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Die Wellen des Erfolgs

Auf den Köpfen der Frauen tut sich was: Jahrzehntelang diskriminiert und weggeglättet, sind prächtige Locken das neue Attribut selbstbewusst-emanzipierter Weiblichkeit.

Von Marie Dové

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Wie schön, dass sich die Experten zumindest bei diesem Thema nicht in die Haare kriegen. Bei der Frisur gilt derzeit: Locken sind in, Locken sind die Verlockung der Saison – darin sind sich Mode- und Lifestyle-Experten einig, ob im «Observer» oder auf der Online-Plattform «Jolie».

Da ist was passiert, auf dem Kopf der Frau. Denn: War fast zwei Jahrzehnte lang glattes Haar das weibliche Ideal – man denke an den diesbezüglich geradezu prototypischen Haarstil von Jennifer Aniston –, herrscht nun die Lockenwelle. Ob weiche Naturwellen, wild-wuschelige oder kunstvoll eingedrehte Locken: Alles ist erlaubt. Ja selbst die Dauerwellen-Löckchen aus den Achtzigerjahren sind zurück. Und dank neuer Wickeltechniken feiert die Dauerwelle generell ein Comeback, weiss die Haarverschönerungs-Branche zu berichten. (Lesen Sie auch: «Ein radikaler Schnitt»)

Die Zeiten, da sich Lockenköpfe sagen lassen mussten: «Hast du Locken, bleibst du hocken», scheinen damit vorbei zu sein. Und womöglich fühlen sich nun auch so prominente Frauen wie Nicole Kidman, Jennifer Lopez oder Halle Berry erleichtert und nehmens auf dem Kopf etwas lockerer – sie alle glätteten immer wieder ihr von Natur aus gewelltes Haar strichgerade.

Millionen von Frauen, es ist keine Übertreibung, machten und machen immer noch ihren Naturlocken mit viel Technik und Chemie den Garaus. «Observer»-Autorin Elizabeth Day schildert in ihrem Beitrag mit viel Humor, wie sie mehr als ein Jahrzehnt ihr Haar Tag für Tag glättete, um so dem Ideallook der toughen Businessfrau zu genügen. Und wie sie ihren Keramikhaarglätter, ein Hightechinstrument, selbst auf Reportage nach Afrika mitnahm, bis in den tiefsten Busch. (Lesen Sie auch: «Schick im Beruf: Zehn wirklich gute Tipps»)

Hohe symbolische Bedeutung des Haars

Woher diese Wichtigkeit des Haars? Weshalb wollen die einen glattes Haar, die andern aber drehen sich mit ebenso viel Mühe und Aufwand Locken? Die hohe symbolische Bedeutung des Haars ist bekannt. So nennen wir etwa die weibliche Kurzhaarfrisur Bubikopf. In den 1920er-Jahren zum Merkmal der «neuen Frau» geworden, steht er bis heute für Emanzipation, Selbstbestimmung, Fortschrittlichkeit, Modernität und Urbanität. Das lange, lockige Haar hingegen bildet dazu gewissermassen den Gegenpol. Allein schon auf der etymologischen Ebene wird dies klar: Im Wort «Locke» steckt «locken», «verlocken» – und «locker». (Lesen Sie auch: «Das Flirt-Paradox»)

Sind das auch die Attribute des neuen Frauentyps?

Auf Frauen-Websiten ist bereits dazu zu lesen: «Frauen mit Locken gelten als aufgeschlossener in der Liebe als ihre glatthaarigen Geschlechtsgenossinnen. Sie beherrschen sämtliche Regeln der Verführungskunst und verfügen gleichzeitig über eine gute Portion Mütterlichkeit.»

Sexy, glamourös, erfolgreich

Indes: So simple Erklärungen greifen zu kurz. Will man den von «Observer»-Autorin Elizabeth Day zitierten Experten glauben, löst sich in unsren Zeiten vielmehr die althergebrachte Opposition von tougher, kontrollierter glatthaariger Business-Woman vs. weich-gelocktem verführerischem Weibchen auf. Karin Lesnik-Oberstein, Autorin eines Buchs mit dem Titel «The Last Taboo: Women and Body Hair», sagt im erwähnten Artikel: «Es hat sich eine neue Vorstellung etabliert: dass eine erfolgreiche Frau auch glamourös und sexy sein soll – und ihre Weiblichkeit nicht dem Erfolg opfert.» (Lesen Sie auch: «Unfälle in der Bikinizone»)

Um zum Lockentrend zurückzukommen: Big Hair und Big Success, das gehört neuerdings zusammen. «Es ist dasselbe wie mit Botox oder schönheitschirurgischen Eingriffen», sagt Lesnik-Oberstein weiter, «es geht darum, alles zu haben: Erfolg, Glamour und Sexiness.»

Haben wir es nicht irgendwie geahnt? Hinter der neuen Freiheit zur Locke verbirgt sich unter Umständen ganz schön viel Stress.

Literatur-Tipp: Karin Lesnik-Oberstein: «The Last Taboo: Women and Body Hair».

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