Clack

Dumm, böse und zensiert

Das Schiffsunglück vor Lampedusa führt zu einer Diskussion über Sinn und Unsinn von Kommentarspalten. Die herzlosen und bösartigen Äusserungen werfen die Frage auf, ob man Kommentare noch zulassen soll. Eine Medienschelte.

Von Réda Philippe El Arbi

Twittern

«Sollen diese Asylanten doch alle da draussen absaufen» war einer der Kommentare auf das Schiffsunglück vor der italienischen Insel Lampedusa. Und es war weder der dümmste, noch der herzloseste Kommentar zu diesem Thema in den Kommentarspalten der deutschsprachigen Online-Medien. Es ist erschütternd, aber nicht ungewöhnlich, dass sich Menschen angesichts der Todes von Unschuldigen so äussern. Wer gelegentlich Kommentare  liest, vor Allem, bevor sie veröffentlicht oder gelöscht werden, weiss, dass die Möglichkeit, ein grosses Publikum zu erreichen, oft Dummheit und Hass anzieht.

Nun überlegen sich einige Journalisten und Publizisten laut, ob man den Lesern die Möglichkeit zur Stellungnahme wieder nehmen, also Artikel nur noch ohne Kommentarfunktion zu veröffentlichen soll. Natürlich gäbe das dem Medium wieder ein hübscheres Gesicht, aber so würde weder die gesellschaftliche Verantwortung, die Medien nun mal haben, wahrgenommen, noch das Problem irgendwie gelöst. Es wäre reine Kosmetik, als ob man  mediales Makeup über einen sozialen Pickel schmiert und hofft, dass es niemandem auffällt.

Früher konnte man als Journalist seine Artikel wie Papierflieger aus dem redaktionellen Elfenbeinturm auf die Leser niederregnen lassen, heute muss man dem Leser auf Augenhöhe begegnen. Der Leser hat nun eine Stimme, er äussert sich nicht mehr nur über seine Kaufkraft, sondern direkt, mit Worten und einer Meinung. Findet man sich als Schreibender angegriffen, kann man das auch weiterhin ignorieren, wie es die meisten Journalisten tun. Nur, so findet keine Meinungsbildung, keine Diskussion statt. Der Journalist und die Medien haben eine Verantwortung, die weit über das Vorkauen von Fakten hinausgeht. Wer reine News und Fakten will, kann sich kurze Agenturmeldungen aufs Handy senden lassen, die von Praktikanten zusammengestellt werden.

Medien sollen Einschätzungen bringen, Fakten einordnen und daraus auch eine politische Meinung ableiten. Leider fehlt inzwischen beinahe allen Medien der Mut, Stellung zu beziehen. Man könnte sowohl Werbekunden wie auch Leser vergraulen. Man will alle erreichen, alle zufriedenstellen und ja niemanden vor den Kopf stossen. Das ist feige. Aber ich schweife ab, zurück zu den Kommentarfunktionen.

Früher, als Zeitungen noch Meinungen und Standpunkte hatten, fanden die politischen, philosophischen und ideologischen Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen, meist hervorragenden Köpfen der Leitpublikationen statt. Jetzt, im Zeitalter des Web 2.0, hat sich die Meinungsbildung demokratisiert. Um so wichtiger ist es, dass man sie auf den eigenen Seiten, in den Kommentaren, zulässt und vor Allem mitgestaltet.

Die Verantwortung für einen Artikel endet heute nicht mehr mit der Veröffentlichung, sondern beginnt eigentlich erst dann. Das ist der elementare Unterschied zwischen Online-Medien und Print oder TV. Interaktion besteht nicht darin, ein «I like»-Button unter dem Artikel zu installieren, sondern man muss sich als Journalist und als Medium den Meinungen stellen. Wer diesen Hasstiraden in den Kommentarspalten etwas entgegensetzen will, muss sich auf das Schlachtfeld begeben, sich die Hände schmutzig machen. Wer als Journalist seine Meinung in Kommentarschlachten nicht nachdrücklich vermitteln kann, hat vielleicht den Beruf verfehlt. Wer sich dafür zu gut ist, hat seine professionelle Verantwortung im 3. Jahrtausend nicht verstanden.

Nein, man muss nicht auf jeden Kommentar antworten, sicher nicht. Meistens reicht es schon, mit einem Statement in den Kommentarspalten präsent zu sein. Erstens nimmt man damit seine Leser ernst, und zweitens stösst man die Diskussion in eine Richtung, die auch Menschen animiert mitzumachen, die sich sonst vielleicht nicht äussern würden. In den von mir verantworteten Publikationen werden weniger als ein Prozent der Kommentare gelöscht. Nicht, weil wir jeden Schwachsinn einfach durchlassen, sondern weil wir mitdiskutieren und sich die Leser so genauer überlegen, was sie schreiben – es könnte ja sein, dass der Autor ihnen antwortet. Mit der Zeit ergibt sich eine Streitkultur, die intelligente Leser mit den unterschiedlichsten Meinungen anzieht, Hater und Forentrolle verschwinden nach und nach. Es ist anstrengend, manchmal verletzend, aber immer inspirierend, sich mit den Leuten auseinanderzusetzen, die eine Meinung zu dem Geschriebenen äussern.

Und noch was: Die Kommentarschreiber stellen meist nicht das Spiegelbild der Leserschaft dar. Der durchschnittliche Leser ist um Welten intelligenter als der durchschnittliche Journalist ihm zutraut. Das kommt aber erst mit einer aktiven Moderation der Kommentarspalten zum Ausdruck. Unmoderierte Foren entwickeln sich jedoch zu einer Art  Toilettenwänden, auf denen jeder seinen bösartigen Senf hinterlassen kann. Nur wenige Leser äussern sich gerne zwischen all den Hatern. Wir, die Journalisten, sind nicht mehr nur für den Artikel verantwortlich, sondern auch für den Raum, in dem vernünftige und manchmal harte Diskussionen stattfinden können. Darin liegt die Verantwortung des Web 2.0-Journalismus. Nicht darin, lustige Youtube-Filmchen in die Artikel zu hängen.

Réda Philippe El Arbi ist Co-Chefredaktor bei clack.ch, Autor, Geschichtenerzähler, Stadt-Blogger bei Züritipp/newsnet.ch, Haustiersitter und Mann aus den üblichen Gründen. Wöchentlich gibt er hier seinen Senf zu politischen, gesellschaftlichen und persönlichen Themen ab.

  

(Visited 50 times, 1 visits today)
News


Kommentare

  • Urs P. Hess

    Wenn ich diesen Artikel (siehe Link) und seine Kommentare lese, kommt mir der Verdacht, dass es einen Zusammenhang zwischen der Qualität des Textes und der Beschaffenheit der Kommentare geben könnte:
    http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/diverses/Was-spricht-eigentlich-gegen-Behaglichkeit/story/19065038?comments=1

    Oder: je schlimmer die Kommentare, desto schlechter war der Artikel? wink
    (Ich bin mir bewusst, Herr Schneider ist kein Massstab, das wäre unfair. Und dieser Text ist selbst für ihn eine Perle. Aber trotzdem. )

  • Reto B.

    Oh diese Dinge sind mir sehr wohl bewusst, marie. Hier muss ein Umdenken stattfinden. Aber es ist keine Lösung, wenn unsere Hilfe sich darauf beschränkt, einigen wenigen glücklichen, die durch Schlepper hierhergekommen sind, zu helfen. Ich halte auch nichts davon, Entwicklungshilfe zu leisten, die nichts mehr als ein Tropfen auf einen heissgelaufenen Motor sind, den wir auf der anderen Seite noch anfeuern. Dies ist im Gegensatz noch kontraproduktiv, da wir einen Anreiz setzen, den Bettel hinzuwerfen und hierherzukommen – sowie ein grundfalsches System soweit erträglich machen, dass sich niemand dagegen auflehnt. Mir kommen da Dinge in den Sinn wie, ein Sklave will nicht frei werden, er will Sklavenhalter werden. Ja es ist verdammt zynisch, jemandem zu sagen, du darfst nicht ein schönes Leben in Europa führen, alles was du darfst ist, ein Leben lang zu ackern, damit deine Urenkelkinder vielleicht mal ein Leben führen können, wie du es dir wünscht. und es ist insbesondere zynisch, weil ich genau dieses Leben mit der Geburt geschenkt bekommen habe, weil unsere Urgrosseltern es uns aufgebaut haben. Ich habe dies nicht verdient und verweigere es anderen? Aber verstehen sie mich richtig. Ich vertrete diese Position nicht, weil es eben halt gemütlich für mich ist, sondern, weil ich keine Alternative dazu sehe. Wir können nicht ganz Afrika entvölkern und nach Europa übersiedeln.

  • Reda El Arbi

    @Nicole: Auch wenn fünzig bezahlte Kommentierer dieselben falschen Argumente herunterbeten, reicht noch immer 1 einziger Kommentar mit den Fakten oder dem logischen Gedankengang, um sie zu entlarven. Leute, die keine Ahnung von Kommunikationspsychologie im Web 2.0 haben, verkaufen für sehr viel Geld Strategien, die sie einfach aus den Printmedien der 80er kopiert haben. Damals gabs nur wenige Möglichkeiten, als Leser Einfluss zu nehmen, aber bezahlte Leserbriefschreiber gabs da schon. Nur, in freien Web ist das, als ob man in den Ozean pinkelt. Da sind sich die Leute bereits zu gewohnt, alles aus dem Web erst mal auf Echtheit und relevanz zu prüfen.

  • Maggy Ritz

    Journalismus ist Arbeit für die Öffentliche Meinung. Da darf man nicht billig daherpfuschen. – Danke Réda!

  • marie

    bei diesem thema finde ich am bedenklichsten, dass mann seine politische haltung manifestiert, indem man menschlichkeit ausser acht lässt. ich frage mich, was da passiert. beim auflaufen der costa concordia war man sehr betroffen und hat durchaus differenziert und menschlich argumentiert, aber bei 300 toten flüchtlingen im mittelmeer, gibt es ausserordentlich viele, die sich über die migration und asylwesen beschweren. die “daumen-runter-fraktion” beweist für mich die existenz von pietätlosigkeit, die mir zu denken gibt.
    warum und wozu?

  • Elternplanet
  • Karla

    Reda, das unterschreibe ich, die ich ja auch gelegentlich nicht ganz einfach bin. Jeden Tag lese ich auf den verschiedenen Newsportalen Kommentare, bei denen einem übel werden kann – Menschen von so erschütternder Roheit und Ekelhaftigkeit, die jedes Unglück dieser Welt mit Gehässigkeit kommentieren. Es geht viel Menschliches verloren.  Und man übersieht, dass die Adressaten eines Shitstorms die Dinge vielleicht längst nicht so gelassen wegstecken können wie die Kommentatoren. Dass Angehörige eines Unglücksopfers vielleicht doppelt leiden, wenn sie die virtuelle Scheisse lesen, die so herumfliegt. Dass Gewaltopfer nochmals im Netz vergewaltigt werden, weil auch der letzte Depp noch meint, seinen geistigen Dünnschiss abgeben zu müssen. Aber vielleicht lernen wir in den nächsten Jahren, diesen Dreck auszublenden – so, wie wir auch das Tuscheln und Zischen der Schulkameraden irgendwann nicht mehr gehört haben. Ein Zurück wird es nicht geben.

  • Reto B.

    Nun, ich bin kein Freund von Wirtschaftsflüchtlingen. Dass vor allem junge leistungsfähige Männer sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung entziehen und irgendwo hin wollen, wo sie besser leben können, während der restliche “Pöbel”, der das nicht kann, dort bleiben muss und weiter in den Morast schlittert, kann nicht die Lösung sein. Ich finde, dass sie “dort unten für ein besseres Leben kämpfen sollten”. Allerdings ist es wohl der Gipfel der Sinnlosigkeit, wenn genau diese Genration, diese Leute, welche dort so dringend gebraucht würden, auf der Flucht nach Europa ertrinken. Das sind die Investitionen eines ganzen Kontinents, die da einfach untergehen. Das ist eine Tragödie sondergleichen. So ist wirklich überhaupt keinem geholfen.

  • marie

    da geht es um menschen u.a. viele kinder, die ertrunken sind. in deren herkunftsländern gibt es keine perspektiven und die eine pissregierung wird von einer andern pissregierung abgelöst/geputscht – dadurch kann gar keine funktionierende zivilgesellschaft aufgebaut werden, ein benötigtes kriterium für eine funktionierende gesellschaft (somalia? eritrea? hallo?). keine oder kaum bildung, nur für die, die es sich leisten können. und ach ja, ich vergass: wir unterstützen diese regierungen noch, indem wir mit denen geschäfte machen.
    nur zur anregung zum nachdenken: 20% der weltbevölerung (wir, die industrienationen) beanspruchen 80% der weltweiten ressourcen (bodenschätze, erdöl…). diese menschen gehen nur ihren ressourcen nach, weil wir sie nicht teilen wollen, weil wir sie beanspruchen. und ganz zynisch: wir untergraben dann auch noch binnenmärkte, indem wir unseren abfall auch noch dorthin exportieren resp. entsorgen. bsp: wir fressen nur noch poulebrüschtli, den rest des geschlachteten huhnes exportieren (entsorgen) wir billig, in schwarzafrika und zersören deren hühnerproduktion, da wir unseren SUBVENTIONIERTEN abfall billiger auf deren markt entsorgen, als dass sie ihre eigene produktion auf dem markt verkaufen. dies ist nur ein beispiel unserer dekadenz – und wir finden es aufgrund unseres ökonomischen verständnisses auch noch gut, und ja, er ist für europa übrigens auch noch profitabel…
    menschen sind ertrunken, weil sie für sich, wie sie und ich auch reto b., eine bessere, perspektivvollere zukunft wünschen. das ist nichts anderes als menschlich!
    sollte der post ihnen brüsk erscheinen, dann tut es mir leid – ist nicht so gemeint, aber ich glaube an mitgefühl und ja, ganz altmodisch, an bamherzigkeit. ich bin nicht gläubig, glaube an gar nichts. aber ich zitiere franziskus: la nostra vergogna! dem ist nichts mehr beizufügen. und ja ich schäme mich, sehr sogar, für diese pietätlosen kommentare, die réda anprangert.

  • A.A.

    Super Artikel dazu, wie moderner Journalismus funktionieren könnte/sollte! Chapeau. Zu diesen Hasstiraden: Ich verstehe die Empörung – vorallem aus dem medialen Lager – nicht. Da wird einem 24/7 künstlich Angst vor Verlust (obwohl es global gesehen den wenigsten so gut geht, wie uns) und Gier nach mehr eingetrichtert. Und manche aggressiv-populistische Publikationen schreien besonders laut. Zwar ist es wahr, dass man die Intelligenz des durchschnittlichen Lesers nicht unterschätzen sollte. Und doch ist ausnahmslos jeder manipulierbar, besonders über längere Zeit. Diese furchtbaren Reaktionen auf das Flüchtlingsdrama sind langfristig auf dem Mist der Medienschaffenden gewachsen, sorry.
    Anzudeuten, dass bösartige Foren-Trolle aus dem Nichts auftauchen und dort auch wieder verschwinden, wenn man ein intelligentes Gespräch sucht, ist leider irgendwie oberflächlich. Solange gewisse Publikationen mit ultra-kurzen, reisserischen Headlines aktiv Angst schüren und es kein mindestens so starkes Gegengewicht in der medialen Landschaft gibt, werden diese sog. «herzlosen» (kurzsichtig und schlecht informiert träfe es wohl besser) Leute da draussen sein. Und wenn sie nicht online öffentlich Dampf ablassen (und sich ernst genommen fühlen) können, werden sie es anders tun. Erst nur am Stammtisch, später vielleicht mit hirnrissigen Volksinitiativen, bei denen es mehr um Emotionen als um Fakten geht …

  • marie

    absolut mit ihnen einverstanden a.a.
    wo ich nicht ihrer meinung bin: “kurzsichtig und schlecht informiert…” u.a. ist herlzosigkeit durchaus ein grund dafür.

  • Nicole

    Danke, Reda, und unbedingt. Eine Schwierigkeit, die jedoch mit berücksichtigt werden sollte, sind die von Partei-Interessen (nicht ausschliesslich politisch) gesteuerte Meinungsbildung durch “gekaufte” Meinungsäusserer. Ein welchem Verhältnis diese virtuell exponentielle Möglichkeit zur determinierenden Meinungsprägung steht ist im Grunde weder kontrollierbar noch annähernd eruierbar. Diese grosse, gesellschaftsrelevante Unbekannte macht mir persönlich ziemlich zu schaffen. Wie siehst du das?

  • adrian

    zur tragödie vor lampedusa möchte ich hier nichts sagen. einfach nur schrecklich. aber was diese ominöse frontex so alles unter den teppich kehrt will ich gar nicht wissen, es hat bestimmt schon ähnliche dramen vor europa gegeben.
    danke reda, ich denke du sprichst hier indirekt komplimente an die fleissigen und meist sachlichen kommentarschreiber bei clack. meiner meinung nach sollten kommentare auf seriösen internetseiten einfach nicht anonym möglich sein. wenn jemand rassistisch und beleidigend sein kann, dann kann er auch mit seinem namen dafür geradestehen. alles andere ist feige.

  • A.A.

    Danke, Marie. Glücklicherweise wird man nicht herzlos geboren. Herzlosigkeit wird einem beigebracht von Eltern, Lehrern, Kollegen und zu einem nicht zu unterschätzenden Teil auch von Medien …

  • marie

    genau ihrer meinung a.a. dem ist nichts mehr beizufügen.
    und es macht mich heute zuversichtlich (bis jetzt wink ), wenn ich solche posts lese ,wie sie hier zum thema geäussert werden.
    auch danke an réda!

  • Réda Philippe El Arbi

    Ich stimme dir zu, was den Aufwand angeht. Aber genau deshalb brauchts ein neues Verständnis des Berufsbild “Journalist”. In Zukunft muss man nochmals die gleiche Zeit für Diskussionsforen und Kommentare aufwenden, wie für die Recherche und den Text. Ich finde das allemal besser investiert, als ins oberflächliche Umschreiben von Agenturmeldungen.

  • Roshan

    Sicher ist es besser investiert. Gerade, weil Recherche aufwendig ist, je nach Thema auch sachlich schwierig machbar (ich erinnere an die ganzen Texte, einleitend mit ‘Neue Studien belegen, dass…’), wo es für Expertinnen wie mich ein leichtes ist, die Studie zu demontieren. Ein direkter Dialog ermöglicht dann aber, dies im Gespräch zu klären und zu erörtern. Wenn ein Journalist sagt, er verstehe das Thema sachlich nicht, oder er/sie wusste nicht, wo während der Recherche nach zu schauen, vermindert das seine Relevanz nicht. Im Gegenteil, der interaktive Ansatz, den Du hier als Modell vorschlägst und übst, bereichert ja die Auseinandersetzung mit dem Thema.

    Früher hatte ich sehr viel Aufwand betrieben, um für Kommentare zu einem Thema nach zu recherchieren. Es ist oft ausserordentlich aufwendig und ich tat das nur dort, wo ich von der Ausbildung her überhaupt etwas zu sagen habe. Das ist das Problem am ganzen. Nämlich, dass die meisten wirklich wichtigen Themen disziplinär vernetzt sind und nur durch die Beiträge mehrerer engagierter für die Leserschaft erfassbar werden. Das bedeutet auch, dass engagierte KommentatorInnen auch eine Art Vertrauensbildung machen müssen, wie ich betreffend der Rolle Journalist schon skizzierte.

    Womit sich eine Art Verteilung der Rollen ergibt: Nämlich dem Journalisten als eine Person, die in Kommunikation ausgebildet ist und die Fähigkeit hat, kurz und prägnant das Feld für ein Thema vorzubereiten, quasi als Wortschmied. Das damit skizziert Feld wird dann durch den interaktiven Dialog der anderen Beteiligten, im Wesentlichen Kommentatoren und Replikschreiber, erst zum Garten, in dem die Themenstellung erblüht.

    Ich denke aber doch, dass das Problem des Massstabs bleibt. Es ist im übersichtlichen Massstab wie hier machbar, was aber die Attraktivität geradezu steigert. Übertragen auf nicht virtuelles: Wir alle kennen, was in meinem Land als ‚Watering Hole‘ bezeichnet wird. Die Stammbeiz, der Quartierspunten, wo wir nach der Arbeit kurz hingehen und über den Tag und die uns als Gesellschaft bewegenden Themen miteinander palavern. Niemand tut dies in der Haupthalle des Zürcher Hauptbahnhofes, sondern im kleineren Rahmen des Lokales an der Ecke unserer jeweiligen Quartiere. So sehe ich diesen Ort hier: Eine Gelegenheit, im riesigen Universum der Weborte einen Tisch, wo durch den Austausch etwas neue Einsicht gewonnen wird, wo mit gepflegtem Umgang auch entsteht, dass sich das eine oder andere sich darauf freut, hier einzukehren. May be you are indeed on to something here, Reda.

    Vielleicht ist der Journalist des 21. Jahrhunderts ein Wirt, ein Gastgeber, der dazu einlädt, in seiner Wortschmiede mitzuschmieden, manchmal zu hämmern, manchmal eher weichen Ton zu formen. Worauf ein anderer Bronze in die Tonform giesst und das Ganze in der Interaktion zu einem Gesamtkunstwerk wird.

    Aber: Du verdienst mi dieser Arbeit hier Deinen Lebensunterhalt, oder Teile davon. In dem Sinn überlasse ich es Dir, uns zu erzählen, wie das Ganze sich auch in der Hinsicht entwickelt. Ich hoffe und wünsche Dir, dass es sich auch in der Hinsicht lohnt.

  • Frank Kemper

    Ich frage mich schon, ob es wirklich die Aufgabe eines Journalisten sein kann, sich immer wieder mit einer kleinen Gruppe von Leuten auseinanderzusetzen, die offensichtlich ein Problem mit ihrem Leben haben. Das mag sich jetzt arrogant anhören, aber man muss sich nur mal eine x-beliebige Diskussion auf Spiegel Online durchlesen. Da gibt es einen harten Kern von Leuten, die alles und jeden kommentieren – und die eigentlich niemand braucht. Der Website-Betreiber ist dafür verantwortlich, dem Nutzer seiner Seite ein interessantes Leseerlebnis zu bieten. Ungebetene Kommentatoren haben dagegen keinen Anspruch darauf, sich überall nach Belieben verbreiten zu können.  Und sie haben eigentlich auch nicht zwingend einen Anspruch darauf, unlimitierte Aufmerksamkeit des Autors zu bekommen. Dessen Arbeitsleistung und Honorierung rechnen sich nämlich nur, wenn er Content schafft, der das Interesse einer großen Zahl von Lesern befriedigt und nicht nur die Partikularinteressen eines einzelnen. In der Print-Zeit haben wir uns anhand der einlaufenden Leserpost einen Überblick über das Meinungsbild verschafft und aus den Leserbriefen diejenigen ausgewählt, die veröffentlichbar waren (nicht jeder Leserbriefschreiber findet es am nächsten Tag noch gut, wenn sein cholerischer Ausbruch tatsächlich gedruckt wird) und die sich dazu eigneten, das Meinungsbild wiederzugeben. Vielleicht sollte man in der Kommentarspalte eine Selbstkontrollfunktion einbauen. Ebenso wie man Likes und Dislikes vergeben kann, könnte man doch auch dafür sorgen, dass Leserbriefe, die von zu vielen Leuten gedisst werden, verschwinden.
    Nach fast 20 Jahren Internet bin ich ehrlich gesagt erschüttert, wie wenig uns die User-Integration insgesamt kulturell vorangebracht hat. Es war noch nie so leicht wie heute, anonym herumzukrakeelen. Wer – außer dem Krakeeler – hat was davon? Und woher bezieht der Krakeeler das Recht, auf Websites herumzukrakeelen, die ihm nicht gehören. Soll er doch eine eigene Seite aufmachen, wenn er krakeelen will.

  • Roshan

    Und wer bestimmt, was gebeten und wer ungebeten sei? Sie? Wenn mich SPON nicht anspricht, dann klicke ich da einfach weg und basta. Weder Sie noch ich bestimmen, was Spiegel als Franchise uns anbietet. das gilt auch hier. aber hier wird zumindest die Mühe gemacht, was interessiert und anspricht, zur freien und offenen diskussion zu stellen.

  • Réda Philippe El Arbi

    Der grundsätzliche Irrtum liegt beim Wort “ungebeten”. Zur Zeit ist wirklich so, dass die Medien Kommentatoren als notwendiges Übel ertragen. Viele Journalisten würden lieber weiter in einer geschützten Werkstatt arbeiten und nicht wissen, wie Leser auf ihre Arbeit reagieren. Das führt dazu, dass Journalisten mehr und mehr für andere Journalisten schreiben, die Ihnen dafür auf die Schulter klopfen.

    Ich persönlich fühle mich dem Leser verpflichtet, nicht dem Titel, nicht dem Anzeigenkunden, sondern jedem Leser. Ich werde nicht alle Leser kennenlernen können, aber ich kann, indem ich mich mit den Lesern auseinandersetze, eine Kommunikationskultur schaffen, an der viele Leser teilnehmen wollen. Und ICH will, dass sich Leser kritisch mit meinen Inhalten auseinandersetzen. Das hilft mir bei der Arbeit und macht mich sensibler dafür, was die Leser bewegt. Deshalb hab ich auch ein FB-Profil mit 5000 Kontakten aus allen sozialen und politischen Welten.

    Man kann auch einfach so tun, als würden Medien noch immer so funktionieren wie vor 20 Jahren. Und man kann dann auch jammern, wenn die Leser zu Unterhaltungsplattformen abwandern.

  • Jeeves

    “Wer als Journalist seine Meinung in Kommentarschlachten nicht nachdrücklich vermitteln kann, hat vielleicht den Beruf verfehlt.”
    .
    Oder das, was “der Journalist” schrieb, war falsch, uninformiert, nicht ausgegoren, oder gar ideologischer Mist? Und die Kommentatoren haben’s bemerkt? Soll’s ja geben.

  • Hotcha

    Jetzt gibt es die Kommentarmöglichkeiten bei Blogs und Zeitungen doch schon seit etwa 10 Jahren, und noch kaum jemand hat es geschafft, sie wirklich attraktiv zu gestalten.  Immer dieselben Nasen, dieselben Schlachten, auf oft unterirdischem Niveau, die pure Zeitverschwendung, diese zu lesen. Die Kommentatoren allerdings scheinen wirklich zu glauben, sie redeten nun zu einer Öffentlichkeit, würden zur Kenntnis genommen. Dabei tanzen sie ihre Tangos in der Schmuddelecke, hoffnungslos ineinander verkeilt. Faszinös.

    El Arbi hat das richtig erkannt, wo er moderiert lohnt das Lesen der Kommentare.

  • Der Schreiber

    Was hier “Kommentar” gescholten wird, hieß früher Leserbrief. Den schreibt der Leser, nicht der Journalist. Die Aufgabe des Journalisten ist es nicht, auf Leserbriefe zu antworten oder gar “Kommentarschlachten” zu schlagen (was für eine absurde Vorstellung).

    Kommentare (wie übrigens auch den meinen hier) nehme ich nicht ernst. Man möge den Versuch unternehmen, für das Veröffentlichen eines Kommentares nicht nur eine (vermutlich falsche) E-Mail-Adresse abzufragen, sondern Klarnamen, Adresse und eine Telefonnummer zwecks Verifizierung des Kommentators (gedruckte Zeitungen tun so etwas übrigens).

    Das ist nicht zu viel verlangt: Auch ein Journalist muss sich mit seinem echten Namen kenntlich machen (das gilt auch fürs Internet), wenn er publiziert. Agiert er als Verantwortlicher im Sinne des Presserechtes (V.i.S.d.P.), hat er sogar eine gerichtlich ladungsfähige Privatadresse anzugeben (auch das gilt auch für das Internet).

    Forderte man von Kommentatoren die Aufgabe ihrer Anonymität, und mir fällt kein Argument ein, was dagegen spricht, gäbe es unter jedem Artikel maximal noch drei Kommentare am Tag. Und die wären zudem freundlich, in gesetzten Worten und respektvoll der Sache gegenüber verfasst; die ganze Diskussion über Sinn und Unsinn von Kommentarspalten hätte sich von selbst erledigt.

    Aber: Kommentarspalten wie diese hier dienen nicht zuerst dem Austausch von Meinungen und Gedanken, sondern dem Erzeugen von Verkehr und Besuchen auf der Webseite – und die wiederum dienen dem Werbeumsatz.

    Wäre das nicht so, würde man die Hürde für die pöbelnde Dummköpfe, ihren Kommentar abzusetzen, nicht so gnadenlos niedrig halten. Denn auch Dummköpfe sind, wenn sie denn Geld ausgeben, gern gesehene Besucher.

  • Reto B.

    Nun, ich bin dezidiert damit einverstanden. Ich schreibe selten Kommentare mit meinem richtigen Namen, weil ich im Geschäft einmal eine unschöne Szene mit Mitarbeitenden erlebt habe, welche einen Onlinekommentar mit meinem vollen Namen verteilt haben. Allerdings gebe ich auch eine (nicht für alle öffentliche) Emailadresse an, unter der ich zumindest für die Betreiber der Seite eindeutig zu identifizieren bin.

    Ich bin dafür, dass die Betreiber der Kommentarseiten wissen müssen, wer schreibt. Eine gewisse Anonymität schätze ich, so dass nicht gerade jeder, der nach meinem Namen googelt, jede Äusserung von mir findet. Trotzdem schreibe ich mit meinem Namen, ich lasse bloss den Nachnamen weg.

  • Reda El Arbi

    Lieber Herr Schreiber,

    grüssen Sie mir das 19. Jahrhundert, wenn Sie ihm begegnen, es müsste ganz in Ihrer Nähe sein. smile

    Das Problem mit Demokratisierungsprozessen ist, dass nicht nur die Leute mitmachen, die einem genehm sind, sondern alle, die sich daran beteiligen wollen. Und das ist gut so.

  • Réda Philippe El Arbi

    Ja, und es steht einem Journalisten auch gut an, einmal einen Fehler zuzugeben, wenn es denn so ist. Meistens (nicht immer), haben sich die Journalisten WIRKLICH mit dem Thema auseinandergesetzt, über das sie schreiben.

    Und, es gibt viele Meinungen zu ein und derselben Sache. Die eigene Meinung zu bilden benötigt also Argumente aus den verschiedensten Perspektiven. Da kann man auch mal etwas härter Diskutieren.

  • karla

    Kommentare sind längst keine Leserbriefe mehr. Unsere Kommunikationsstrukturen haben sich geändert. Kommentare mit echtem Anliegen gibt es nur noch selten.

  • Der Schreiber

    @ El Arbi
    Zitat: “Das Problem mit Demokratisierungsprozessen ist, dass nicht nur die Leute mitmachen, die einem genehm sind, sondern alle, die sich daran beteiligen wollen. Und das ist gut so.”

    Das, Herr El Arbi, ist nun wirklich keine neue Erkenntnis aus Ihrer Zeit, dem 21. Jahrhunderts, sondern fällt wohl mehr in meine Zeit, das 19., und wurde von uns seinerzeit ausgiebigst und über viele, viele Jahrzehnte hinweg diskutiert. Eine unserer damals gewonnenen Erkenntnisse ist übrigens die bis heute geltende Pflicht, in Publikationen ein Impressum zu veröffentlichen und anonyme Beiträge zu demokratischen Diskursen grundsätzlich abzulehnen (das aber nur am Rande).
    Viele der Erkenntnisse, die ich und meine Zeitgenossen damals vor fast 200 Jahren in Sachen Demokratisierung gewinnen konnten, sind übrigens noch heute hochaktuell: “Nicht überall, wo eine pöbelnde Mehrheit regiert, herrscht auch eine Demokratie”, ist eine davon. Und eine meiner ganz perönlichen Schlussfolgerungen: Ganz gewiss nicht alles, was irgenwo oder -wie publiziert wird, ist damit zugleich auch Journalismus (oder auch Literatur). Um es mit einem meiner Zeitgenossen, Wilhelm Busch (auch 19. Jahrhundert), zu sagen: Wenn einer, der mit Mühe kaum, gekrochen ist auf einen Baum, schon meint, dass er ein Vogel wär, so irrt sich der.  wink

  • Réda Philippe El Arbi

    Ja, das mag alles stimmen. Und so nehmen wir also den Menschen wieder die Möglichkeit, sich zu äussern, machen das Internet wieder zu und weinen dem “Qualitätsjournalimus” einiger elitärer Säcke nach, die den Meinungsbildungsprozess für sich beanspruchen. Wer dem “Pöbel” keine Stimme gibt, muss sich nicht wundern, wenn dieser einfach dem lautesten Schreier nachrennt. Ihre erwähnten Einsichten zur Demokratie haben uns in den ersten und den zweiten Weltkrieg geführt. Nur hier in der Schweiz, wo wirklich jeder Depp mitreden darf, haben wir uns nicht in einen Krieg hetzen lassen. Wir haben uns anderes zuschulden kommen lassen,  aber Kriegshetze hats in einer direkten Demokratie schwer. Das Web ist eigentlich nichts anderes als ein konsequente Anwendung basisdemokratischer Konzepte.

  • Der Schreiber

    @ El Arbi
    Ich leite aus Ihrer Antwort einmal diese zwei Thesen ab und erlaube mir, diese auch gleich zu kommentieren:

    1. Die Freiheitsbewegungen und demokratischen Diskurse des 19. Jahrhunderts haben uns in zwei Weltkriege geführt.

    Mein Kommentar: Das wäre doch sicher ein gern genommenes Thema für eine politikwissenschaftliche Habilitation an der Kim-Il-sung-Universität in Pjöngjang wink

    2. Wer ein Internet hat, in dem jeder seine Meinung sagen darf, der führt keine Kriege!

    Kommentar: Das meinen Sie nicht wirklich ernst, gell? Sie lesen schon noch ab und an die Beiträge in den Qualitätsmedien der elitären Säcke? Es gibt da nämlich das eine oder andere Land, das nicht nur gerne Kriege führt, sondern auch das Internet dazu benutzt. wink

    2.1. Insbesondere die Schweiz führt keine Kriege, weil sie basisdemokartisch ist und jeder Pöbel (Pöbel: das haben Sie so geschrieben!) seine Meinung (auch im Internet) sagen darf.

    Kommentar: Das ist lustig, aber leider falsch: Die Schweiz führt aus dem selben Grund keine Kriege gegen andere Länder dieser Welt, aus dem auch mein Sparkkassendirektor mich niemals erschießen würde: Ich habe ein Konto bei ihm. wink

  • Roshan

    Ich finde Lampedusa als Anlass für diese an sich wichtige Diskussion zu wählen, etwas unglücklich. Ich hatte zu Lampedusa die Kommentare nicht gelesen. Beim grössten Schweizer Portal, dem Tagi, ist es so, dass bei einigen Themen die Kommentarfunktion ausgeschaltet ist, bei anderen nicht. Bei Themen, wo es auch um die Pietät geht, gerade Lampedusa als Beispiel, finde ich es angebracht, nur dort Kommentare zuzulassen, wo es um eine Meinungskolumne oder eine Analyse oder ähnlich geht. Bei den Artikeln, wo es nur um die Darlegung des Faktums selber (also die Inhalte, die von Reuters und ähnlichen Newslieferanten kommen) und es um tragische Vorkommnisse geht, sollte die Kommentar Funktion ausgeschaltet bleiben.

    Zu Moderation: Es gibt den Ansatz, alles in eine Warteschlange zu setzen, wo dann je nach dem freigeschaltet wird oder nicht. Dieser Ansatz ist aus publizistischer Sicht und dabei der ganze rechtliche Kontext auf der sicheren Seite, behindert aber eine zeitnahe Diskussion. Der Effekt ist, dass eine Diskussion mit Austausch ausbleibt und damit wohl auch die wichtigen Clickraten.

    Dann gibt es den Ansatz, retroaktiv die schlimmsten Sachen zu entfernen. Dies ist nach meinem Eindruck der am meisten praktizierte Ansatz, weil ersterer personell aufwendig ist und bei kleineren Publikationen alleine am Aufwand scheitert.

    Wichtig bei Moderation ist aber immer, dass klare Transparenz herrscht. Die fängt mit klaren, publizierten Regeln an und endet mit einer transparenten Entfernung, oder Editierung, wo der Grund klar angegeben wird. Fehlt diese Transparenz, entsteht sehr schnell der Eindruck der Zensur und Meinungsgängelei seitens der Betreiber.

    Was Du, Reda hier darlegst, kann ein einem überschaubaren Forum wie hier sicher gut funktionieren, aber stelle Dir Deine aktive Beteiligung bei ‚grossen‘ Themen vor, wo hunderte von Kommentaren kommen. Ich kann mir das nicht vorstellen – Ich jedenfalls lese die Kommentare nicht, wenn dann steht der Artikel habe zig hundert Kommentare. Dies ist dann nur noch Hintergrundrauschen, zwar sehr laut, aber vernachlässigbar. 

    Mein Eindruck über die Jahre ist auch, dass Themen mit ‚Wundreibung‘, wie ich es nenne, also etwa wie hier als Anlass das Thema Einwanderung, Schlepper und Flüchtlinge, die immer gleichen Voten generieren.  Die meisten gehen weg und kommen in die vermeintlich besseren Länder wie dem Westen, weil es im Heimatland schwer ist, ein einigermassen anständiges Leben zu führen, seien dies nun wirtschaftliche oder politische und kriegerische Gründe. Das kann nur verbessert werden, in dem die Situation in den Heimatländern verbessert wird. Aber wie? Mein Eindruck ist, je mehr wir Entwicklungshilfe betreiben, ‚militärischen Schutz‘ und andere etwas kolonialistische Anwandlungen, desto verknorzter wird es dort. Aber wer den doch wirklich sehr gefährlichen und teuren Weg, mit einer Nussschale Richtung Lampedusa zu segeln, auf sich nimmt, muss sehr verzweifelt sein. Da finde ich es unstatthaft, dass die EU die ganze Verantwortung, mit diesen Neuankömmlingen umzugehen, dem ersten Zutrittsland überantwortet.

    Ich denke, die neue Rolle des Journalisten ist immer noch ein Work in Progress. Als Blogs, Kommentarfunktionen und anderes auftauchten, redeten viele davon, dass Print, Zeitungen, Newsportale tot seien. Ein kurzer Blick in einen Bahnhofskiosk zeigt das Gegenteil. Ein kurzer Blick auf Pagerankings zeigt das Gegenteil. Was wird online gelesen, was nicht? Es braucht immer Leute, die fähig sind, das relevante vom nicht relevanten zu trennen, weil niemand die Zeit und Geduld hat, alle Blogs, all diese Kommentare usw. durchzulesen. Es geht somit um etwas eigentlich Einfaches und nicht technologisches, nämlich darum, wem ich vertraue, mich auf das relevante aufmerksam zu machen. In dem Sinn sehe ich Deine direkte Mitarbeit in den Diskussionen hier als vertrauensbildende Massnahme, indem sich das eine oder andere sagt, doch, dem Reda will ich zuhören, auch wenn er manchmal arrogant, narzisstisch, zynisch, oder was auch immer als Kritik hier nachlesbar ist, daherkommt.

    Die immer noch offene Frage ist, wie das Ganze sich rechnet, also mindestens kostendeckend betrieben werden kann. Ich kenne die Antwort dazu auch nicht.

  • Réda Philippe El Arbi

    Antwort auf Punkt 1.: Die Freiheitsdiskurse im 19. Jahrhundert sind weit hinter der bestmöglichen Demokratie zurückgeblieben. Sie sind einen Schritt weiter gegangen, als die franzöische Revolution, aber eben nicht weit genug. Aber Sie dürfen gerne das in meine Worte hineininterpretieren, was Sie möchten. Auch das ist Freiheit.

    2. Lesen Sie nochmals, was ich geschrieben habe, und nicht, was Sie DENKEN, hätte ich geschrieben. In Ländern mit demokratischen Medien ohne Zensur lassen sich die Massen einfach schlechter in einen Krieg hetzen. Wenn Sie Meinungen unterdrücken, schaffen diese sich nach einer gewissen Zeit meist ziemlich explosiv Luft.

    2.1.: Es geht nicht darum, dass niemand uns angegriffen hat. Es geht darum, dass niemand uns verleitet hat, auf irgendeiner Seite aktiv in einen Krieg einzugreifen. Ihre Bank-Logik greift da nicht, auch wenn sie sicher eine der Begründungen ist, warum wir nicht angegriffen wurden.

    Und zum Schluss: Sie widerlegen ihre eigene These hier in diesen Kommentaren, Sie argumentieren gewandt, mit Humor und mit einer gewissen Leichtigkeit, die jeglichem Hass entbehrt. Leute, die unseren Schlagabtausch lesen, werden sich durch Ihre und durch meine Argumente zusätzlich zum Artikel eine differenziertere Meinung bilden.

    Danke für Ihr Engagement! smile

  • hiro

    Ich kenne die Situation in der Schweiz nicht. In Deutschland kann man sich jedoch nicht darüber beklagen, dass die Medien keine politische Meinung vorgeben würden. Im Gegenteil, es gibt kaum einen Artikel, der nicht dem Leser die Wertung eines Ereignisses abnimmt.

    Vielleicht ist der Grund für zahlreiche Kommentare nicht die Meinungsschwäche der Medien, sondern die Meinungsfreude, die zu Widerspruch animiert.

    Zum Thema Kommentarmoderation: Eines der erfrischendsten Foren ist das Heise-Forum – vollkommen unmoderiert, aber auch das funktioniert. Neben all den Schrottkommentaren gibt es dort auch regelmäßig Beiträge, die besser sind als die zugrundeliegenden Artikel.

    Ein Verlag muss sich dafür natürlich darauf einlassen, nicht nur vermeintliche “Qualität” auf seinen Seiten zu haben – und die Leser müssen sich darauf einlassen, sich ihre eigene Meinung über die Kommentare zu bilden. Ich finde das angenehmer als die Gummizelle, die in mancher Kommentarspalte die Illusion von Konsens erzeugt.

Lesen Sie auch: