Clack

Frau Schneewitt und die sieben Kleinwüchsigen

Die Teilzeitprinzessin fragt sich, wie weit «political correctness» in der Sprache gehen darf, ohne die Kultur zu verfälschen und geistige Schranken zu errichten.

Von Meret Steiger

Twittern

Nichts gegen Political Correctness – welcher zivilisierte Mensch will denn durch seine Sprache oder sein Handeln andere verletzen? – aber manche treiben es einfach zu bunt. Zum Beispiel in Sachen Gender. An der Uni Leipzig werden künftig auch männliche Professoren mit «Herr Professorin» angesprochen (Clack berichtete). Das sei eine Art Notwehr, wird diese seltsame Sprachregelung begründet. Und ich dachte, der Peak sei damals mit der «Salzstreuerin» erreicht. Aber auch vor Kinderbüchern machen die allzu Korrekten nicht Halt. Kinderbücher!

Aufgewachsen in einer Zeit, in der es Kinderbücher mit dem Titel «10 kleine Negerlein» gab und der Kasperli nach Afrika zu den Negern reist, wurde mir natürlich erklärt, dass man früher Schwarze ganz ohne Wertung als Neger bezeichnet hat und das deshalb in den Büchern auch in Ordnung ist. Gab es eine Zeit, in der «Neger» oft in beleidigendem Kontext verwendet wurde und deshalb sollte es in neuen Texten nicht mehr verwendet werden.

Es will mir aber umsverrecken nicht in den Kopf, warum man jetzt deswegen Bücher umschreiben sollte. Und wenn man schon Jahrzehnte alte Geschichten einer «Säuberung» unterziehen will, dann doch bitte gleich alle und so richtig. Schneewittchen hat keine böse Stiefmutter, sondern zwei nicht ganz so böse Stiefeltern oder allenfalls auch zwei liebe Stiefpapis oder -mamis, lebt vegan und geht für ein Sabbatical freiwillig zu den Zwergen – äh, sorry – zu den Kleinwüchsigen. Dort isst sie böses, rotes Fleisch und fällt zur Strafe in einen langen Schlaf. Nicht der Prinz rettet sie, sondern die Unia demonstriert für ihr Aufwachen. Der berühmte Spiegel spricht alle Personen im Schloss mit Königin (siehe oben) an und sagt allen nur, wie wahnsinnig individuell sie aussehen.

Nein, jetzt ernsthaft: Wer die klassischen Märchen gelesen hat, weiss, dass die oft ziemlich brutal und blutrünstig sind. Wer sich die Disneyfilme genauer betrachtet, merkt, dass die von politisch korrekt so weit entfernt sind wie die Geissens von Stilbewusstsein. Und gendertechnisch sind sie sowieso unter aller Sau. Cinderella? Mit dem richtigen Make-Over, Glasschuhen und einer Kürbiskutsche bekommst du jeden Prinzen. Arielle? Gib für den Mann, den du willst, deine Familie und dein Leben auf. Und all die anderen Disneyprinzessinnen kommen in der Regel auch nicht besser weg.

Aber wisst ihr was? Ich behaupte, das ist egal. Es sind schliesslich Märchen, Geschichten. Und die meisten Kinder lieben sie. Und können sehr wohl unterscheiden zwischen Fiktion und richtigem Leben. Und wenn man ihnen sagt, dass «Neger» früher ein ganz normaler Begriff für einen Farbigen (Schwarzen? Afrikanischstämmigen? was immer!) war, können sie das sehr wohl verstehen. Und das gilt auch für Eskimos (korrekt: Inuit). Und Zigeuner (korrekt: mobile ethnische Minderheiten). Und ich werde die Mohrenköpfe, die ich so liebe, ganz sicher nicht «süsse Schaumspeise mit dunkler Schokoummantelung» nennen.

Kurz: Ich halte political correctness in der Form, in der sie heute zelebriert wird, nicht nur auf manchen Gebieten für überflüssig, ich halte sie zuweilen schlicht für bedrohlich einengend. Wo kommen wir denn hin, wenn wir keine Blondinenwitze mehr machen dürfen, bloss weil sich irgendwo auf der Welt irgendeine humorlose Blondine davon beleidigt fühlen könnte? Wo kommen wir hin, wenn wir keine blöden Scherzchen mehr über Dinge machen können, die uns voneinander unterscheiden? Und die gibt es, da kann man noch so lange bbehaupten, wir seien alle gleich.

Ich jedenfalls habe genug Humor, um nicht nur über Blondinenwitze zu lachen, sondern auch über Witze über Schweizer, Frauen, Goldküsterinnen und Kolumnistinnen. Schliesslich ist uns allen klar, dass der Intelligenzquotient nicht von einer Haarfarbe abhängt und schon gar nicht vom Geschlecht. Nicht alle Goldküster koksen und nur weil ich mich hier gerne als Prinzesschen gebe, heisst das nicht, dass ich nicht auch anders kann.

Wessen Horizont halt zu beschränkt ist, solche Dinge von selbst zu merken, bei dem hilft auch Political Correctness nicht: Der ist einfach ein engstirniger Idiot, dem etwas Toleranz und Offenheit wohl ganz gut tun würde.

Meret Steiger, 21, Autorin, ist sowohl Mädchen als auch neugieriger Mensch und arbeitet zur Zeit bei Fernsehsender Tele Züri als Inputerin. Wenn sie nicht gerade in der Badewanne sitzt, ihre Schuhe zählt oder George Clooney anhimmelt, richtet sie ihren scharfen Blick und ihren Sinn für Humor auf die kleinen Alltäglichkeiten, mit denen sie sich herumschlagen muss.

(Visited 39 times, 1 visits today)
Teilzeitprinzessin


Kommentare

  • Réda Philippe El Arbi

    @Alam: Dann würden Sie auch Bilder retouchieren, die nicht dem heutigen Politikverständnis entsprechen? Nur eine oder zwei Figuren in den Darstellungen der alten Buren? Oder Onkel Toms Hütte umschreiben? Man kann nicht gewachsene Sprache rückwirkend anwenden und verändern, das haben schon die Nazis versucht mit ihrem “Schlangenapfel”. Es ist dumm und beraubt uns unserer Geschichte und der Möglichkeit, daraus zu lernen. Gerade bei Kindern.
    Und wenn Sie keine grösseren Sorgen haben, als dem Wort “Fräulein” den garaus zu machen, müssen Sie eigntlich ganz glücklich sein. Wenn Sie jemand “Fräulein” nennt, könnten Sie ja ganz direkt dagegen vorgehen.
    Sprache zu verbieten und zu verbiegen ist ein Akt der Barbarei. Unzivilisiert und tendenziell faschistisch.
    Man kann durchaus neue Begriffe einführen, die alte Ablösen. Aber die Spuren der Sprachgeschichte rückwirkend zu löschen ist dumm.

  • claudia

    grossartiges thema! bin voll deiner meinung. als ich das von den professorinnen gelesen hatte, musste ich lachen. aha. die frauen fühlen sich nun nicht mehr diskriminiert. und wie siehts mit den männern aus? diese verbissenen gender-leute sind ja meist frauen, aber um gleichberechtigung gehts ja da nicht. bei denen ist doch meist einfach alles weibliche toll und richtig, und alles männliche scheisse und falsch. mit gleichberechtigung hat das in meinen augen nix zu tun…

    anyway: diese politisch korrekte ausdrucksweise überall zeigt leider, wie steif unsere gesellschaft geworden ist. jeder fühlt sich sofort beleidigt, belästigt, übersehen. jeder schreit pausenlos nach aufmerksamkeit und will immer superkorrekt behandelt werden. ich glaube, etwas mehr lockerheit, ein dickes fell und gesundes selbstbewusstsein und nicht immer alles persönlich zu nehmen würde vielen gut tun.

  • Katharina

    @Tomas: Ich verlange sicher keine Sprachregelung, die irgend etwas verbietet. Sprache entwickelt sich weiter, Hand in Hand mit der Gesellschaft, die sie spricht. Wie gesagt, wir sind uns einig in dem Punkt, dass Regelungen nichts bringen. Deshalb sehe ich auch den Sinn nicht, die Sprache um jeden Preis auf ihrem Stand von vor 50 Jahren “einfrieren” zu wollen. Wie gesagt: Die Gesellschaft verändert sich und die Sprache mit ihr. Dieses Küken kriegt man nie mehr zurück ins Ei.

  • Katharina

    “ich benutze das wort tussi manchmal auch – wie will das gegenüber aber beurteilen, wie ich es benutze?”
    Ich gehe davon aus, dass sich das aus dem Kontext ergibt.
    Genau aus diesem Grund hat der Thienemann-Verlag das Wort “Neger” in den Kinderbüchern nur dort ersetzt, wo es heute im Kontext nicht mehr akzeptabel ist (d.h. wo es von einem allwissenden Erzhäler als generische Bezeichnung benutzt wird), nicht aber dort, wo es beispielsweise in direkter Rede benutzt wird oder wo es im historischen Kontext Sinn macht.
    Ich empfehle allen, die sich wirklich für das Thema interessieren, direkt beim Verlag nachzulesen weshalb und warum und nicht bei den Behauptungen und Angstfantasien ewiggestriger Sprachpuristen, die die deutsche Sprache am liebsten schon im 19. Jahrhundert eingefroren hätten.

  • Katharina

    Nachtrag @Tomas: Sie schreiben “Die Welt wird nicht besser, wenn man die Dinge nicht beim Namen nennen darf – schon nur deshalb, weil der Begriff “besser” für jeden von uns nicht dasselbe bedeutet.”
    Ich glaube, genau darum geht es den Menschen, die sich für die explizite Mitnennung von Frauen (statt “mitgemeint sein”) oder gegen das generische Maskulinum einsetzen: Die Dinge beim Namen nennen. Sie korrekt bezeichnen. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn ein Frauenarzt von seinen Patienten spricht, ist das bestenfalls lächerlich, aber ganz sicher nicht grammatikalisch korrekt.

  • Pascal

    endlich sagts mal jemand…

  • The Damned

    Ganz meine Meinung: Diese political correctness ist nichts anderes, als ein Denkkorsett, welches die freie Meinungsbildung- und Äusserung unterbinden soll. Die Gedanken sind frei!

  • alam

    Sie wissen halt nicht, wie es ist, als erwachsene Frau als “das Fräulein” angesprochen zu werden. Wir haben hart dagegen gekämpft! Ich finde es richtig, dass wir genau hinschauen, auch bei den Märchenbüchern. Klar soll man es nicht übertreiben, aber die hier beschriebenen “Anpassungen” gehören ins Fantasiereich der Autorin. Es wäre kein Verlust für die Kindheit, wenn Bücher mit Begriffen wie “Negerlein” verschrottet würden. Es gibt genug gute Geschichten, für die eine Kindheit nicht ausreicht. Da können wir ruhig einige weglassen.

  • The Damned

    Bei Orwell nannte sich die Umschreibung / Genderkorrekte Sprache Neusprech. Und zu Büchern hatten andere nach der Weimarer Republik auch schon ein äusserst problematisches Verhältnis. Und in ‘Fahrenheit 451’ werden sich gleich von allem Anfang an vernichtet- von der Feuerwehr, notabene, die nicht mehr dazu da ist, Brände zu löschen, sondern um sie zu legen!

  • Meret

    Für junge Frauen finde ich die Bezeichnung “Fräulein” ehrlich gesagt sehr süss und keineswegs schwierig. Das französische Mademoiselle ist ja auch in Ordnung. Als ehemalige Gastromitarbeiterin ist mir “Fräulein” sogar wesentlich lieber als “SERVICE!”.

    Natürlich ist meine Schneewittchenversion übertrieben und entspringt meiner Fantasie. Der Punkt ist aber, dass auf der einen Seite übertrieben und auf der anderen mit zwei Ellen gemessen wird. Entweder ganz oder gar nicht – und ich spreche mich nun mal für gar nicht aus.

  • Meret

    @The Damned

    Zwei meiner Lieblingsbücher in einem Kommentar. Sehr schön gesagt!

  • The Damned

    @Meret: Danke, Bradbury hat auch sonst sehr gute Bücher geschrieben. Seine Kurzgeschichten sind genial! Zum Thema: Es gibt Kreise, die bereits von einem ‘pädagogischen Autoritarismus’ sprechen.

  • Katharina

    Hier noch ein Bisschen Vokabular, um die Diskussion noch klischeehafter führen zu können:
    http://scienceblogs.de/zoonpolitikon/2013/01/20/sprachpolizeiakademie/

  • Meret

    Seufz. Aber genau darum geht es doch. Hier wird auf Details herumgehackt, die weder Ursprung noch überhaupt wirklich teil des eigentlichen Problems sind. Oder glaubt irgendjemand ernsthaft, ich als Frau fühle mich von männlichen Bezeichnungen beleidigt? Wie gesagt, darum geht es nicht. Der Artikel “die” hat mit 47% den grössten Anteil in der deutschen Sprache, was aber bisher keinen Einfluss auf die Lohngleichheit hatte. Es gibt wesentlich wichtigere Dinge, die man unter “Political Correctness” abhandeln könnte als diesen Sprachquatsch.

  • Diana

    Es wird zwar in letzter Zeit wirklich teilweise übertrieben, gerade in der Gender-Thematik, aber ich denke schon, dass es Begriffe gibt, die wir über Bord werfen sollten.

    Die Sache mit den “Negerlein” ist beispielsweise so, dass dieser Ausdruck eben nie nett gemeint war, er war seit je her abwertend, das zeigt schon die Tatsache, dass man einst solche “Negerlein” im Zürcher Zoo ausstellte.  Es macht auch Sinn, über die Verwendung von Worten wie “schwul” als Schimpfwort nachzudenken. Gerade Menschen, die eh schon stigmatisiert oder diskriminiert werden, könnten da etwas mehr Schutz brauchen.

    Man darf die Macht der Worte nicht unterschätzen, es weckt beispielsweise ein ganz anderes Kopfkino, wenn man Muslime als Islamisten bezeichnet oder aus Asylbewerbern Asylanten oder aus gleichgeschlechtlich Liebenden Schwuchteln. Ich plädiere hier nicht für eine Wort-Polizei aber für etwas mehr Rücksichtnahme und etwas mehr Anstand beim Gebrauch der Sprache, die nunmal verletztend sein kann.

    Salzstreuerinnen braucht es also definitiv nicht, da sehe ich kein schützenswertes interesse……… trotzdem, wenn ich ganz ehrlich sein soll, die Sache mit dem Herr Professorin find ich irgendwie spassig, einfach weil es die sprachlichen Realitäten auf den Kopf stellt und sich dadurch die Frage aufdrängt, warum es für Frauen gefälligst kein Problem sein soll, sich als Frau Professor ansprechen zu lassen, für Männer aber schaurig schlimm ist, mit Herr Professorin angesprochen zu werden…… irgendwie hält uns das einen Spiegel vor, wer sich daran erschreckt, sollte vielleicht mal über das warum nachdenken wink

  • Réda Philippe El Arbi

    @Alam: Ja, lassen Sie uns doch gleich alle Literatur verbrennen, die nicht zur jetzigen Geisteshaltung passt. Wer braucht schon Kulturgeschichte und ein verständnis dafür, was vo was kommt.

    Anstatt mit den Kindern hinzusitzen und ihnen die Geschichte zu erklären, die Entwicklung zu verdeutlichen und ihnen so die Chance geben, Probleme und Lösungswege zu verstehen, ist Zensur sicher der bessere Weg.

  • Katharina

    Meret, diese Diskussion wird seit über 40 Jahren geführt.
    Ich weiss nicht, was Sie mit “hier” meinen: Die feministische Linguistik? Die Genus-Sexus-Debatte? Die Uni Leipzig? Die Gegner geschlechtsneutraler Sprachem, die mit Absurditäten wie “Salzstreuerin” um sich werfen, um die Resultate der psycho-linguistischen Forschung ins Lächerliche zu ziehen?
    Michael Ende hat seinen “Jim Knopf” 1983 sprachlich angepasst. Fanden Sie die Geschichte weniger spannend, weil “China” seither “Mandala” hiess?
    Ich finde den Weltfrieden auch wichtiger, als das Raketenprogramm der Nasa!

  • Thorsten

    genau so ist es auch mit neuen Studien, neuen Empfehlungen, so viele Experten die alles wissen, Überreaktionismus von allen möglichen Teilnehmern.
    Da soll man Glühbirnen auswechseln um mit reinem ökologischem Gewissen schlafen zu können, aber der zweimal jährlich stattfindende Ausflug nach Rust in den Europapark ist io. Oder das tägliche Präparieren der Skipisten.
    Aber jeder möchte halt noch etwas zu unserer perfekten Welt beitragen.
    Auch die ganze Aufregung über das Sammeln von Daten im Internet. Machen doch alle Staaten, nicht nur die USA, warum reagieren alle so überrascht?
    lass dich nicht verrückt machen.
    sollen sie ihre Bücher alle umschreiben, der Staat zahlt es, jemand verdient und alle sind happy

  • Katharina

    Ich glaube nicht, dass der Staat dem Thienemann-Verlag die überarbeitete Neuauflage der “Kleinen Hexe” bezahlt.

  • marie

    und erschreckende tatsache: es gibt sogar bestrebungen einiger, das wort neger wieder benutzen zu dürfen. und noch erschreckender: es gibt eltern, die den kindern die bedeutung des worts neger nicht mehr erklären (können?).
    in der tat, respekt ist das zauberwort und das nichtvergessen; deshalb finde ich, dass in der literatur diese begriffe nicht verschwinden, damit wir, eben, erklären und uns immer wieder damit auseinandersetzen.

  • marie

    unter literatur meinte ich natürlich in erster linie die klassiker und in der zeitgenössischen… na ja… ist dann wiederum ein thema für sich.

  • alam

    @Réda: Nein ich will nicht alle Literatur verschrotten. Aber ein Negerlein beschreibt nun mal ein Afrikanerkind, ein Zwerg aber nicht einen Kleinwüchsigen. Zwerge sind Fantasiegestalten, genauso wie Riesen, Elfen und Meerjungfrauen. Deshalb sage ich, genau hinschauen…
    @Meret: Mademoiselle ist ist immerhin noch weiblich und keine Verkleinerungsform von Madame, deshalb ist es nicht so schlimm wie das Fräulein, ein sächliches Miniweib.

  • Ylene

    Wäutklass, Meret. Nicht nur hast du völlig recht, deine Kolumne ist auch unterhaltend geschrieben. Die ganze Political Correctness ist doch nur ein Stellvertreterkrieg. Nur weil einer einen Blondinenwitz bringt, ist er noch lange nicht sexistisch und umgekehrt.

  • Tomas

    Schön zu sehen, dass man sogar in dermassen von Dummheit befallenen Branche wie die Medien noch Menschen findet, die sich dem benutzen des Hirnes abzusagen weigern. Wobei wir uns nichts vormachen müssen, Prinzessin: sie stellen eine winzige Minderheit dar, und falls sie bei dem Beruf bleiben wollen, sind meine Prognosen für sie düster, zumindest mittelfristig. Denn Medien müssen konform sein, wenn sie nicht zu einem Stigma à la Weltwoche erklärt werden wollen, und unvoreingenommene Kommentatoren haben in der “bloss nicht was falsches sagen” Welt keine Überlebenschance. Nun, die schlechte Nachricht ist die: in der Geschichte der menschlichen Zivilisation kommt es immer wieder zu einer pandemieartigen Manipulation der Massen. Echnaton, Savonarola, Heinrich Kramer, Queen Victoria, Robespierre, Lenin, Hitler, Mao, Pol Pot, McCarthy, Taliban, Pasdaran, Kin Il Sung – die Reihe kann in beide Richtungen endlos fortgesetzt werden. Es kommt immer wieder vor, dass ein Dogma zur Realität verklärt wird und entweder durch Zwang, geschickte Manipulation oder beides zum Standard gemacht wird. Dennoch, und das ist die gute Nachricht, alle solche Versuche landen früher oder später auf dem Misthaufen der Geschichte. Der gesunde Menschenverstand oder das natürliche Wesen von uns Menschen, positiv oder negativ, setzt sich mit der Zeit gegen alle unnatürliche Manipulationsversuche durch. Manchmal braucht es länger, manchmal geht es schnell, was relativ ist, weil zum Beispiel der reale Sozialismus Millionen von Toten und zerstörten Existenzen brauchte bis es implodierte. Zu Ende kommen sie aber alle, die aberwitzigen Weltverbessererexperimente.
    Das traurige ist, dass solche Katastrofen immer wieder passieren und passieren werden. Und zwar gerade deshalb, weil sie immer zuerst einmal von guten Absichten eingeleitet werden. Es wird immer wieder Ideenkonstrukte geben, die die blökende Masse dankend aufnimmt, ohne dabei zu überlegen was sie sich damit antut. Die gefährlichsten Kreaturen auf unserer Erde sind nicht Massenmörder oder sonstige Bösewichte, sondern die Gutmenschen, die Weltverbesserer. Denn sie sind es die den wirklich Bösen die Legitimation fabrizieren. Nun ja, wir werden es nicht ändern können. Ich wünsche Ihnen, dem Klub der Hirnbenutzer möglichst lange erhalten zu bleiben.
    Ideologien, egal wie gut gemeint, fangen dort an, wo Intelligenz aufhört.

  • Katharina

    @marie: In der Weltliteratur (“Onkel Toms Hütte” etc.)  wird der Begriff ja auch nicht verschwinden. Erwachsene rezipieren so eine Erzählung ja auch ganz anders, als Leseanfänger.
    Aber wäre “Die kleine Hexe” in modernes Deutsch gebracht und “Negerlein” als generische Bezeichnung für Menschen afrikanischer Herkunft beibehalten worden, wäre das auch irgendwie komisch gewesen, oder? Im Jim Knopf kommt das Wort noch vor, jedoch nur dort, wo es in direkter Rede verwendet wird (Herr Ärmel sagt “ein Neger” etc.).
    Hat eigentlich irgend jemand hier Grimms Märchen im Original gelesen? Also ich nicht, immer nur Adaptationen in modernem Deutsch. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass Rotkäppchen als “Dirne” bezeichnet worden wäre.

  • Katharina

    Naja, schlussendlich hat eine Karriere im Journalismus mit dem korrekten Gebrauch der Sprache zu tun. Eine Politikerin als Politiker zu bezeichnen (oder umgekehrt) ist weder grammatikalisch noch inhaltlich korrekt.

  • marie

    katharina voll bei dir – onkel toms hütte und die kleine hexe (wobei preussler ja einverstanden war und dies sogar gut hiess; wie er in einem seiner letzten interviews ganz klar betonte) umgeschrieben, undenkbar für mich.
    aber wir sollten dabei dann auch erklären, denn es gibt in der tat bestrebungen, das wort neger in der öffentlichkeit wieder benutzen zu dürfen – für mich halt ein no go aufgrund der “historischen konnotation” dieses begriffes . wir haben darüber auch schon gemeinsam gepostet und sind zum gleichen schluss gekommen.

  • Katharina

    Es gibt ja hier in der Schweiz kein Verbot, im persönlichen Gespräch “Neger” zu sagen (ausser im Kontext des Antirassismus-Gesetzes). Es ist auch nicht verboten, im Lift laut zu furzen oder sich vor Publikum in der Nase zu popeln. Man muss halt einfach mit entsprechenden Reaktionen rechnen…

  • marie

    richtig katharina. der historische kontext darf aber dabei nicht vergessen werden, denn der ist am ende ausschlaggebend für die allfällige “haue”, danach aber bitte keine klage.
    bsp:
    ich benutze das wort tussi manchmal auch – wie will das gegenüber aber beurteilen, wie ich es benutze?

  • Tomas

    Katharina, sie haben natürlich Recht. Mir ist dennoch eine Welt lieber, in der es erlaubt und akzeptiert wird dass nicht alles korrekt ist, als solche die vorgibt was korrekt sein soll.
    Ich möchte die Freiheit zum Fehlerhaften haben. Und ich nehme sie mir auch.

    Und wenn ich die Wahl habe, zwischen dem Versprechen dass alles und immer nur in der korrekten Fassung stattfindet, oder dass ich alle Freiheiten allen gestatte, obwohl ich oder andere dadurch wie auch immer von der Umwelt vielleicht nicht verstanden oder beleidigt werden, zögere ich keine Sekunde grin
    In meinem Heimatland gehört es zur Kultur, dass nichts und niemand heilig ist und niemand kann sich einem noch so unter der Gürtellinie stattfindendem Kommentar entziehen. Nach einer überlebten Diktatur ist es nur zu verständlich, dass sich niemand verbieten lässt den Kaiser seiner Nacktheit zu bezichtigen. Das Erkenntnis daraus ist es, dass es zu Tiefschlägen kommt, und zwar bis zu der obersten Ebene – siehe die Person des gegenwärtigen tschechischen Präsidenten die an Vulgarität kaum zu überbieten ist – die aber dennoch letztlich nur auf den jeweils Einzelnen beschränkt sind. Das ist um einiges erträglicher, als wenn der Marasmus quer durch die Gesellschaft zur Norm erklärt wird.

  • alam

    Und was hat jetzt das ganze mit Merets Text zu tun?

  • Katharina

    @réda: Inwiefern wäre es sinnvoll, die ganze “Kleine Hexe” in modernes Deutsch zu bringen mit einziger Ausnahme des Wortes “Negerlein”?

  • Katharina

    Es ist ja alles erlaubt, mehr als jemals zuvor. Wie bereits erwähnt: Auf das laut Furzen im Aufzug ist erlaubt oder das laut Rülpsen während eines Galadinners. Es ist nicht verboten. Aber die Höflichkeitsregeln haben sich mit den Jahren verändert und sind heute andere, als sie vor 50 oder 100 oder 500 Jahren waren.
    Die Gesellschaft entwickelt sich, die Sprache mit ihr. Das ist der Lauf der Dinge.
    Meret ist es heute noch egal, wenn sie mit “Fräulein” angesprochen wird. Aber irgendwann wird sie auch anfangen, sich darüber zu nerven, wenn andere nicht respektieren, wie sie angesprochen werden möchte. Ein, zwei Mal lässt man Respektlosigkeiten noch lächelnd durchgehen, aber irgendwann nerven sie und irgenwann erkennt man sie als Respektlosigkeiten und fängt an, zurück zu schiessen. Zuerst lächelnd und dann mit immer schärferen Worten. Und plötzlich gehört man, hastdusnichtgesehen, auch zu diesen humorlosen Emanzenzicken wink
    Das ist einfach der Lauf der Dinge, seit sich Frauen nicht mehr unwidersprochen als Fussabtreter benutzen lassen.

  • Tomas

    alam: wenn sie den Zusammenhang nicht sehen, dann beachten sie den Text einfach nicht, es ist offensichtlich nicht für sie bestimmt.

    Katharina: gewiss, es gibt so etwas wie Benimmregeln und es gibt auch Verstösse dagegen. Wer in einem Aufzug rülpst, wird von anderen Fahrgästen als jemand angesehen, der in einem Aufzug rülpst. Das ist auch OK so. Jemand der sich nicht benehmen kann sollte als solcher wahrgenommen und bezeichnet werden dürfen. Die Welt ist nicht perfekt, wir sind nicht alle mit der gleichen Kinderstube gesegnet und die Intelligenz verteilt sich in der Bevölkerung nicht regelmässig, sondern nach der gausschen Kurve, auch wenn dies unfair ist (wobei, bei Frauen ist sie wie es scheint regelmässiger verteilt als bei den Männern, hmm, vielleicht sind deshalb Frauen so oft von der Illusion der “gerechten Welt” befallen) . Wenn wir aber meinen, dass durch eine Sprachregelung die es verbietet, einen Dummkopf oder Grobian auch so zu nennen plötzlich der linke Ast der Kurve verschwindet, ist das wie wenn man einen Wirbelsäulenbruch durch Retouche von Röntgenbildern zu heilen versuchen würde. Die Welt wird nicht besser, wenn man die Dinge nicht beim Namen nennen darf – schon nur deshalb, weil der Begriff “besser” für jeden von uns nicht dasselbe bedeutet.

  • The Damned

    “ist das wie wenn man einen Wirbelsäulenbruch durch Retouche von Röntgenbildern zu heilen versuchen würde.”

    Volltreffer: Das trifft für mich vor allem auf den Genderbereich zu. Kommt noch hinzu, dass ich nicht glaube, dass die Politisierung der Sprache zu mehr Toleranz bei der Masse beiträgt. Je nach Leseweise sind ca. 5 bis 10 Prozent aller Menschen schwul, weit unter einem einzigen Prozent sind trans- oder intersexuell. Wenn die heterosexuelle Mehrheit sich ein Sprachdiktat aufzwingen lässt, dass samtliche Sexualitäten- der Kürze halber nenne ich sie mal so- mit einschliessen soll, dann resultiert daraus sicherlich auch immer mehr Widerwille. Wenn sich >99 Prozent aller Menschen an die Lebenswirklichkeit von <1 Prozent aller Menschen sprachlich anpassen muss, dann wird ganz bestimmt nicht mehr Toleranz und Verständnis dabei herausschauen, sondern weniger.

  • alam

    “weitere Begehrlichkeiten wecken wird” Ja, das sind ja gaaaanz schlimme Begehrlichkeiten. Sollen die Frauen nun einfach still sein und zufrieden mit dem was bisher erreicht wurde? Wovor haben Sie Angst? Sie kommen mir reichlich paranoid vor.

  • Charles Wüthrich

    Danke, Frauen und Männer wie Sie braucht die Welt!

  • The Damned

    Politische Korrektheit anhand von Berlin (Frauenquote für Strassennamen), die Diskussion hat einigen Wirbel verursacht:

    http://www.rp-online.de/politik/deutschland/eine-frauenquote-fuer-strassennamen-1.3363669

    http://www.tagesspiegel.de/berlin/der-streit-um-die-benennung-eines-neuen-platzes-in-kreuzberg-buerger-plaedieren-fuer-den-patron-moses-mendelssohn/8117758.html

    http://www.morgenpost.de/bezirke/friedrichshain-kreuzberg/article115587864/Mendelssohn-Platz-wird-nun-weiblich-und-maennlich.html

    Gendergerechte Strassenverkehrverordnung in Deutschland: Das gesellschaftliche Bewusstsein wird sich ändern, weil es keine “Fussgänger” mehr gibt, sondern nur noch “wer zu Fuss geht”, “Radfahrende” heissen jetzt “wer ein Rad führt”. Auch Mofafahrer gibt’s keine mehr, die heissen jetzt politisch su-per-kor-rekt “Mofa Fahrende” etc., etc.). Die Neufassung der deutschen Straßenverkehrsordnung StVO trat bezeichnenderweise am 1. April (!) dieses Jahres in Kraft:

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/neue-geschlechtsneutrale-stvo-dummdeutsch-im-strassenverkehr-a-891487.html

    Und wer wissen will, warum immer mehr Menschen den Genderistas (die Tugendwächter in unserer furchtbaren Kultur) langsam buchstäblich alles zutrauen, der darf diese hier Meldung weiter lesen. Sie hat zu grosser Verwirrung bis weit hinein in den wissenschaftlichen Betrieb der BRD geführt, weil verschiedene GeschlechterforscherInnen unlängst ein Verbot von heterosexuellen Liebesliedern aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk gefordert haben..:

    http://sciencefiles.org/2013/04/25/geschlechterforscher-fordert-liebeslieder-verbieten/

    Die ganze Wahrheit findet man hier:

    http://www.heise.de/tp/artikel/39/39025/1.html

    Und warum der Bildungsforscher Michael Klein und Dr. habil. Heike Diefenbach, mit denen ich selbstverständlich ebenfalls lose Kontakte unterhalte, diese haarsträubende Meldung verfasst haben, liest man im folgenden Beitrag, der kürzlich auf einer v. a. queerfeministischen Seite publiziert worden ist:

    http://maedchenmannschaft.net/hat-jemand-knutschverbot-gesagt-critical-hetness-101/

    Hier von einer gewissen Heterophobie zu sprechen, ist natürlich an den Haaren herbei gezogen…

    @alam: Nett, dass sie sich um meine psychische Konstitution Gedanken machen, aber ich muss sie enttäuschen: Mir geht es blendend und ich bin Vollbesitz meiner geistigen Kräfte. Von Paranoia kann keine Rede sein. Aber hier habe ich- extra für Sie sozusagen, weil Sie sich so rührend um mich sorgen- noch eine Radiosendung über dieses Thema ausgegraben (Quotendeutsch: Brauchen wir eine geschlechtsneutrale Sprache?):

    http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/swr2-forum/-/id=660214/nid=660214/did=11220188/1hkifb7/

    Schönes Wochenende wink

  • The Damned

    Nachtritt, äh, Nachtrag: Die neue, deutsche Rechtschreibung ist bislang noch nicht einmal zu allen Zeitungsredaktionen, Verlagen, Schriftstellern, etc. vorgedrungen, da werden schon neue Änderungen gefordert! Das dürfte weltweit ein einmaliges Phänomen sein!

    Mehr Femininum, geht klar: Aber wer mehr fordert, hat einen anne Schüssel, sorry. Die (deutsche) Sprache ist schliesslich kein postmoderner Spielzeugkasten für ein paar durchgeknallte AkademikerInnen, sondern das wichtigste Mittel zur zwischenmenschlichen Verständigung!

  • Katharina

    @the damned: Ja, alles gut und recht. Aber Sie haben meine Frage nicht beantwortet.  Welche Begehrlichkeiten sprechen Sie konkret an, die durch die Verwendung des Maskulinums nicht geweckt werden, durch die Verwendung des Femininums aber schon? Es ging ja nur um das Reglement der Uni Leipzig, um die Umgehung uneleganter und unästhetischer Konstruktionen mit Binnen-I und Schräg/strichen. Eine Rechtschreibeproblem, das ohne politische Diskussion oder so durchgewunken wurde. Das war nicht mal ein Genderproblem.

  • The Damned

    Die weibliche Form mehr anzuwenden, da bin ich sofort dafür. Nur unterliegt die (deutsche) Sprache auch den Gesetzen der Ästhetik. Also machen wir es so einfach wie möglich und nicht so, wie es uns die Genderistas aus dem akademischen Elfenbeinturm vorschreiben wollen: Mal die weibliche, mal die männliche Form, ganz nach Belieben, ohne staatliche Vorschriften. Aber dieses _*/..-Zeugs da, wie es den politisch Superkorrekten vorschwebt, dass darf unter gar keinen zur sprachlichen Norm werden. Sonst sehen wir vor lauter Sonderzeichen bald die Sprache nicht mehr. Allen anderen Formen der politischen Sprachkorrektheit, wie unten erwähnt, stehe ich äusserst kritisch und ablehnend gegenüber. Die Politisierung der Sprache ist und bleibt ein heikles Thema. Ob man alles Lebensbereiche politisieren kann ist für mich kein Thema: Ganz klar nein! Das Private ist mitnichten politisch!

  • The Damned

    @Katharina: Sie werden es mir hoffentlich nicht nachsehen, wenn ich Ihnen auf Ihre rein rethorische Frage noch einmal dasselbe antworte: Ob Femininum oder Maskulinum ist Hans wie Heiri. Nur muss dieses Leipziger Gendermusikantenstadl im Rahmen einer ganzen Entwicklung gesehen werden, die langsam unsere freiheitlichen Rechte insgesamt zu beschneiden droht, wie der vorliegende Text von Meret unzweifelhaft beweist. Leipzig alleine macht noch keinen Sprachfrühling, konzentrieren wir uns doch bitte um eine gesamtheitliche Perspektive: Wollen Sie zum Beispiel, dass am Ende sämtliche Aktbilder von Peter Paul Rubens aus den Museen verbannt werden, weil eine nicht näher quantifizierbare (aber politisch doch recht klar verortbare) Minderheit politisch hysterisierter FanatikerInnen in ihnen ‘Sexismus’ wittert? Soll Nabokov’s Lolita aus denselben Gründen auf den Index wandern? Und was erst soll mit der (Akt)fotografie geschehen? Und was mit den Künsten insgesamt..?! Darum geht es- und nicht ‘nur’ um Leipzig!

  • Katharina

    Dann sind wir uns ja einig.
    Aber wieso dann das Hyperventilieren, wenn eine 80 Entscheidungsträger und -innen einer Unversität im Osten Deutschlands in demokratischem Prozess frei entscheiden, in ihrem Reglement zu schreiben “der Einfachheit halber wird in diesem Reglement durchgängig die weibliche Form verwendet, Männer werden selbstverständlich mitgemeint”?

  • alam

    Früher war es Privatangelegenheit, wenn der Mann seine Frau und Kinder schlug. War das richtig? Noch früher war es Privatangelegenheit, sich Leibeigene zu halten. War das richtig? Ich wurde vor beidem verschont. Warum? Weil es Menschen gab, die dagegen gekämpft haben. Heute sind die Missstände, unter denen Frauen leiden müssen nicht mehr ganz so gravierend. Aber sie sind immer noch da und ich bin froh, dass jemand dagegen ankämpft. Aus Erfahrung wissen sie natürlich auch, dass sie übertreiben müssen, um überhaupt wahrgenommen zu werden.

  • The Damned

    In der heutigen Zeit ist es leider kaum mehr möglich, einen sinnvollen, politischen Diskurs zu führen, ohne dass gleich extrem polarisiert wird. Also sind alle Beteiligten sozusagen dazu gezwungen, rumzubrüllen- wohlwissend, dass sich dadurch dann der vernünftige Mittelweg, der Kompromiss, den man eigentlich von allem Anfang an angestrebt hat, einstellen wird. Das ist ein Gesetz der Mediengesellschaft, dass es leider zwingend einzuhalten gilt: Sonst wird man wirklich von niemandem mehr wahrgenommen. Das sage ich als ehemaliger Anti-Feminist, der mit allen Köpfen aus der Männerbewegung persönlich bekannt ist. Die Gesetze der Mediengesellschaft haben bei allen Verlautbarungen immer eine mindestens ebenso wichtige Rolle gespielt, wie inhaltliche Aspekte. Nun können wir uns freilich darüber unterhalten, wie es unter diesen verzerrenden und mitunter sogar richtiggehend verfälschenden Vorzeichen um die politische Diskurskultur bestellt ist. Ich kann es eigentlich gleich sagen: Nicht zum Besten. Und das bei Weitem nicht nur im Bereich der Geschlechterfragen, schätze ich. Was die causa Leipzig anbelangt: Es steht zu befürchten, dass diese eine, alleinstehende Entscheidung weitere Begehrlichkeiten wecken wird. Die Frage ist nur welche. Und genau das ist der springende Punkt.

  • Katharina

    @The Damned: Ich verstehe immer noch nicht, worauf Sie hinaus wollen. Inwiefern beschneidet die demokratisch getroffene, souveräne Entscheidung des Leipziger Universitätssenates die Freiheit der westlichen Welt und inwiefern wäre es gut für diese Freiheit, wenn der Staat oder sonst jemand der Universität Leipzig per Gesetz eine andere Formulierung als die frei und demokratisch gewählte aufzwingen würde?
    Verlangen Sie ernsthaft, dass der Staat sich bin in die grammatikalischen Formulierungen von Texten einmischt, die ihn nichts angehen?!

  • Katharina

    Was sollte eine Gruppe zahnloser älterer Herren und Damen, die sich 50 Jahre nach den Studentenunruhen wieder mal revolutionär fühlen wollten, denn Ihrer Meinung nach noch fordern wollen, was über den weiblichen Genus hinaus ginge?
    Weshalb genau ist es bedrohlicher, wenn in einem Reglement durchgängig der weibliche Genus (Femininum) verwendet wird, als wenn es der männliche Genus (Maskulinum) wäre?
    Welche Begehrlichkeiten sprechen Sie in Ihrem letzten Satz konkret an, die durch die Verwendung des Maskulinums nicht geweckt werden, durch die Verwendung des Femininums aber schon?

  • Katharina

    @Meret, ein kleiner Nachtrag. Ich zitiere bezüglich der Universität Leipzig:
    <cite>
    Der Vorschlagstext der Grundordnungskommission, welcher dem Erweiterten Senat am 29.09.11 unterbreitet wurde, war mit Schrägstrich gegendert (beispielsweise stand dort Professor/innen). Auf die Beschwerde von Prof. xy, das Dokument sei so schwer lesbar, kam aus der Menge der eher lapidar formulierte Vorschlag, die Grundordnung doch im generischen Femininum zu verfassen, man habe keine Lust, sich mit der Debatte zu lange zu befassen und so sei wohl Aller Wünsche Rechnung getragen. Die Rektorin verstand diesen Vorschlag als Antrag und bot diesen dem Erweiterten Senat zur Abstimmung. Unter heiterem Gelächter wurde der Antrag mehrheitlich angenommen, woraufhin die Debatte um die inhaltlichen Punkte der Grundordnung fortgesetzt wurde.
    Es handelte sich dabei um einen Vorgang von circa 10 Minuten in einer Grundordnungs-Debatte von mittlerweile fast zwei Jahren, während dessen eine inhaltliche Genderdebatte nicht einmal ansatzweise gestreift wurde.
    http://fsrpowi.de/?p=1172
    </cite>
    Es ist also mitnichten so, dass da ein paar ausgeflippte Emanzen lange an Nebensächlichkeiten rumdiskutieren. Das “lange Rumdiskutieren” entstand danach und bezieht sich insbesondere auf das Richtigstellen von Falschaussagen, die von schlecht recherchiert habenden Journalisten in die Welt geblasen wurden.
    Hier die ganze Geschichte: http://www.bildblog.de/49640/mein-lieber-frau-gesangsverein/

  • The Damned

    Katharina, ich glaube, Sie wollen mich nicht verstehen.

    Schönen Sonntag.

  • mira

    Haben Sie die Geschichte mit den Professoren wirklich nicht recherchiert oder ganz bewusst verdreht? Ich hoffe für Sie, dass ersteres zugrifft..

  • Katharina

    Tomas, ich habe absolut keine Ahnung, wie Sie als Individuum genannt werden möchten oder wie man das anders als durch Nachfragen herausfinden könnte.
    Wie gesagt: Ich verwende den Begriff PC nicht.
    Sie verwenden ihn aber. Deshalb habe ich nach Ihrer Definition gefragt. Was genau meinen Sie mit “PC”, wenn Sie diesen Begriff verwenden? Also SIE persönlich, nicht irgend jemand anderes.
    Ihren Ausführen betreffend Sprache stimme ich im grossen und ganzen zu.
    Kennen Sie jemanden, der tatsächlich gefordert hat, man solle “horizontal herausgefordert” sagen statt “dick” oder einem entsprechenden Synonym, haben Sie diese Forderung tatsächlich im richtigen Leben schon gehört oder gelesen? Ich meine aus erster Hand, also nicht von einen Komiker oder einen PC-Kritiker, der den Begriff ironisch verwendet?

  • Tomas

    Die Rede hier ist aber von PC, was sie ansprechen ist nur ein marginales Teilereignis dieses wahnwitzigen Phänomens. Ansonsten, sicher, jeder wer gewohnt ist die Sprache präzise zu nutzen ist bemüht, Patientinnen als solche zu bezeichen. Genau aus dem gleichen Grund wird er aber nie Patienten als Patientinnen bezeichnen. Im übrigen, jedem steht frei die Sprache so zu verhunzen wie ihm beliebt. Da es bei der Sprache vor allem um Kommunikation und um Selbstdarstellung geht, kann er dadurch nur sich selbst zum Trottel machen. In meiner sexistisch anmutenden Äusserung sind Frauen natürlich mitgemeint.

  • Tomas

    Katharina: natürlich, die Sprache entwickelt sich so oder so, und zwar von unten. Die Versuche von oben herab etwas zu bewirken schlagen nie hohe Wellen ausserhalb der geschützten Werkstatt in der sie entstehen, nur so von wegen ihrem “Küken”. Wenn man Feministinnen als etwas cooles wahrnehmen würde, kann sein dass inzwischen jeder gangsta Hiphopper seine Kumpels nur noch als Sista anstatt Nigga ansprechen würde. Wobei, es kommt mir jetzt in den Sinn, dass als ich beim Militär war, weckte an seinen guten Tagen mein Unteroffizier die Mannschaft mit einem freundlichen “aufstehen, Ladies”. An den sonstigen Tagen war es immerhin “raus mit euch, Fotzen”. Obwohl diese Erlebnisse bereits mehr als zwanzig Jahre zurückliegen, hat sich unverständlicherweise diese visionäre Verwendung der femininen Form nie ausserhalb der Kaserne verbreitet.

  • Katharina

    Tomas, ich weiss nicht, was Sie unter “PC” verstehen.
    Offenbar nicht das Gleiche wie ich.
    Ich benutze den Begriff selber nicht. Aber wenn ich ihm begegne, dann ungefähr so in der Bedeutung “Menschen so bezeichnen, wie sie selber bezeichnet werden möchten”. Der Rest ist Grammatik.
    Was wäre denn Ihre Definition von “political correctness”?

  • Katharina

    Ich versehe immer weniger.
    Wo genau sehen Sie im deutschen Sprachraum Versuche, die Sprache von oben herab zu verändern?
    Überall, wo ich hinschaue, sehe ich Politik und Behörden, die mit mindestens zehn Jahren Verspätung den geänderten gesellschftlichen Gewohnheiten Rechnung zu tragen versuchen.
    Wo genau sehen Sie die Politik in diesem Bereich der gesellschaftlichen Entwicklung vorausgehen bzw. wo haben Sie den Eindruck, die Politik wolle eine gesellschaftliche Entwicklung forcieren, die noch nicht stattgefunden hat?
    Haben Sie eventuell ein Beispiel?

  • Tomas

    Katharina, was sie beschreiben ist vielleicht eine gutgemeinte (obwohl ich mir da nicht immer so sicher bin) Absicht, mehr aber nicht. Wenn ich aber jetzt einmal kurz so tue wie wenn das erstrebenswert wäre: woher möchten sie wissen, wie ich genannt werden will? Und wie wollen sie herausfinden, was ich allenfalls als verletzlich empfinde, um, wie es die PC in einer vorauseilenden Treuherzigkeit vorschreibt, darum herum einen weiten Bogen zu machen? Richtig, sie haben keine Ahnung, weder bei mir, noch bei den Milliarden von anderen Erdenbewohnern. Also, immer noch in der Annahme dass ihre Absicht begrüssenswert wäre, versuchen sie es allen Recht zu machen und wundern sich, was für sprachliche Misgeburten auf dem kleinsten Nenner der überempfindlichsten Zicke so im stillen Kammerlein entstehen und sind entsetzt weil kaum ein normal denkendes Wesen je vor hat sie zu gebrauchen – ausser Journalisten natürlich, wobei die zähle ich nicht unbedingt zu der genannten Teilmenge.

    Sprache entsteht frei beim Gebrauch, von unten, von Menschen auf der Strasse. Ob ein Ausdruck wirklich in die Allgemeinsprache findet und dort auch dauerhaft bleibt kann niemand zuverlässig sagen. Auf jeden Fall sind es nicht die Sprachwissenschaftler oder irgendwelche sich langweilende Gleichstellungsbeauftragte die ihr Daseinsberechtigung zu rechtfertigen versuchen die hierfür entscheidend sind. Kein Mensch sagt “horizontal herausgefordert”, sondern einfach “fett”. Kein Mensch sagt “facility service Angestellte” sondern “Putzfrau”. Also nicht “horizontal herausgeforderte weibliche Facility- Serviceangestellte”, sondern fette Putzfrau.

    Einmal fand ich eine gute Definition dessen, was PC ist: “Politisch korrekt’ ist die politisch korrekte Umschreibung für ‘dumm’”.

  • Alma

    “Wessen Horizont halt zu beschränkt ist, solche Dinge von selbst zu merken, bei dem hilft auch Political Correctness nicht: Der ist einfach ein engstirniger Idiot, dem etwas Toleranz und Offenheit wohl ganz gut tun würde.” Ja dir auch.

Lesen Sie auch: