere eben dagegen. Ist doch auch gut so. Es soll jeder so machen wies ihm am besten passt und sich für seinen Entscheid bei niemandem dafür rechtfertigen und verteidigen müssen! Mit etwas mehr gegenseitigem Leben und Leben lassen, Toleranz, Akzeptanz, Respekt und Rücksicht wäre das Zusammenleben – mit oder ohne Kinder – noch etwas friedlicher und gemütlicher smile

  • Mirja

    …das Schreiben , das öffentliche Schreiben, kann auch ne Form von Therapie sein, jaja. wink

  • mira

    Ich dachte auch, wir sind schon weiter: Unglücklich sind diejenigen Mütter, welche sich nach der Geburt in einer Situation vorfinden, die sie so nicht wollten/gewählt haben (egal was, arbeiten müssen, Hausfrau sein, etc). Wer auch mit Kindern ein selbstbestimmtes Leben führt, der ist bestimmt nicht unglücklicher als vorher.

  • Sternenkind

    “Was mich an diesem Artikel vor allem verblüfft ist dieses Getue in den USA…” es wird hier geschrieben dass in den USA getan würde. heisst ganz und gar nicht dass dem so ist.

    Und dass kinderlose Frauen egoistisch seien, ist eher etwas das ich besonders auf schweizer Blogs oft lese. mit Egoismus haben Amerikaner eigentlich kein Problem.

  • Sohn des Mars

    Es wird sicher nicht überall und durchgängig so sein, aber wenn man sich mal vor Augen hält, was in den Staaten sonst so alles abgeht und seit Jahren Politik und viele Wählerschichten sich gegenseitig immer weiter nach rechts schaukeln, dann ist die Annahme, dass es an vielen Orten “drüben” solche Vorstellungen gibt nicht unglaubhaft – ganz im Gegenteil. Man darf, wenn man von den USA spricht, nicht davon ausgehen, dass dort weitgehend libertine Ansichten herrschen wie man sie hier in Europa gemeinhin mit Amerika assoziiert. Das mag für Städte wie Los Angeles, San Francisco, und New York richtig sein, und vielleicht auch in Staaten wie Kalifornien oder Hawaii zutreffen, aber in weiten Teilen der USA, im Süden und im Mittleren Westen etwa, haben sich in den letzten Jahren ganz andere Trends gezeigt. Es gibt in Amerika einen grundlegenden Wandel in der Weltsicht der vielleicht auch dort nicht von allen Bürgern geteilt wird aber in der Öffentlichkeit keinen grossen Widerspruch mehr findet. Ein zunehmend extremchristliches Weltbild, dessen Vertreter drauf und dran sind, den Frauen die Rechte auf körperliche Selbstbestimmung zu beschneiden (etwa indem sie auch die Abtreibung nach Vergewaltigung unter Strafe stellen wollen, von Abtreibung an sich gar nicht zu reden), die zunehmende Gewalt- und Mordbereitschaft an Ärzten, die Abtreibungen vornehmen, die zunehmende Verteufelung von Sex vor der Ehe (und zwar in erster Linie bei Mädchen)… da sind diese “Empfehlungen” nicht Sorge um die Gesundheit der Frau, sondern Sorge um die pflegliche Behandlung der Gebärmaschine. Hier wird Frauen eingeredet, sie hätten eine moralische Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber, ihren Leib im Sinne der Volksgesundheit einzusetzen. (Kommt uns das nicht bekannt vor?)
    Es tut mir leid, aber die Freiheit des Individuums, für die sich Amerika immer einzusetzen behauptet, sieht für mich anders aus.
    Und wenn man Teenagerschwangerschaften verhindern will, wäre Aufklärung über Sex und Verhütung weitaus erfolgversprechender als die Erziehung zu Jungfräulichkeit vor der Heirat. Aber das geht am Thema dieses Artikels vorbei…

  • Sohn des Mars

    Was mich an diesem Artikel vor allem verblüfft ist dieses Getue in den USA… wobei, wenn man sich vor Augen hält, dass dort in vielen Staaten mittlerweile auch Inhalte der Bibel als wissenschaftliche Erkenntnisse den Schülern gelehrt werden, dann passt auch dieser extreme Mutterkult in’s Bild.
    Das eigentliche Thema des Buches, nämlich dass es Frauen gibt, die keinen Kinderwunsch verspüren und damit glücklich sind, ist dem aufgeklärten Menschen eigentlich keine grosse Überraschung. Dass Frauen eine andere Erfüllung im Leben haben können als Mutterschaft ist – jedenfalls für mich – eine Selbstverständlichkeit. Genauso wie es ja auch Männer geben soll, die in der Vaterschaft ihre wahre Berufung und Erfüllung erleben.

  • Danielle

    Ich kenne das nur zu gut! Mein Partner und ich (beide 24ig) leben seit vier Jahren in einer glücklichen Beziehung. Als ich meiner Frauenärztin mitteilte, dass mein Partner sich zu einer Vasektomie entschieden hat, bin ich nur schräg angesehen worden. Sie sagte mir dann nur “das kann sich ja noch ändern”. Eben nicht! Wir beide wollen keine Kinder. Wir sind glücklich so wie es ist. Finde es unmöglich, dass sich kinderlose rechtfertigen müssen!

  • Erich

    und ich behaupte: 24-jährige ignoranz und naivität! lg

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