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Friede. Freude. Eltern sein.

Die Misere der kinderzentrierten Erziehung. Oder wieso niemand weiss, wie man diesen Job richtig macht.

Von Nathalie Sassine-Hauptmann

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Eigentlich wollte ich das Buch gar nicht lesen. Bitte keinen weiteren Ratgeber, der uns Eltern sagt, was wir alles falsch machen und bei dem während 300 Seiten die unausgesprochene Frage im Raum steht «Wieso tun sie das bloss?». Nein, das wollte ich mir ersparen.

Wir Eltern sind nämlich offenbar total verrückt. Und unglücklich. Ja, vor allem unglücklich. Zahlreiche Studien belegen, dass Kinder haben alles andere als glücklich macht. Eltern sind ausgepumpt, ängstlich, haben keinen Sex und sind immer müde. Und sie auch noch bloggen darüber. Kurz: Wir Eltern sind die totalen Spassbremsen. Wieso sollte man sich also ein Buch antun wollen, dessen Titel genauso keine Besserung verspricht?

«All Joy and No Fun» klingt deprimierend. Ist es aber nicht, wie sich bei der Lektüre – denn natürlich musste ich ein Buch mit einem solchen Titel lesen – herausstellte. Das Buch, welches aus einem Artikel von 2010 entstand, ist weder polemisch noch anklagend. Es untersucht Elternschaft zwar unter dem Mikroskop, doch Jenifer Senior,  Redaktorin des «New York Magazines», dreht den Spiess der Ratgeberliteratur um: Es geht um die Rolle, die Kinder im Leben ihrer Eltern spielen und nicht darum, welche Rolle die Eltern übernehmen.

Vom Mitarbeiter zum Chef

In allen Kapiteln, die sozusagen chronologisch vom Baby über das Kleinkind, die Schuljahre und die gefürchtete Pubertät führen, betont sie, wie späte Elternschaft und minutiöse Familienplanung darauf hinauslaufen, dass Eltern sich auf ihre Kinder fokussieren, wie keine Generation vor ihnen es getan hat. Denn die Elters-Eltern hatten dafür schlicht keine Zeit. «Was immer Eltern heute tun, tun sie für das Kind. Und nur für das Kind. Eltern erziehen ihre Kinder nicht für die Familie oder gar für die Gesellschaft.»

Diese Entwicklung musste so kommen, argumentiert Senior. Früher waren Kinder ein wirtschaftliches Kapital für die Familie. Wenn sie eine Farm hatten, mussten die Kinder mit anpacken, besassen sie einen Laden, halfen sie im Verkauf.bDas alles änderte sich mit der moralischen und technologischen Revolution der Modernität. Sowie wir zu mehr Wohlstand kamen, so wurde Kindheit als eine privilegierte, schützenswerte Zeit angesehen. Und als klar wurde, dass eine gute Ausbildung den Weg in den Wohlstand ebnet, wurden Kindern nicht nur zu einem grossen Ausgaben-Faktor, sie mussten auch geformt, stimuliert, gebildet und gepflegt werden.

Die Soziologin aus Princeton, Viviana Zelizer, hat das Verhältnis moderner Eltern zu ihren Kindern so ausgedrückt: «Wirtschaftlich wertlos, emotional unbezahlbar.» Kurz: Kinder mutierten vom Mitarbeiter zum Chef.

Die fehlende Gebrauchsanweisung

Eltern sein ist ein Vollzeitjob, so hört man. Doch im Gegensatz zu den meisten anderen Jobs sucht man den Stellenbeschrieb hier vergebens. Denn Eltern sind zwar im allgemeinen Konsens für das Glück ihrer Kinder verantwortlich. Doch, was heisst das genau? Wie gehe ich vor, um meinen Kindern eine behütete Kindheit, aber auch eine gute Zukunft zu bieten? Wir wissen es nicht. Und weil es so schwammig ist, versuchen wir Eltern alles, wovon wir denken, dass es zum Ziel führt. Eine Erklärung für das moderne, überbuchte Kind, so Senior, sei die, dass Eltern ihre Kinder für alle Eventualitäten vorbereiten müssen. Denn wer weiss schon, wie die Welt in zehn Jahren aussehen wird?

Hier noch eine Bemerkung: Senior konzentriert sich in ihrem Buch auf mittelständische Familien. Das macht natürlich Sinn, denn Eltern mit wenig Einkommen «geben Anweisungen und Befehle.» Mittelstands-Eltern geben eine Wahl und verhandeln. Bei sehr wohlhabenden Familien geht Senior offenbar davon aus, dass diese einfach jemanden anstellen, um den Eltern-Job zu erledigen.

Mamis beste Freundin

Dass das Hätscheln von Kindern aus Mittelstands-Familien nicht nur gut ist, war uns Eltern natürlich vor diesem Buch schon klar. So hat manch einer von uns vielleicht schon mal einen jungen Mitarbeiter gehabt, der von sich dachte, er wisse über alles Bescheid. Genauso das passiere langfristig eben mit unseren Kindern, wenn wir ihnen das Gefühl geben, sie seien speziell bemächtigt. Aber auch kurzfristig wird elterliche Aktivitis mit einer kindlichen Passivität «belohnt», welche nun wirklich niemandem dient. Senior ist deshalb überzeugt, dass «Kinder ihre Eltern für ihre Langweile verantwortlich machen.»

Daran sind aber nur wir Eltern schuld. Senior nimmt uns ziemlich auseinander, wenn sie beispielsweise sagt: «Eltern von Teenagern wünschten, ihre Kinder würden ihre Gesellschaft derer ihrer Freunde vorziehen.» Meine Mami, meine beste Freundin. Oder wenn sie uns vor Augen führt, dass Kindererziehung «die letzte Bastion ist, um die eigenen Moralvorstellungen zu beweisen.» Im Sinne von: Wenn wir uns die Köpfe darüber zerbrechen, wie wir unsere Kinder erziehen sollen, machen wir ja wohl nicht alles falsch.

Das Verhältnis von «No fun» zu «All Joy» ist, was die Kapitel des Buches anbelangt, vier zu zwei. Dennoch fand Jenifer Senior während ihrer Recherchen keinen einzigen Vater, keine Mutter, die ihre Entscheidung, Kinder zu haben, je bereut hätten. Die meisten wünschten sich, ihre Tage wären anders. Aber nicht ihr Leben. Und daran ist nichts deprimierend.

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Kommentare

  • kubi

    “Eltern sein ist ein Vollzeitjob, so hört man”
    Alle Jobs sind Vollzeitjobs. Müsst halt etwas reduzierten.
    Teilzeit. Work Life Balance.
    Nicht immer den Vollzeit-Macho raushängen.
    Wer will, kann auch. Oder so.

  • Katharina

    Eltern sein ist kein Job, sondern eine Verwandtschaftsbeziehung. Wie man das ausgestalten will, bleibt jeder Familie selber überlassen.

  • daniela p.

    zeitgeist ist ein verdammter fluch. unsere grosseltern wollten für unsere eltern dass sie ein leben in sicherheit haben: ein sicherer job, nicht hungern. denn sie haben kriegszeiten erlebt.
    unsere eltern wollten für uns dass uns nicht so viel dreingeredet wird, wie damals ihre eltern ihnen dreinredeten – und redeten zu wenig mit uns. “wenn sie etwas wollen, kommen sie schon” war die devise. obwohl wir eine hausfrau als mutter hatten, hat keiner gefragt wo wir den ganzen tag steckten, was wir denken, wovon wir träumen, und wo sie unsere stärken sehen.
    und wir loben wohl zuviel, fragen zuviel wie unsere kinder die dinge sehen und geben unterstützung bevor sie darum baten. vielleicht. sie werden uns sagen, was wir falsch machten, und es natürlich bei den eigenen kindern so machen, wie sie es sich selber gewünscht hätten. und damit wieder daneben liegen

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