Clack

Die Quoten-Panik

Bern will in seinem Verwaltungskader 35 Prozent Frauen. Die Quotenpremiere in der Schweiz sorgt für Aufruhr in den Kommentarspalten von Onlinezeitungen. O-Ton: Jetzt schlafen sich die Analphabetinnen hoch!

Von Nicole Althaus

Twittern

Man muss kein Verfechter der Quote zu sein, um sich beim Lesen der Diskussion auf tagesanzeiger.ch zum Artikel Premiere in der Schweiz: Bern beschliesst Frauenquote zu wundern, dass bereits ein Drittel Frauen in einer öffentlichen Verwaltung eine solche Diskriminierungs-Panik heraufbeschwören kann. Und man muss keine Frau sein, um sich über das Niveau der Debatte zu ärgern: «Bei den meisten Kommentaren hier, könnte man entweder meinen wir befänden uns noch in der Steinzeit, oder in einem Land voller frustrierter Menschen», schreibt Martin Bächli und bekommt dafür 8 Likes. Sprich: fast gar keinen Zuspruch.

Den grossen Applaus verteilen die Menschen, die sich am Freitag darüber enervieren können, dass das Berner Stadtparlament vorübergehend einer Quote zustimmte, unter Gleichgesinnten. Beklatscht etwa wird das Votum von Ruedi Wehrmut, der 73 Likes für folgende Aussage einkassiert: «Wie oft, natürlich hinter vorgehaltener Hand, wird wohl die Bemerkung gemacht, bei wem hat die wohl die Beine breit gemacht? Wie viele Leute spielen, bei einer vom Staat vorgegebenen Frauenquote mit diesen Gedanken?»

Wer wird Chef? Die Frau, die nichts kann

Ja,  Herr Wehrmut , wie viele wohl? Sie offensichtlich und alle, die ihren Kommentar likten. Und man muss weder Frau noch Quotenfreundin sein, um zu wissen, dass dieser Gedanke schon vor der Quotendiskussion ein äusserst beliebter war. Wie wohl soll man sonst erklären, dass es eine Frau in die Chefetage geschafft  und einen mit Sicherheit besser qualifizierten Mann verdrängt hat?

Zünftigen Applaus, nämlich 114 Likes, bekommt auch Patrik Buchel, der seine aufrichtige Angst formuliert, dass dank der Quoten nun Analphabetinnen in die Teppichetagen befördert werden: «Schulabrecherinnen der Schweiz, eure Chance ist nun da! Nie was gekonnt, kann jetzt nichts, wird nie was können und trotzdem Chefin einer ganzen Abteilung, das ist the Way-of-Live in der Schweiz.»

Offenbar können der Kommentator und seine Anhänger schlecht Statistiken lesen: Der Way-of-Life in der Schweiz ist nämlich, dass junge Männer viel häufiger die Schule abbrechen und Frauen mit einer tertiären Ausbildung schon bald in der Mehrheit sind. Aber wahrscheinlich geht es Patrik Buchel gar nicht um die Qualifikation, sondern um das Prinzip: Gerecht, demokratisch und nicht diskriminierend ist, wenn nur die besten und am besten verfügbarsten in die oberen Etagen eingeladen werden und deshalb die Männer mehr oder weniger unter sich bleiben.

Wer wird nie mehr Chef? Der superqualifizierte  Mann

Denn es ist doch so, wie es Eron Thiersen so schön forumuliert: «Ich habe es so satt als Mann auf Stellensuche zu sein und dann zu erfahren, dass aufgrund der Zusammensetzung eine Frau bevorzugt wird … muss ich deshalb bald zur Fürsorge?»

Nein Herr Eron, zur Fürsorge müssen sie deshalb noch lange nicht. Sie bekommen höchstens eine Frau zur Chefin. Und vielleicht ist es ihnen ein kleiner Trost: Frauen verstehen ihren Frust durchaus – sie machen nämlich bei Bewerbungsgesprächen seit Jahrzehnten eine durchaus vergleichbare Erfahrung: Die Zusammensetzung des Büros spielt vielleicht weniger eine Rolle – das Alter aber umso mehr. Mit 30 ist Frau nicht beförderungsfähig, weil sie schwanger werden könnte. Zwischen 32 und 40 weil sie kleine Kinder zu betreuen hat und die dann immer krank werden. Und wenn sie endlich 42 ist und ihr das Schwangerwerden nicht mehr so zugetraut wird, ist sie für einen Karriereschritt ins Kader halt schon ein wenig zu alt.

Da können die Männer doch nichts dafür? Stimmt. Und deshalb darf am Statusquo nichts ändern, oder? Man muss keine Quotenfreundin und auch keine Frau sein, um die Botschaft von Herr Meier zu verstehen, welche den Unterton der Debatte auf tagesanzeiger.ch kurz und bündig auf den Punkt bringt.:

«Wenn die Natur Gleichberechtigung wollte, könnten die Ehepaare wählen, wer von beiden das Kind austrägt und zur Welt bringt….»

Feminismus Frauenquote Karriere


Kommentare

  • timea

    Wir reden immer über die Frauenquote- was ist denn der Status Quo? Eine stillschweigend geduldete Männerquote?
    Ich bin an sich gegen Quote aber es zeigt sich einfach, dass sich ohne herzlich wenig tut. Auch ich habe schon die Erfahrung gemacht, dass meiner Bewerbung die eines Mannes vorgezogen wurde, obwohl ich mehr zu bieten hatte (Auslandaufenthalt, Zweitstudium, Führungserfahrung etc.).

  • Myriam

    ja leider sind die tagesanzeiger Kommentare zu diesem Thema total absurd, ein Kommentator meinte er sei noch nicht bereit für 30% Frauen lieber noch 40 Jahre warten….aber hallo….mit vernünftiger logik ist da nicht beizukommen (nie was gekonnt und nun Chefin einer Abteilung…ja klar…), als Befürworterin von Quoten wird einem sogleich mangelnde Bildung, Unfähigkeit, Faulheit und Steinzeitfeminismus sowie Männerhass an den Kopf geworfen…traurig traurig was sich da so tummelt…umso schöner gibt es eine Plattform wie Clack, welche die aktuellen Thema aufnimmt und sachlich fachlich neutral bespricht!

Lesen Sie auch: