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Das Mittelalter triumphiert

Wie hiess es einst? Mit 40 beginnt für die Frau das unsichtbare Alter. Denkste: So sichtbar wie heute waren mittelalterliche Schauspielerinnen noch nie. Haben wir das dem Feminismus zu verdanken?

Von Nicole Althaus

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Entzückt und etwas erstaunt bejubelte die Pressewelt die News, dass Penélope Cruz im Alter von 40 das älteste Bondgirl, sorry, die älteste Bondfrau, werden soll, die je James’ Gespielin, sorry, Partnerin, gemimt hat. Da habe sich aber etwas getan in der Filmindustrie, hiess es. Und: Warum ist denn bei Schauspielerinnen immer das Alter ein Thema? Ja, warum eigentlich? Weil das Alter bei Frauen immer ein Thema ist. Egal, was sie tun. Es ist in Jobs ein Thema und in Partnerschaften. In der Politik und im Showgeschäft. Das weibliche Alter ist ein Gleichmacher: Es teilt die Hälfte der Menschheit in zwei Kategorien ein: jung und vielversprechend sowie alt und vorbei. 40, das war lange Zeit die Deadline, das Ende aller Versprechen.

In den letzten Jahren jedoch hat sich eine dritte Kategorie herauskristallisiert und den Frauen etwas Zeit gegeben: das mittlere Alter. Frauen von 40 bis etwa Mitte 50. Sie sind plötzlich in den Fokus geraten. Als die neuen Löwinnen (Cougar), die sich jüngere Geliebte zulegen (Lesen Sie auch: «Abgesang auf den Cougar-Trend»). Als frischgebackene Mütter, die sich nicht ums Alter scheren. Als Model und eben als Hollywood-Sternchen, das nicht einfach in Vergessenheit gerät, nachdem es 40 Kerzen ausgeblasen hat. Schlagzeilen machen Frauen im fünften Jahrzehnt immer dann, wenn sie etwas tun, das bisher den Männern vorbehalten war.

Feministische Revolution?

In Hollywood zum Beispiel: interessante Rollen bekommen und gut verdienen. Und wie sie das plötzlich tun: Neun der Top Ten der bestverdienenden Schauspielerinnen Hollywoods waren 2012 mindestens 37. Cameron Diaz, Sandra Bullock, Meryl Streep oder Angelina Jolie eingeschlossen. Interessanterweise sitzen viele der Stars, die in ihren Zwanzigern und Dreissigern top waren, immer noch an der Spitze der A-Liste. Erinnern wir uns kurz: Noch 1994 spielte Sally Field, damals 47, die Mutter von Tom Hanks, damals 37, in «Forrest Gump». Frauen mittleren Alters waren abonniert auf die Nebenrollen: Mutter, Ehefrau oder Lehrerin. Die Hauptrollen gingen an die gut 10 Jahre jüngeren Geschlechtsgenossinnen.

Warum der plötzliche Wandel? Hat die diskriminierende Reduktion der Frau auf ihr Alter tatsächlich aufgehört? Ist die Sichtbarmachung des «unsichtbaren Alters» gar ein feministischer Sieg? (Lesen Sie auch: «Ganz schön alt»)

Nun: Sicherlich als Etappensieg darf die Tatsache gewertet werden, dass Frauen wie Kristen Wiig («Bridesmades»), Tina Fey («30 Rock») oder Lena Durham («Girls») Drehbücher für Komödien, Filme und Serien schreiben, in denen Frauen die Hauptrolle spielen, und dass dies nicht davon abhängt, wer – um Tina Fey zu zitieren – am ehesten «fuckable» ist. Interessant ist sicher auch die Tatsache, dass die Rollen selbst geschlechtsneutraler werden. So etwa hatten die Regisseure von «Identity Thief» für die zweite Hauptrolle eigentlich einen Schauspieler gesucht, schliesslich aber Melissa McCarthy den Vorzug gegeben. Solche Cross-Gender-Besetzungen sind erst möglich, seit die Charaktere nicht mehr geschlechtstypisch agieren müssen.

Das Publikum altert mit

Alle anderen Gründe für die Verschiebung der Altersguillotine sind allerdings wenig revolutionär. Hollywood ist nicht einfach gendersensibel geworden, sondern ist immer noch schlicht und einfach am Business interessiert. Und das kommt für einmal den älteren Frauen entgegen: Ein Drittel der Kinotickets nämlich wurde letztes Jahr in Amerika an über 40-Jährige verkauft. Die Babyboomer sind die grösste Alterskohorte der Bevölkerung. Das Kinopublikum wird älter – und mit ihm auch die Stars. Kommt noch der sicher alles andere als befreiende Umstand hinzu, dass das Alter vorab konserviert wird. Botox und Schönheitsoperationen sei Dank. Die Tatsache, dass Nicole Kidman etwa mit 46 nicht wesentlich anders aussieht als mit 35, liefert den Studiobossen sozusagen den Fünfer und das Weggli: Sie können gleichzeitig auf einen altbewährten Star und auf die herkömmlichen Schönheitsstandards setzen. Freuen wir uns also über die neue Sichtbarkeit des mittleren Alters.

Vergessen wir aber nicht: Bei Frauen sind die gelebten Jahre keine Erfahrung, die man sehen darf. Sondern Spuren, die frau tilgen muss. (Lesen Sie auch: «Die Geburt des Botox-Feminismus»)

Link: Die bestverdienenden Hollywood-Frauen

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Ehe Gender Hollywood Stars Trend


Kommentare

  • Urs

    Das hat natürlich auch mit Marketing zu tun. Jede berühmte Schauspielerin ist auch eine Marke, aus der es Kapital zu schlagen gilt. Sie zu früh in Vergessenheit geraten zu lassen, wäre ökonomischer Unsinn.

  • adrian

    Ja das glaube ich auch. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich nicht besonders an Promi-Geschichten interessiert bin, aber es scheint doch viel schwieriger geworden zu sein eine neue/junge Schauspielerin in Hollywood zu etablieren, wohl auch weil der Markt von jungen Schönheiten überschwemmt wird… Es ist einfacher und hat mehr Wirkung, die bewährten Stars zu vermarkten. Das gleiche zeigt sich auch bei den Filmen, es werden unendlich viele Fortzsetzungen gedreht, da sich diese bewährt haben…

  • The Damned

    Wirklich attraktive Frauen sind eben zeitlos. Das Alter lässt sie reifen und sogar noch attraktiver werden. Da stört eigentlich nur noch das Wort Feminismus.

    Im Prinzip zerstört es die Attraktivität vieler Cougars sofort auf einen Schlag. Vor allem wenn es einem als Mann bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf die Nase gebunden wird. Ü40-Frauen sind auf ihre Art sehr speziell. Und schwierig. Sie kommen aus einer Zeit, in denen Stephan Eicher ‘toutes les filles de Limmatquai, regarder ne pas toucher’  gesungen hat. Ich schaue sie gerne an, die Cougars.

  • marie

    Vergessen wir aber nicht: Bei Frauen sind die gelebten Jahre keine Erfahrung, die man sehen darf. Sondern Spuren, die frau tilgen muss.
    …voll bei ihnen Frau Neuhaus!

  • Lia

    der einzige Grund, weshalb heute auch 40jährige interessant sind ist, dass sie sich geben und kleiden wie 25jährige.

  • Lia

    .. das sagt wer? Ich tilge gar nix.

  • marie

    oh, als 44 jährige kann ich fr neuhaus’ aussage nur bestätigen – aber lia, deswegen tilge ich auch nicht wink …und das kommt erfahrungsgemäss nicht gut an, was mir dann aber sche****egal ist.

  • Hanspeter

    folgendes stimmt nicht ganz oder ist nur teilweise korrekt:

    “Vergessen wir aber nicht: Bei Frauen sind die gelebten Jahre keine Erfahrung, die man sehen darf. Sondern Spuren, die Frau tilgen muss.”

    muss? Diese aussage nimmt an, dass die Frau angewiesen ist auf das urteil einer Drittperson. dies ist hier aber die Entscheidung der Frau. Und, es sind nicht nur Frauen. Auch Männer, die ihr aussehen abhängig von Drittpersonen machen müssen, unter der Voraussetzung, dass sie dem Geschmack einer Drittperson oder Zielpublikum gefallen wollen, die Spuren tilgen.
    Dies ist aber selbst gewählt.

    kurzum, wenn ein Mensch einem Zielpublikum gefallen will, das andere Präferenzen hat als dieser Mensch erfüllen kann ist es vielleicht an der Zeit andere Strategien zu entwickeln. bestenfalls schon viel früher.

    generell davon zu sprechen, dass Frauen Spuren tilgen “müssen” ist falsch. Es ist wenn schon aus ihrem eigenen Interesse zu Gefallen wollen entstanden .

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