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Familie ohne Bande

Schweizer Politiker interessieren sich in der Regel kaum für Familienpolitik – auch weil ihnen die Materie schlicht zu kompliziert ist.

Von Seraina Kobler

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Das eindrücklichste Beispiel für den Geschlechtergraben beim Familienartikel, der eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf will: Die FDP. Die FDP-Frauen sind dafür, die FDP-Männer dagegen – so das Fazit nach dem Verdikt der Kantonalpräsidenten zur Position der Partei im Abstimmungskampf.

Das Ergebnis ist symptomatisch: Wer karrierebewusst ist, braucht die Unterstützung von grossen Verbänden wie dem «Hauseigentümerverband», «Economiesuisse» oder Umweltverbänden. Das verschafft einem Politiker schnell ein Gesicht. Verbände aus dem sozialen Bereich wie «Pro Juventute» oder «Pro Familia» sind zwar «nice to have», bringen aber kein Geld, keine Macht und keinen Einfluss. Die politischen Schwergewichte konzentrieren sich daher meist auf die sogenannten A-Themen wie etwa Finanzen und Wirtschaft. Das bringt ihnen mehr Aufmerksamkeit. Ein Blick in die Liste der Interessenverbindungen der National- und Ständeräte  bestätigt diese Einschätzung. Familien-und Kinderverbände werden von  Parlamentarierinnen und Wirtschaftsverbände meist von Parlamentariern vertreten.

Das komme auch daher, sagt SP-Nationalrätin Yvonne Feri, dass Familienpolitik von vielen als eine Art «privater Wohfühlbereich» begriffen werde. Hier wirke die Trennung von privat und öffentlich nach: Doch weil das Private politisch sei, wie die Frauenbewegung gelehrt habe, setzte sie sich vehement dafür ein. Etwa mit der Forderungen nach einer geschlechterunabhänigen Altersvorsorge, die jedoch unbezahlte Arbeit berücksichtige. Oder der ökonomischen Gleichstellung der Geschlechter.

Wenn die Zeit fehlt

Es zeigt sich: Familienpolitik ist umfassend und kompliziert. Man muss nicht nur die ausgeklügelte Tarifsysteme von Kinderkrippen kennen, sondern auch über Sozialversicherungen, Bildung und Alterspolitik Bescheid wissen. Sich in diese Themenfelder einzuarbeiten braucht vor allem eins – Zeit. Diese fehlt aber vielen Parlamentariern, besonders denen, die noch zahlreiche Mandate haben. Im Bundeshaus wird gemunkelt, viele Exponenten der SVP kämen gar nicht an die Podien zum Familienartikel – wohl auch, weil es ihnen zu kompliziert sei. 

Übrig bleiben die Politikerinnen. Frauen machen Familienpolitik, weil sie selbst auf irgendeine Art betroffen seien, sagt CVP-Nationalrätin Barbara Schmid-Federer. Wenn sie zum Beispiel die Betreuung ihrer Kindern oder betagten Eltern selbst organisieren müssten. Bei den Gegnern des Familienartikels fällt auf, wie auch das Beispiel der FDP zeigt, dass es sich meist um Männer über 45 handelt die sonst eher im Dienste der Wirtschaft stehen. Sie warnen entweder vor massiven Kosten und Staatskindern (Christoph Blocher SVP) oder behaupten es gäbe keine Probleme bei der Betreuung (Filippo Leutenegger FDP). Als vor 65 Jahren über die AHV abgestimmt wurde, brachten die Gegner aus den katholisch-konservativen Kreisen ähnliche Argumente gegen die obligatorische Rente.

Keinen Blumentopf zu gewinnen

Claudine Esseiva,  Generalsekretärin der FDP-Frauen hört oft: «Warum machst du nicht ein anderes Thema als Familien, dann wirst du schnell ins Bundeshaus gewählt.» In der Tat sei «kein Blumentopf» zu gewinnen. Das mache sie zwar im ersten Moment wütend, motiviere aber noch mehr. Viele Polit-Stars hätten sich in ihren «Old-Boys-Netzwerken» eingerichtet. Diese gelte es aufzumischen. Das bedeute zwar für die einen ein Machtverlust, sei aber ein Gewinn für die Gesellschaft.

Dafür aber müssen Frauen in Wirtschaft und Politik noch präsenter sein. Der Familienartikel würde dabei helfen, klar, dass das nicht allen passt.

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Kommentare

  • Lilly

    Niemand sagt, die Männer sollen’s richten. Die Politiker müssen alle etwas tun. Die Herren tun aber am Wenigsten. Aber Sie haben recht. Mit drei Frauen im Bundesrat dürfte man wirklich denken, es liefe mehr. Aber auch sie gewinnen halt keine Blumentopf und lassen wohl deshalb die Finger davon. Schade.

  • Katharina

    Ich lebe nun seit knapp drei Monaten wieder in der Schweiz, nach einem langen Aufenthalt in den USA. Ich sehe in der Schweizer Parteienlandschaft keine Frauenpartei oder ähnliches, das die Interessen der Frauen unvermischt mit anderem vertritt (mit dem nötigen Gewicht). Das ist mMn das Problem der glazialen Entwicklung.

    Der Familienartikel wird es meiner Meinung nach nicht bringen, im Gegenteil.

  • Lilly

    Ich stimme Ihnen vollkommen zu. Familien- bleibt Frauenpolitik. Entspricht ja auch dem konservativen Zeitgeist, in dem immer noch mehr Frauen als Männer für die Familie zuständig sind. Viele Kommentatoren kommen mit dem Argument, ihre Kinder seien schliesslich auch nie fremdbetreut gewesen. Dass nicht die alten Herren, sondern eben IMMER ihre Frauen für die Betreuung der Sprösslinge gesorgt haben, scheinen sie dabei zu vergessen oder sie erachten es als normal .

    Nur eines: Filippo Leutenegger behauptet nicht, es gäbe keine Probleme. Aber er möchte sie anders lösen, bspw. mit weniger Auflagen für den Bau von Kinderkrippen. Nur: das eine schliesst das andere nicht aus, richtig?

  • marie

    na ja, die bürgerlichen herren (nicht nur die) machen ja karriere nach dem althergebrachten schema! mit einer frau, die ihnen den rücken freihält und oft dabei ihre eigene karriere nicht angehen kann, weil sie eben nicht kann (da beschäftigt) oder aber nicht will. solange sich karrieristen solche frauen anlachen, solange wird sich da nichts ändern. da können selbst frauen aus konservativen kreisen dagegen predigen… und die werden dann von den eigenen reihen meist nicht ernst genommen. immer das gleiche, seit jeher. hoffe nur, dass sich da bald etwas ändert. aber es hat gott sei dank immer wie mehr männer, die dieses schema kritisieren.
    ich kann frauen ur eines empfehlen: seid selbständig und nehmt euer leben selbst in die hand und ernährt euch selbst. spricht nichts dagegen während einer durststrecke hilfe anzunehmen, aber nur solange wie es eben nötig ist.

  • The Damned

    Und was machen die vier Frauen im Bundesrat? Däumchen drehen? Selbst mit einer Frauenmehrheit wird die Welt offenbar nicht besser..!

  • Tomas

    Katharina, das Problem ist eben genau darin zu suchen, dass man hier von Fraueninteressen redet, obwohl es eigentlich Interessen von uns allen betrifft. Natürlich haben Frauen ihre Interessen, so wie Männer oder die Kaninchenzüchter auch, aber meiner Meinung nach in diesem speziellen Fall geht es um ein Ganzes, um eine neu austarierte neutrale Geschlechterexistenz. Wir koexistieren miteinander, unser dasein ist dermassen verflochten, dass wenn sie alles nur von einer Seite versuchen zu regeln, wird es nie gelingen. Es braucht ein reset und Restart mit bereinigten Regeln für alle, hinter denen alle stehen können. Grabenkämpfe um Vorteile und um vermeidung von Nachteilen für jeweils eine Partei bringen keine gute Gesamtlösung.

  • Katharina

    Die ewige Suche nach DER einen, Gesamthaft zu geltenden Lösung ist der grosse Makel der Schweizer Politszene.  In erster Linie müssen zuerst ja meine Interessen im Parlament vertreten sein. So wie der/r andere Bürger/in zu aller erst nach deren geeigneter Vertretung sucht, oder nicht? Schon da hapert es fuer mich, wenn ich mir die Auswahl anschaue.

    Was in aller Welt soll ‘austarierte neutrale Geschlechterexistenz’ sein?

  • Tomas

    Hab irgendwie keine Lust, ihnen zu erklären warum das Wasser nass ist.
    Fest steht, dass wer tatsächlich das Ziel der Gleichberechtigung der Geschlecher hat, erreicht ihn nur dann wenn er für Rechte beider Geschlechter kämpft. Wer das nicht versteht, wird auch nie verstehen warum das Ziel immer weiter in die Ferne rückt.

  • Katharina

    Was soll daran falsch sein, dass ich schaue , dass meine Interessen vertreten werden und dazu die entsprechende partei, organisation oder lobby suche. es ost unmoeglich, eine loesung fuer alle du finden….. es ist nur moeglich rechte in den gesetzessammlungen festzulegen und zwar so, dass diese auch durchsetzbar sind, mehr nicht. meine meinung ist, dass direkte demokratie grenzen hat und nicht die beste staatsform ist. da bin ich zu stark amerikanisch gepraegt. in der verfassung der usa werden sie nirgends das wort demokratie finden….

    aber eben. es ist natuerlich nicht zielfuehrend wenn sie ihre replik mit “Hab irgendwie keine Lust, ihnen zu erklären warum das Wasser nass ist.” denn damit signalisieren sie vorab, dass sie m ich fuer dumm halten.

    es ist die gleiche rote pest reaktion wie reda e arby, der gleich die tea party keule schwingt. ty[ische schweizer arrogamz, die meinen im besten land der welt zu leben, wogegen die realitaet so ist, dass das land politisch ein durcheinander ist, der lebensstandard mittelmaessig und kulturell oede herscht, von lebensqualitaet keine spur.

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