Clack

Frühling ist Betrug am Herzen

Clack-Autorin Clara Ott warnt vor den Frühlingsgefühlen und den damit einhergehenden Enttäuschungen. Und trotzdem kann sie sich dem frischen Wind und den Sonnenstrahlen nicht entziehen.

Von Clara Ott

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Jedes Jahr im Frühling befällt uns dieses Kitzeln im Herzen wie Heuschnupfen. Überwältigt von milden Abenden flirten wir hemmungslos herum, ohne an nachhaltige Emotionen zu denken. Ja, diese Frühlingsmänner sind umwerfend, aber begleiten uns leider selten bis zum Sommer. Ein Erfahrungsbericht mit Tipps:

Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber mich überfällt jedes Jahr im Frühling eine unbändige Kennenlern-Sehnsucht. Zu keiner Zeit im Jahr stürze ich mich kopfloser und naiver in Affären. Und vergesse dabei Frühling um Frühling, wie ich mir im Vorjahr eigentlich geschworen hatte, Ostern keine neuen Hasen aufzuspüren, sondern mein mit Trüffeln gefülltes Schokoherz gut zu verstecken. Ehe ich Intimes auspacke, hier ein Frühlingsgedicht zur Einstimmung, was Ihnen sehr anschaulich erklären wird, wieso wir Menschen in der luftig leichten Frühlingsbrise immerzu verdrängen, wie wir im Winter gelitten haben. Weil wir durch die Sonnenstrahlen jedwede Dunkelheit vergessen, die uns zuvor gelähmt hat.

Ludwig Uhland

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.

O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
man weiß nicht, was noch werden mag,
das Blühen will nicht enden.

Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muss sich alles, alles wenden.

Ja, die Welt fühlt sich im Frühling immer schöner an. Und deswegen scheue ich mich nicht, zurückzublicken, weil beim nächsten Frühlingsmann alles anders wird. Ganz, ganz sicher. Also beginnen wir im März vor sechs Jahren, als ich an einem lauen Abend in einer Bar meinen ersten Frühlingsmann kennenlernte. Entspannt rauchten und flirteten wir bei einer Zigarette im Freien, tauschten Nummern, tiefe Blicke und große Versprechungen auf ein Wiedersehen und irgendwann lief ich beschwingt durch die milde Nacht heim. Drei schwebende Tage später – es war der Ostermontag – holte er mich ganz Kavalier in seinem Auto ab und wir spazierten stundenlang umher. Mit offenen Jacken und wehenden Locke und in der flirrenden Frühlingsbrise wehten Hoffnungen auf so etwas wie Liebe. Da waren sie, noch vor den ersten Schmetterlingen: die Frühlingsgefühle.

Wir aßen Nusskuchen und später Ziegenkäseflammkuchen. Es war das perfekteste Kennenlerndate meines Lebens. Im Auto vor meiner Haustür ein flüchtiger Kuss, der nach mehr verlangte. Morgens wurde es eher hell und auch abends schienen mir die Tage weniger schnell dunkel. Nach dem tristen Winter fühlte sich wieder mein Leben wieder leicht an. Doch inmitten dieses Übereifers an Liebenshungers, diesem Wunsch auf ein Leben, was sich wendet, trank ich eine Woche später mit ihm über den Durst. Ja, mein Leben wendete sich. Als ich morgens ungefrühstückt aus seiner Haustür in die Sonne blinzelte hatte ich den Bauch nicht voller Schmetterlinge, sondern den Kopf voll dröhnender Hummeln, Der Frühling war mit voller Wucht eingeschlagen und in aller Kennenlernsehnsucht hatte ich übersehen, dass er keinerlei Ambitionen hegte, mit mir den Sommer verbringen zu wollen. Eigentlich nicht mal den Rest des Frühlings. Unsere Gefühle verflüchtigten sich noch vor den letzten Birkenpollen.

Nun, armes Herz, vergiß der Qual!

Dann, im März vor drei Jahren, lernte ich eines warmen Nachmittags einen zweiten Frühlingsmann kennen. Vor einem Café schäkerten wir, stundenlang, in die schiefe Sonne grinsend, irgendwann fröstelnd, nicht heim wollend. O, armes Herz, sei nicht bang! Vergiß die alte Qual! Es war der erste Sonnensamstag seit Ewigkeiten und diese tiefen Blicke ließen mich herrlich lebendig fühlen. Mein Leben wendete sich wieder, zum Guten. Dank einer Überdosis Vitamin D und Überdosis Vitamin Hach. Wir verabredeten uns daraufhin wieder und trafen uns vier Wochen lang. Was folgte war ein wahnsinnig verknallter Frühling voller Spaziergänge und wilder Nächte! Die Welt wird schöner mit jedem Tag, man weiß nicht, was noch werden mag, das Blühen will nicht enden.“

Exakt bis zum Ostermontag. Ja, offenbar mein Schicksalstag, der Tag der Frühlingswende. Was jedoch Jahre zuvor der Auftakt für so etwas wie Liebe gewesen war, wurde in diesem Jahr das Ende der Frühlingsgefühle. Überfordert stand der Frühlingsmann vor mir. Vor mir, einer Frau, der Tränen über ihre sommersprossigen Wangen liefen. Weil sie sich in ihn verliebt hatte. Leider einseitig, wie eine Hummel, die sich in eine teilnahmslose Plastikblume verknallt, die nichts zurückgeben kann, nicht mal Wärme. Er zog die Tür zu, parallel schürte sich mein Hals zu und mein Herz machte dicht. Ich wusste, dass ich ab jetzt mit Frühlingsmännern hadern würde. Und mit Ostermontagen. Und ich schwor mir, mein altes Herze daran im nächsten Jahr zu erinnern.

Nun, armes Herze, sei nicht bang!

Ein Jahr setzte ich wirklich die Liebe aus. Aber dann, am Ostermontag vor zwei Jahren, saß ich in einem überfüllten Café und lernte einen dritten Frühlingsmann kennen. Er trug ein fremdes Kind auf dem Arm, von draußen schien sanft die Nachmittagssonne durch die Sprossenfenster und ich konnte meinen Blick nicht von ihm abwenden. „Nun muss sich alles, alles wenden!“ Vielleicht war das einer dieser seltenen Momente, wo man einen fremden Mann sieht und spürt, dass es gerade erst anfängt. Dass er ein Teil der eigenen Zukunft wird und man die Arme ausbreiten möchte, um ihn in sein Leben zu lassen. Aber ich ließ ihn erstmal nur in mein Bett, aus Angst und auch, weil ich damals nicht an dem Punkt war, mir ein Baby oder zumindest eine Beziehung vorstellen zu können. Obwohl der Mann wunderbar war, gesellig, klug und charmant. Diesmal war ich es, die ihn links liegen ließ. Ich war es, die die Frühlingswende einläutete, ehe der Sommer kam.

Nun muß sich alles, alles wenden!

Und in diesem Jahr? Innerhalb der vergangenen Wochen lernte ich durchaus potentielle und höchst attraktive Frühlingsmänner kennen. Es gab Dates, aber mit keinem einen Kuss, denn bei niemandem sah ich imaginäre oder echte Babys auf dem Arm und spürte diese unbändige Kennenlernsehnsucht. Etwas in mir ist sicher, dass es auch dieses Jahr vor dem Ostermontag nichts mit mir und der Frühlingsliebe wird. Und der ist in ein paar Tagen. Diesen Frühling wird trotzdem alles besser, weil ich durchschaut habe, dass Frühlingsgefühle zwar ganz wunderbar lebendig machen und uns Menschen nach dem Winterschlaf wieder grinsen und schweben und durchatmen lassen. Aber ich weiß auch, dass sie so nachhaltig sind wie Birkenpollen. Sie befallen uns, von einem auf den anderen Moment.

Da ist er, der Frühlingsmann. Er bringt unser Immunsystem ins Wanken und raubt die Nächte und Gedanken am Tag. Aber was wird wachsen? Was wird bleiben? Schauen wir genau hin? Hat es Potential für eine winterharte Liebe? Vorbei die Zeiten, in denen ich mich gleich an den ersten Frühlingsmann klammerte wie eine Libelle an eine Pusteblume. Im Gegenteil, in diesem Sommer will ich lieben und geliebt werden. Mit guten Erinnerungen an den Ostermontag und keinen, der meinen Glauben an Liebe erschüttert. Und deswegen kann es nur eine Lösung geben. Ich muss mich an Christine von dem Knesebeck halten. Sie schrieb das bezaubernde, schüchterne Liebeslied namens «Ob ich ihr sag, dass ich sie mag…»:

Ich mag wie sie lacht
Und wie sie schaut.
Was sie auch macht,
Was sie auch tut,
Ich seh sie an
und mir geht es gut.
Ob ich ihr sag,
dass ich sie mag?

Was ich an diesem Ostermontag tun werde? Ich habe so eine Ahnung. Es gibt da jemandem. Ein Mann, der sich oben in diesem Text versteckt hat. Nein, ich sage Ihnen nicht, wen ich meine, nicht aus Aberglauben, sondern, weil er diesen Text vielleicht auch liest. Denn entgegen meiner Annahme, dass Frühlingsmänner alles andere als nachhaltig sind, hat er es doch geschafft, in meinem Herz zu überwintern. Ob es so etwas wie Liebe wird? Ich kann es nicht vorhersagen. «Die Welt wird schöner mit jedem Tag, man weiß nicht, was noch werden mag.» Der Frühling wird enden. Aber nach jedem eisigen Winter wird uns wieder etwas blühen.

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