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Die Verhärtung der Frau

Neue Schönheitsideale verbreiten sich heute über soziale Medien und eliminieren die letzten Zonen weiblicher Weichheit.

Von Marie Dové

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Der Weg zum neuen weiblichen Schönheitsideal führt über Hashtags wie «girlsabs», «ripped» oder «fitstomach». Wer in sozialen Netzwerken wie Instagram oder Tumblr diese Suchbegriffe eintippt, der stösst auf Tausende von Bildern, auf denen Frauen ihre fitnessgestählten Bäuche zeigen – eigentliche Muskellandschaften, wie man sie bis vor kurzem nur von Männern, nur von Athleten kannte. Es ist immer dieselbe Inszenierung: Frau stellt sich vor den Spiegel, hebt das T-Shirt an bis zum Busen, legt den flachen, harten Bauch frei; in der zweiten Hand das Smartphone, dessen Kamera das Resultat vieler Wochen Trainings dokumentiert. (Lesen Sie auch: «Bauch, Pein und Po»)

Muskeln waren mal Männersache, und für ein sogenanntes Sixpack quälten sich unter den Frauen nur gerade prominente Fitness-Junkies wie Popsängerin Madonna oder Schauspielerin Cameron Diaz. Die Durchschnittsfrau hatte sich um diese Problemzone noch nicht zu kümmern. Doch das ist nun vorbei: Die Bauchbilder in den sozialen Medien dokumentieren einen hammerharten Massentrend. Und wie man dem Fett am Bauch den Garaus macht, das kann Frau nicht nur in Fachmagazinen wie «Shape» lesen, sondern auch auf Massenportalen wie der Huffington Post.

Der Popeye-Faktor gilt auch für die Frau

Mit dem Trend zum weiblichen Muskelbauch wird die letzte Zone weiblicher Weichheit eliminiert. Die Verhärtung der Frau erreicht damit gewissermassen ihre Vollendung. Zuerst strafften Krafttraining und Silikon die weibliche Brust. Oberschenkel und Hintern waren die beiden nächsten weiblichen Problemzonen, die die Fitnessindustrie für ihre Rezepte entdeckte. Sodann galt es, die Oberarme zu stählen, damit diese so straff würden wie die einer Michele Obama oder einer Sarah Jessica Parker; wer an der Mühsal des täglichen Trainings scheitert, der kann sich für dasselbe Ziel unters Messer des Schönheitschirurgen legen. (Lesen Sie auch: «Intime Einschnitte»)

Nun also gilt der Popeye-Faktor auch für den Bauch der Frau. Wir erinnern uns: Er stand in der Geschichte der Menschheit bislang als Ort der weiblichen Frucht und Fruchtbarkeit, nicht aber als fettfreie Zone.

So ist die Frage «Frauen und Sixpack – passt das zusammen?», gestellt auf der Website Womenshealth.de, bloss noch eine rhetorische. Jedenfalls kann man auf der erwähnten Frauen-Website gleich lesen: «Wie sich Fitness-Redakteurin Martina für ihren Waschbrettbauch durch die 6 härtesten Trainingswochen ihres Lebens kämpfte».

Bauch vor Gesicht

Welcher Härtegrad heutzutage von Frauenbäuchen verlangt wird, musste letzthin selbst eine Vertreterin der Spezies Miss Schweiz erfahren, einer Gattung Frau, die nun wirklich nicht für Übergewicht bekannt ist. Doch die Boulevardpresse entdeckte am Bauch von Alina Buchschacher, Miss Schweiz im Jahr 2012, ein paar Fettpölsterchen, und schon war eine landesweite Debatte um «Miss Büchli» lanciert. Diese fand erst ein Ende, nachdem die Schönheitskönigin versprach, mit einem Personal Trainer den Bauchansatz wegzufitten. (Lesen Sie auch: «Was wir von den Ex-Missen lernen können»)

Flach und hart, so muss der neue Frauenkörper allerorten sein. Auf den sozialen Netzwerken geht der Trend ja soweit, dass Profilbilder nicht mehr ein Porträt zeigen, sondern die Bauchpartie in Szene setzen, so ungefähr nach dem Motto: «Ich zeig Dir meinen Bauch, damit du weisst, wer ich bin.»

Wo mal ein Gesicht war, blickt man heute an den rectus abdominis, den geraden Bauchmuskel.

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Kommentare

  • Ekaterina

    finde ich extrem schade! Ich bin für einen trainierten, sogar ja durchtrainierten Körper, auch Frauenkörper! ich trainiere selber täglich! Die Bewegung gehört zu meinem Alltag wie das Atmen! Jedoch finde ich den aktuellen Trend unschön und übertrieben. Ich bin professionelle Zirkusartistin, mein durchtrainierter Körper war Resultat der Körperinstrumentalisierung und ergab sich “nebenbei” als Folge des beruflichen Alltags. Mittlerweile bin ich auf einem ganz anderen Gebiet tätig, dies jedoch zu veranschaulichen, welchen engen Bezug ich zum Körperbefinden habe.

    Frauen, meine wunderbaren Wesen, bitte macht einen Unterschied zwischen “Straff” und “Hart”! Seid Stolz auf das Glück, das uns die Natur geschenkt hat – eine Frau zu sein.

  • Sebastian

    gut getroffen.

  • marie

    es braucht unglaublich viel disziplin und noch mehr zeit, den körper zu gestalten wie er hier gezeigt wird. mir gefällt es nicht und ich kenne 2 frauen, die so aussehen und daran arbeiten – die gesprächsthemen begrenzen sich ebenfalls mehrheitlich nur auf diese beschäftigung. nun, jedem das seine, aber irgendwie sind mir lasterhafte menschen irgendwie sympathischer, denn sie sind in der regel auch grosszügiger.

  • Jorge

    Sie sind mir auch äusserst symphatisch, Gnädigste smile

    Was diesen Trend angeht… nur ne Modeerscheinung, die sich aus unserem Wohlstandsperversum ergeben hat – das Pendel schwingt dann schon irgendwann zurück – keine Panik.

  • marie

    grin
    ich plädiere für mehr warme, weiche bäuche. esst mehr pasta und pizza gemeinsam! das macht glücklich.

  • Tomas

    Bei einer jungen Frau, die normal isst und sich regelmässig bewegt sieht der Körper in der Regel sowohl weiblich, wie auch fest und knackig aus. Das ist aber heutzutage schätzungsweise nur etwa bei jeder fünften der Fall – jedesmal, wenn ich an McDonalds vorbeigehe, sehe ich dort jugendliche Damen mit bereits überquellenden Speckrollen, wie si genüsslich Fett und Zucker in sich reinschaufeln. Nun gut, jedem das seine.

    Der oben beschriebene Idealzustand hält aber leider nicht ewig, und so kann sich Frau selber aussuchen, ob bei ihr irgendwann die Formen zu zerfliessen beginnen, oder ob sie dagegen etwas unternehmen will. Durchtrainierter Körper muss aber überhaupt nicht so aussehen, wie die Bilder oben zeigen. Im Gegenteil: auch Frauen die täglich hart trainieren sehen meistens immer noch weiblich aus – ich kenne vom Fitnessstudio einige Beispiele. Um so auszusehen wie oben bedarf es nicht nur des Trainings, sondern noch spezieller Ernährung, ähnlich wie es die Bodybuilder etwa drei Monate vor einem Wettkampf durchziehen, um die Muskel zu definieren. Ohne solche Massnahmen verschwindet der Look von selbst auch wenn die Frau weitertrainiert.
    Ich persönlich finde so extrem definierte Muskeln bei Frauen nicht erstrebenswert, aber wie gesagt, es ist sowieso ein temporärer Zustand, der sich meistens rasch wieder von selbst behebt. Und die andere Alternative, wo überall so Schwabbelgewebe herumhängt, naja, die finde ich noch schlimmer.

  • Jorge

    Einem Plädoyer für’s Pizzaessen sollte man sich per se immer anschliessend!

    *anschliess*

  • James

    Ist doch ok, wenn diese Frauen sich ein Ziel setzen, hart daran arbeiten und das Ergebnis dann stolz mit der Welt teilen. Es braucht extrem viel Disziplin um so einen Bauch zu kriegen! (Und Exhibitionismus um es mit der Welt zu teilen) Trotzdem glaube ich nicht, dass man da von einem Trend sprechen kann. Jede Bewegung kennt doch Ihre Extreme und durch das Internet werden die halt viel schneller verbreitet. Ich sehe in meinem Fitnesscenter also kaum solche Damen, obwohl dort viele sehr gut traniert sind.

    Also ich finde es besser, jemand übertreibt es mit dem Sport, als umgekehrt!

  • marie

    oh, ich freue mich schon auf diese biografien, mit den titeln “mein leben im fitness studio” oder “mein six päck”, “der stepper hat mich geformt”  usw…
    wink

  • marie

    http://www.pizzainteglia.it/impasto-della-pizza-in-teglia-le-ricette_files/DSCN0466.jpg
    …da reinzubeissen ist einfach ein orgiastisches vergnügen tongue laugh
    *schwelg*
    (zum dessert: dunkle ragusa, mit einem feinen süssen mokka und grappa.)

  • mira

    Also von Trend würde ich jetzt auch nicht gerade sprechen. Übergewicht ist wohl deutlich öfters verhanden, als Waschbrettbauch… Sowas läuft für mich eher unter der Kategorie “Spinner”, vergleichbar zu Marathon-Läufern oder männlichen Bodybuildern… Wenn man in Internet-Foren stöbert, findet man noch viel mehr solcher “Trends”…

  • brini

    #befit #strongisthenewsexy
    man kann definit von einem Trend sprechen. Ich bewege mir in dieser Szene und in dieser Alterklasse und der Umbruch was diese Thema betrifft ist enorm. Viele von meinen bekannten konzentieren sich hauptsächlich darauf das Sportpensum zu erhöhen und die gesamte Ernährung umzustellen. Definitiv ist es nicht möglich solche “Abs” lediglich durch Sport zu erarbeiten. Dazu gehört eine strikte Ernährung, weder Fett noch Kohlenhydrate enthält. Ob dies nun zu extrem ist oder nicht, sicher ein besseren Trend sich widr gesundheitsbewusster zu ernähren und zu leben, als sich durch FastFood-Restaurants schlemmen und sich von jeglicher Bewegung zu drücken.

  • slived advocat

    find ich super. eine Frau ohne six pack schau ich schon gar nicht an.
    (pressure much?)

  • Feylin

    Finde ich gar nicht so übel und Respekt vor der Disziplin. Ich denke es ist gar nicht schlecht viel Muskeln zu haben (im medizinischen Sinne). Immerhin ist dies der beste Energiespeicher und macht einen so nicht nur im Sport, sondern in jeder Lebenslage fit und durchsetzungsfähig! Wenn die sich wohl fühlen, wieso nicht?
    Ich selber mache zwar viel Sport aber ich bin kein sportlicher Typ vom Körper her, sondern eher knabenhaft – ohne sichtbaren Muskeln (gefällt mir aber am besten:))

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