Clack

«Frauen geben gern mal auf –  und bleiben dann lieber zuhause»

Clack grüsst «Annabelle», das andere ernstzunehmende Schweizer Frauen-Medium: Lesen Sie das Interview mit Chefredaktorin Lisa Feldmann über Frauenquote, eine sozialere Gesellschaft. Und, selbstverständlich, Shopping.

Von Christian Nill

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In der Reihe «Ein Drink an der Bar mit…» treffen Christian Nill und der Fotograf Mischa Scherrer regelmässig auf VIPs oder interessante Persönlichkeiten, trinken mit ihnen etwas an einer Bar und plaudern ungezwungen über Gott, die Welt und andere persönliche Dinge. Die Gespräche – samt stimmungsvollen Fotos – sowie weitere spannende Storys werden regelmässig auf Bar-Storys.ch veröffentlicht.


Das Gespräch findet an einem Spätnachmittag im Zürcher Banken-Viertel statt. Lisa Feldmann erscheint 20 Minuten nach der vereinbarten Zeit. Sie komme direkt von einer Sitzung. Gestresst ist sie dennoch nicht.

Frau Feldmann, weshalb treffen wir uns hier in der Atelier-Bar?

Lisa Feldmann: Es ist ein weiteres Etablissement von Dieter Meier (u.a. Sänger und Mitgründer von Yello, Red.). Diese zeichnen sich immer dadurch aus, dass sie ästhetisch toll gemacht sind. Was sicherlich auch mit Meiers Frau Monique zu tun hat, der Gründerin des Modelabels «en Soie». In den Betrieben von Dieter Meier gibt es immer gute Produkte: Er macht die besten Steaks in town, deren Fleisch von seinen eigenen Rindern in Argentinien kommt, genau so wie die Weine, die ebenfalls von seiner argentinischen Farm stammen. Ausserdem liegt die Atelier-Bar perfekt.

Was trinken Sie?

Ich habe mich wegen Ihnen überreden lassen, einen Drink zu bestellen. Obwohl es noch Nachmittag ist.

Wir haben Sie nicht überredet.

Ja, ich dachte einfach, wenn Sie und Ihr Fotograf ein Bier trinken, muss man bei diesem Bargespräch an der Bar auch Alkohol trinken. Meistens trinke ich meinen Apéro erst nach 20 Uhr, da ich bis dann arbeite. Und der gespritzte Weisse sauer ist mein Klassiker.

Das ist ja ein vernünftiges Getränk für einen späten Nachmittag. Was trinken Sie spät abends am Wochenende?

Immer den gespritzten Weissen. Ich vertrage nicht so viel Alkohol. (lacht)
Unser Barkeeper würde Ihr diesen Cocktail mixen.)

Ihre Assistentin hat uns vorgewarnt, bloss ja die «annabelle» gründlich zu studieren – es sei schon manch ein Mann beim Gespräch mit der Frau Feldmann auf die Welt gekommen! Lesen die Männer die Annabelle grundsätzlich nicht richtig?

Ich glaube, gemeint war, dass viele Männer die Annabelle unterschätzen. Immerhin ein Viertel unserer Leserschaft ist männlich. Und wenn Männer dann unser Heft einmal richtig lesen und nicht nur die Bilder anschauen, dann sind sie oft erstaunt über die Qualität der Reportagen.

Es kratzt auch an Ihrem Berufsstolz, wenn Sie den Eindruck haben, Ihre Arbeit werde nicht richtig wahrgenommen.

Klar. Wobei nicht ich die Annabelle erfunden habe. Die gibt es seit 74 Jahren. Sie war immer schon eine kluge Frauenzeitschrift, kritisch und engagiert in der Frauenbewegung. Wir sind ganz stolz, dass wir dieses Jahr zwei Reportage-Preise bekommen haben.

Welche?

Einmal bekam Julia Hofer kürzlich den Zürcher Journalistenpreis für eine Reportage. Und Barbara Achermann erhielt eine interne Auszeichnung: Der Tamedia-Verlag (zu dem die Annabelle gehört, Red.) gibt jeweils einer exklusiven Gruppe die Möglichkeit, für drei Wochen nach New York an die Columbia University zu gehen, zwecks Fortbildung.

Gratuliere.

Danke. Barbara Achermann, die nach New York geht, fiel schon oft auf mit ihren Reportagen. Und Julia Hofer hat mit ihrem Text über orthodoxe Jüdinnen in Zürich für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Ihre Reportage wurde kontrovers diskutiert.

Weshalb?

In den orthodoxen Kreisen gelten für Frauen sehr konservative Regeln. Einige der in der Reportage porträtierten Frauen sind zwar sehr gläubig und dem Judentum sehr verhaftet, dennoch stellen sie viele der orthodoxen Rituale in Frage.

Und das sorgte für Aufregung.

Das hat in der Gemeinde Widerstand erzeugt. Es wurde nicht gern gesehen, dass so eine Geschichte geschrieben wird. Umso besser, dass die Reportage erschien. Letztlich ist eine Perücke in diesem Kontext nichts anderes als ein Schleier. Und ich mag es nicht, wenn Frauen sich verschleiern müssen.

Es geht Ihnen also um den freien Willen, etwas zu tun oder zu lassen?

Genau. Auch wenn  Frauen sich angeblich freiwillig verschleiern, bin ich nicht einverstanden. Es macht mich immer befangen, wenn ich auf eine Frau treffe, die sich Regeln unterwirft, die nur für sie gelten, nicht für ihren Mann.  

Sie sind nun sei acht Jahren Chefredaktorin der Annabelle und sind damit in etwa das für die Schweiz, was Vogue-Chefredaktorin Anna Wintour für Amerika ist. Geht Ihnen die permanente Fokussierung auf das Thema Frau und Weiblichkeit nicht langsam auf den Geist?

Achtung, jetzt kommt etwas unfassbar Langweiliges: Ich liebe das, was ich mache! Wenn ich mir aussuchen dürfte, wie ich meine Tage gestalten könnte, würde ich genau das machen.

Eigentlich ist es eine permanente Nabelschau: Sie beschäftigen sich vor allem mit Ihrem Geschlecht.

Klar. Mit all den Dingen, die dieses Geschlecht interessieren. Und das ist ganz schön viel. Dinge, die ich interessant finde, Orte, die ich gerne bereisen würde, Menschen, die ich gerne träfe und Themen, über die ich diskutieren möchte.  Wir sitzen doch ständig mit Menschen zusammen und reden über Sachen, die uns beschäftigen, ärgern, interessieren. Daraus Geschichten zu formen – schöner gehts nicht.

Sie sagten einmal, dass die wichtigen Themen in der Annabelle folgende seien: Shopping, Kochen, Wohnen, Mode und Reisen. Haben Sie inzwischen herausgefunden, weshalb sich Frauen vor allem für diese Themen interessieren, und weniger für Dinge wie Technik, Politik, Wissenschaft…

… Fussball…

Oder Sport allgemein. Weshalb ist das so?

Es ist ja etwas aufgeweicht. Es gibt auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis viele Männer, die gerne shoppen gehen und sich dafür interessieren.

Das sind dann die metrosexuellen Männer?

Nein, ganz normale Männer, glaube ich. Auch Sie haben sich bestimmt Gedanken gemacht, was Sie heute anziehen wollen. Aber das ist nicht der Punkt.

Sondern?

Unterscheidung ist nicht mehr so wesentlich. Die Gemeinsamkeiten sind viel spannender geworden. Das finde ich toll. Frauen wollen heute genauso ambitioniert Karriere machen wie Männer. Und Frauen machen inzwischen die besseren Hochschulabschlüsse. Handkehrum möchten die Männer mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen und überhaupt eine bessere Work-Life-Balance finden.

Dennoch möchte ich kurz nachhaken betreffend der Fokussierung auf typisch weibliche Themen in der Annabelle. Sie, Frau Feldmann, lancierten 2009 gemeinsam mit Microsoft einen Frauen-Browser (siehe Links ganz unten).

Das war ein kurzfristiges Gadget.

Bei diesem Frauen-Browser ging es darum, dass er typisch weibliche Themen wie Shopping und Mode besonders einfach zugänglich macht. Mit Verlaub: Damit leisten Sie doch der Ghettoisierung der Geschlechter erst recht Vorschub.

Sagen wir, dass eine Frauenzeitschrift auch eine Ghettoisierung ist: Jedes special interest schliesst immer andere Themen aus. Positiv gesagt ist es eine Auswahl, die mich daran hindert, jeden Mist lesen zu müssen, der mich gar nicht interessiert. Ein Beispiel: Ich bin ein grosser Twitter-Fan. Nicht, weil ich der Welt etwas über mich mitteilen möchte, sondern weil ich mir genau den Ausschnitt der Welt zurechtlegen kann, der zu mir passt. Ich hole mir von den Leuten und Medien die News, die mich interessieren. Ich denke, dass dieses Verhalten stark zunehmen wird. In Zukunft werden wir immer seltener ganze Tageszeitungen lesen, wo man alle möglichen Themen in Kauf nehmen muss, sondern wir werden unseren Medienkonsum und unsere sozialen Netzwerke massschneidern und unser eigenes News-Netzwerk bilden. So weiss ich genau das von der Welt, was ich wissen will.

Und unangenehme News bleiben aussen vor. Um beim Thema Mann-Frau zu bleiben: Hat sich in Ihrer Zeit als Chefredaktorin Ihr Männerbild gewandelt?

Ja. Aber ich denke, es hat nicht so viel mit der Annabelle zu tun, sondern allgemein mit unserer

In der Werbung, aber auch in vielen Medienberichten, wird der Mann als solcher gerne und regelmässig durch den Kakao gezogen. Besonders dann, wenn darüber debattiert wird, welches Geschlecht was besser kann. Müssten sich die Männer ebenfalls emanzipieren?

Nein, das denke ich nicht. Es ist immer noch ein Riesenthema, dass du als Frau diejenige bist, die Kinder bekommt und daher, aus natürlichen Gründen, auch für ganz viele Dinge beim Familiengründen zuständig bist. Alle Emanzipation stösst letztlich immer an diese Mauer. Daher bin ich ein grosser Verfechter der Frauenquote in den Unternehmen.

Sprich, pro Firma arbeitet ein bestimmter Prozentsatz Frauen in leitender Position.

Ja, das werden wir auch zum Thema machen in der Annabelle. Wir werden im Herbst eine Kampagne starten. Ich glaube nämlich nicht nur, dass Frauen an die berühmte Gläserne Decke stossen,  sondern, dass es auch für die Volkswirtschaft katastrophal ist, wenn gut ausgebildete Frauen sich plötzlich aus dem Beruf verabschieden, um sich zuhause um ihre Kinder kümmern. Wir bilden quasi für Millionen von Franken Frauen aus, damit sie nachher Kindergärtnerinnen sind. Dann sollten wir sie doch gleich zu guten Kindergärtnerinnen ausbilden, die noch ein bisschen Auto fahren können, damit sie die Kinder zum Fussballtraining oder ins Ballett chauffieren.

Und eine Frauenquote würde das verhindern?

Ja, die Frauen müssen wieder zurück in den Beruf zu kommen. Und die Firmen müssen gezwungen werden, sich um diese Frauen zu kümmern. Die Firmen sollen die Frauen brauchen müssen, um die Quote zu erfüllen. Sie sollen sich fragen, was sie für die Frauen tun können, damit sie zurück an die Arbeit kehren: Kinderbetreuung, flexiblere Arbeitszeiten, Home-Office. Die Frauen würden in die Situation geraten, sehr begehrte Arbeitskräfte und wichtig für die Firmen zu sein, so dass sie erst gar nicht in diese bequeme Stimmung kommen, lieber zu Hause zu bleiben und sich um die Kinder zu kümmern.

Das heisst, die Frauen sind bequem?

Auch. Das ist auch ein Grund. Frauen lassen sich einlullen: ein weinendes Kind, ein genervter Mann, zu wenig Geld, weil alles für die Betreuung draufgeht… Da geben sie gern mal auf und bleiben lieber zuhause.

Die Kehrseite der Frauenquote ist – nebst der Tatsache, dass ein weiterer massiver Eingriff in die unternehmerische Freiheit, sprich in unsere freie Gesellschaft vorgenommen würde –, dass damit eine positive Diskriminierung stattfände. Wie förderlich wäre das für das Betriebsklima, wenn eine Frau zur Vorgesetzten wird, bloss weil die Quote erfüllt werden muss, aber nicht, weil sie auch tatsächlich besser ist?

Der Punkt ist doch, dass wir das gar nicht wissen, wie sich das entwickeln würde. Es würden ja garantiert nicht einfach die völlig untalentierten Vollversagerinnen für eine Kaderstelle infrage kommen, sondern Frauen, die in die Kategorie «denkbar» fallen. Es wären einfach mehr Türen offen. Sollte eine Frau sich dann als Vollpflaume herausstellen, wäre sie schnell wieder weg. Übrigens hat man auch nicht zwingend die besseren männlichen Vorgesetzten, wenn ein Personalverantwortlicher diese aus seinem Fundus an Militär- oder Vereinskollegen nachzieht. Sobald die Personalverantwortlichen beginnen, genauer auf die Frauen zu achten, studieren sie die Dossiers auch genauer. Ausserdem gibt es Erhebungen, dass Firmen mit einem grösseren Frauenanteil erfolgreicher sind.

Wann lancieren Sie die Kampagne für die Frauenquote?

Wir haben noch keine endgültige Strategie. Klar stösst so ein Anliegen in einem Land, dass sich der Deregulierung verschrieben hat, auf viele Widerstände. Wir müssen also einen guten Plan haben, damit kein Abwehr-Reflex entsteht, sondern ein Gespräch.

Sie schrieben kürzlich in einem Editorial, dass das Private immer politisch sei. Ein Diktum aus der Feminismus-Bewegung. Denken Sie, dass Sie weiterhin genügend feministische Themen haben werden, um darüber zu schreiben?

Ja klar. Es gibt ja immer noch ganz viele kleine chauvinistische Begebenheiten, die man auf den Tisch legen muss. Neulich sass ich mit einem Mann, mit dem ich verabredet war, beim Gespräch in einem Lokal. Es stiessen noch zwei weitere Männer dazu. Nach einer gewissen Zeit schaute mich meine Verabredung nicht mehr an, sondern der Typ sprach nur noch mit den andern Männern. Bis ich ihn dann direkt darauf ansprach: «Sagen Sie, merken Sie das, dass Sie mich seit einer halben Stunde nicht mehr angeschaut haben? Woran liegt das? Einfach damit ich Bescheid weiss.» Solche Mechanismen muss man bewusst machen. Sonst bleibt alles gleich.

Was sagt das über Sie aus, wenn das Private auch politisch ist: Sie sind Chefredaktorin, leben am noblen Zürichberg und sind leidenschaftliche Reiterin. Lässt sich Lisa Feldmann damit politisch einordnen?

Ich komme, daran besteht überhaupt kein Zweifel, aus sehr konservativ-bürgerlichen Verhältnissen. Davon bin ich geprägt. Und ich glaube durchaus, dass eine gute bürgerliche Prägung ein tolles Fundament für eine Gesellschaft sein kann.

Was meinen Sie mit «gute, bürgerliche Gesellschaft»?

Ich komme aus einem Teil Deutschlands – aus dem Sauerland –, wo quasi jeder, den ich als Kind kannte, eine Art KMU unterhielt,  kleine Unternehmen, meist Metall verarbeitende Fabriken für die Autoindustrie. Diese Unternehmer hatten durchschnittlich 14 bis 32 Angestellte, von denen sie alles wussten. Niemand wurde entlassen, weder in der Ölkrise noch sonst in einer Krise. Wenns eng wurde, wurde halt Kurzarbeit gemacht. Diese Unternehmer handelten wie Patriarchen, die zwar im Unterschied zu ihren Arbeitern irre reich werden, die aber auch verantwortungsvoll waren und Sorge trugen. So wurde ich gross in der Annahme, dass jeder, der sich anstrengt, auch reich werden kann, dann aber auch mehr zurückgeben muss.

Wir spüren, dass da ein Aber angepirscht kommt.

Richtig. Diese Haltung hat mir den Glauben als Kind mitgegeben, dass diejenigen, die mehr gelernt haben, auch mehr Verantwortung übernehmen und mehr verdienen sollen.

Jetzt, das Aber.

Aber! Diese Gesellschaftsform ist unglaublich bedroht. Bedroht durch Hedgefonds-Manager, die Heuschrecken-gleich ein Unternehmen für wenige Jahre übernehmen, einen Teil der Belegschaft auf die Strasse stellen und dafür eine zweistellige Marge einfahren. Und dann: Auf zum nächsten Unternehmen. Wir leben heute in einer gewissenlosen Welt!

Was bedeutet das für Sie?

Ich war ein bürgerlich-konservatives Mädchen und habe in den letzten 20 Jahren immer stärker meine Zweifel bekommen. Heute denke ich linker und sozial-demokratischer als je zuvor. So geht es doch nicht weiter! Wir müssen wieder auf die Strasse, protestieren, so geht es doch nicht weiter. Ich bin sehr happy, dass in Frankreich der Sozialist François Hollande zum Präsidenten gewählt wurde.

Die ganzen tragischen Versuche im 20. Jahrhundert mit den sozialistischen Systemen geben Ihnen nicht zu denken? Dass sämtliche sozialistischen Experimente längst gescheitert sind?

Im 20. Jahrhundert sind zum Glück noch ganz andere Dinge gescheitert!

Unter anderem die nationalsozialistischen, faschistischen und sozialistischen Konzepte.

Nicht alle sozialistischen sind gescheitert.

Nennen Sie mir ein sozialistisches Konzept, das nicht gescheitert ist.

Na, sozialistisch ist vielleicht das falsche Wort. Sagen wir die sozialeren Systeme à la Skandinavien zum Beispiel: wie reich Norwegen geworden ist, wie gut es Schweden geht. Auch unter sehr stark staatseingreifenden Verhältnissen.

Eine Horrorvorstellung: Der allmächtige Staat, der alles regeln soll?

Ja klar.

Bitte nicht. Man verschone uns.

Ja klar, ich weiss. Diese Ansicht ist nicht gerade mehrheitsfähig – mir kommt es nur so vor, dass es immer noch besser ist, als das, was wir jetzt haben. Ich weiss, dass es eine unpopuläre Meinung ist, aber es ist halt meine. Unpopulär fand ich immer besser als zu populär.

Ist diese Haltung nicht ein wenig infantil?

Nee. Das hat mit Balls zu tun.

Womit?

Mit Eiern.

Die Chefredaktorin der Frauenzeitschrift Annabelle setzt auf dicke Eier. Und plädiert für die Kehrtwende und für ein sozialistisches System?

Nun beruhigen wir uns mal wieder. Es muss doch auch Ihnen unangenehm sein, wenn man sieht, was aus der freien Marktwirtschaft geworden ist: Eine Spezies Mensch hat die Welt übernommen, die Finanzwelt, die Wirtschaftswelt, so dass diese heute aus 80 Prozent gewissenlosen Egomanen besteht. Das können Sie nicht abstreiten.

So viele Egomanen kenne ich nicht.

Ich weiss nicht, vielleicht sind Ihre Aktien gerade am steigen… Aber wie auch immer – das kann es doch nicht sein.

Ganz schön polemisch.

Mich interessieren Gesellschaftsstrukturen und soziales Zusammenleben, damit die Menschen anständig und fair gemeinsamen Wohlstand erwirtschaften.

Das wird ja längstens beispielsweise mittels Steuerprogression so gewährleistet. Ausserdem können Sie sich Ihre Haltung gut leisten. Sie pflegen einen hohen Lebensstandard.

Dafür muss ich auch viel arbeiten.

Ihre Haltung kostet Sie letztendlich dennoch nichts. Sie haben kein Unternehmen, das Sie über die Runden bringen müssen.

Sie wissen doch gar nicht, was ich mit meinem Geld mache. Ich wohne auf 60 Quadratmetern am Zürichberg, by the way. Ich habe hier keinen Besitz. Natürlich trage ich kein unternehmerisches Risiko, aber ich fahre auch keine absurden Boni ein, wie jeder zweite Banker.

Für mich klingt es einfach komisch, wenn Sie einen auf sozialistisch machen und gleichzeitig am Zürichberg leben und ein Haus in Südfrankreich haben.

Alles erarbeitet. Nichts geerbt.

Ist auch völlig in Ordnung. Aber möchten Sie auch weiterhin frei darüber entscheiden können, was Sie mit Ihrem Geld anstellen, wie Sie es investieren?

Ja. Aber eben, ich gebe auch ganz viel ab. Ich hätte noch viel mehr Häuser, wenn ich mein Geld angehäuft hätte. Aber ich wüsste nicht, wieso. Das Geld muss für etwas nützlich sein. Aber die Unverhältnismässigkeit der Dinge verstehe ich nicht mehr.

Gut, lassen wir das so stehen. Zum Schluss noch eine letzte Frage. Sie sind seit einigen Monaten bei Twitter. Ihr Nickname lautet «Lily Wilde», also Lily, die Wilde.

(lacht) Das ist der Name meiner Grossmutter, sie hiess Lily Wilde. Ich habe immer wieder unter diesem Namen geschrieben, wenn ich meinen richtigen Namen nicht benutzen wollte.

Was, ausser der Vehemenz, mit der Sie Ihre Meinung vertreten, ist denn sonst noch wild an Ihnen?

(lacht) Ich war neulich in Berlin an einer privaten Party. Die Musik war laut, es wurde getanzt. Irgendwann konnte ich nicht mehr anders und begann mitzutanzen. Es wurden so viele tolle Songs aus den 80ern gespielt, die Stimmung war total ausgelassen..

Da haben Sie auch einen hübschen Tweet gepostet.

Genau. Ich habe also mitgetanzt. Da sagte plötzlich eine Berlinerin zu mir, ey, beruhig dich mal. Weil ich so wild getanzt hatte. (lacht) Da dachte ich, okay, dann beruhig ich mich mal.

Annabelle: http://www.annabelle.ch
Annabelle auf Twitter: https://twitter.com/#!/annabelle_mag
Lisa Feldmann auf Twitter: https://twitter.com/#!/lily_wilde
en Soie von Monique Meier: http://ensoie.ch
Julia Hofers Sieger-Reportage: Unter der Haube

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Barstories

Christian Nill

Initiant von Bar-Storys.ch, Journalist und Inhaber der Agentur Storyline – Die Content-Redaktion. Er zeichnet für den gesamten Content auf Bar-Storys.ch verantwortlich, schreibt, redigiert und organisiert.