Clack

Die Pornstar-Falle

Der Quotenmann fragt sich, warum manche Frauen ein altes, männliches, sexistisches Frauenbild gegen ein neues, weibliches, sexistisches Frauenbild eintauschen. Und das auch noch für emanzipiert halten.

Von Réda Philippe El Arbi

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Seit «Sex And The City», «Desperate Housewifes» und dem neuesten Knaller «50 Shades of Grey» springt mir Eines immer deutlicher ins Auge: Frauen stehen plötzlich enorm unter Druck, verrucht und – wie man so schön sagt  – «offen für alles» zu sein.

Kurz, eine moderne Frau muss Pornos schauen, ausgefallene Sexpraktiken fordern, mindestens einmal mit zwei Partnern im Bett gewesen sein und ohne Würgen Körperflüssigkeiten gurgeln. Schliesslich ist man befreit und – wie man nochmals so schön sagt – «offen für alles». Oralsex ist plötzlich ein Muss, nicht eine Möglichkeit.

Frauen, die Analsex, Bondage und Pornos nichts abgewinnen können, gelten, vor allem vor ihren Geschlechtsgenossinnen, als prüde. Gutverkaufte Magazine für Lifestyle-Emanzipation fördern mit dieser gehypten und inszenierten sexuellen «Befreiung» ein Frauenbild, das auch von einem alten Sexisten stammen könnte. Es entsteht ein Bild von Sexualität, das vielleicht einigen Frauen entspricht, aber eben nur einigen.

Traurig ist, dass sich viele Frauen, angetrieben von Sexberaterinnen in seichten Hochglanz-Frauenmagazinen, selbst unter Druck setzen, «für alles offen» zu sein. Das führt zu Partnerinnen, die sich im Bett plötzlich wie kleine Porno-Sternchen verhalten und man(n) versucht ist, über die Schulter nach dem Kameramann Ausschau zu halten. Der Sex wirkt plötzlich inszeniert und künstlich. Dazu kommt oft ein kleiner, angewiderter Zug um den Mund, wenn frau von sich Dinge erwartet, die sie eigentlich nicht mag, nur um sexuell modern genug zu sein.

Wenn frau aber wirklich neue Dinge ausprobieren will und diese auch einfordert, ist sie überrascht, wenn der Partner damit überfordert ist. Männer verstehen dann oft die Welt nicht mehr. Haben sie doch in den letzten Jahren und Jahrzehnten gelernt, Frauen nicht als Objekte zu behandeln und vor allem nicht sexuell zu benutzen, sondern zu befriedigen. Sie sehen sich plötzlich mit Vorstellungen konfrontiert, die sie bis dato nur heimlich in billigen Sexfilmchen erlebten. Sie trauen dem Ganzen einfach nicht.

Eine Frau kann also durchaus mal eine SM-Praktik im Bett vorschlagen, sich als verruchtes Objekt erniedrigen lassen, den Mann fesseln wollen oder ein anderes als das gewohnte Türchen öffnen. Das ist völlig in Ordnung, aber seien Sie nicht enttäuscht, wenn das Ganze dann etwas schlapp daherkommt. Männer hingegen sollten sich hüten, solche Dinge zu fordern, wenn sie nicht mindestens ein halbes Jahr Vorabklärung betrieben haben und mehr oder weniger sanfte Hinweise in Gesprächen einfliessen liessen. Ansonsten sehen sie sich im Nu einer Paartherapeutin gegenüber, die sie des Übergriffs und des sexistischen Chauvinismus bezichtigt.

Liebe Damen, Emanzipation bedeutet in erster Linie Autonomie. Es ist nicht eine Befreiung vom Patriarchat, sondern eine Befreiung von allen bevormundenen gesellschaftlichen Tendenzen. Bevor Sie also den Pornstar im Bett geben, werden Sie sich klar, was SIE wirklich wollen, nicht was irgendein neues Rollenbild von Ihnen erwartet. Sexualität ist wohl das Individuellste, das es gibt. Sie sind es sich schuldig, sich selbst gerecht zu werden – und nicht irgendwelchen Sexblogs oder Beziehungskolumnen.

Réda Philippe El Arbi ist Mitinhaber der Kommunikationsagentur SeinSchein, Autor, Geschichtenerzähler, Stadt-Blogger bei Züritipp/newsnet.ch, Haustiersitter und war kurze Zeit Herausgeber des Zürcher Satiremagazins «Hauptstadt».  Er schreibt, weil er nicht anders kann.

  

Quotenmann


Kommentare

  • The Damned

    Also als Verdammter muss ich sagen: Ihre Texte haben es in sich, Herr El Arbi! Sie treffen so viele Nägel auf den Kopf, dass man sich langsam fragen muss, wieviele Nägel da noch kommen mögen, von denen Mann bisher a) nicht gewagt hat, zu sprechen oder b) wenn, dann nur hinter vorgehaltender Hand und ganz, ganz leise. Schön, dass man das mittlerweile auch laut und deutlich tun darf: Weiter so!

  • Jolanda

    Ja da haben sie aber total recht! Das ist das erste Mal, wo ich das lese aber finde dies schon lange. Und schön, dass dies einem Mann auffällt.
    Es beginnt schon mit 13/14, ich weiss noch, dass ich in eine neue Klasse in Zürich kam und mir die Mädchen von ihren Blowjobs erzählten. Ich war schockiert und die Mädchen auch, da es für sie ganz altertümlich war, dies mit 14 noch nicht gemacht zu haben.
    Und auch heute mit 20, bin ich immer noch die Prüde, da ich mir nicht vorstellen kann, im Escort zu arbeiten, mit einem Unbekannten nach einer Party hemmunglosen Sex im Park zu haben, ich eine Familie will (ohne Ehe) und nicht vier parallel Beziehungen. Ich mag meine Umgebung immer noch, aber ich gebe zu, dass mir all die Artikel in den Zeitungen, Meinungen von Freunden und Freundinnen, die Lust an Beziehungen, vor allem das Vertrauen in den Parnter genommen hat. Ich kann mich als Prüde nur schwer eingliedern in die versexte Gesellschaft, wenn es um das Thema Beziehung geht. Irgendwie lese ich es immer oder höhre zu, wenn es um dieses Thema geht “Fremdgehen, Verarschen, Ausnutzen, Penislänge, Praktiken, Pornos etc” obwohl es mich enorm traurig macht, da man das Gefühl hat man sei die Einzige, die Sex nicht als die einzige Selbstverwiklichungmethode anschaut.
    Ich finde es bei den Männern aber noch schlimmer: Als ich mit meinen Kollegen in einer Bar war, haben sie angefangen über Pornos zu sprechen, da hat der eine gesagt, er schaue dies nicht, die Gewalt und die Verachtung widere ihn an. Seit da an wird er immer mit dem aufgezogen, dass er ein bisschen ein Halbschuh sei, einfach kein richtiger Mann.
    Ich würde mich im höchsten Masse ekeln, wenn ich aber irgendwann merken würde, dass mein Mann heimlich gewalttätige Pornos schaut, welche die Frau so stark verletzen, dass sie zb unfruchtbar wird (was bei Pornodarstellerinnen passieren kann, wegen den unnatürlichen Stellungen und der Begattung durch mehrere Männer, die teilweise noch künstlich verändert sind!), und überhaupt finde ich die Vermischung von brutaler Gewalt und Sexualität sehr problematisch. Immerhin werden bei einer Erregung einige positive Hormone ausgeschüttet, wenn man diese also bei einer Gewaltszene produziert, kann das langfristig starke Schäden produzieren, was die Einschätzung von Gewalt angeht.
    Hier noch ein erschreckender Artikel aus der Emma: http://www.emma.de/ressorts/artikel/pornografie/der-traum-vom-porno-star/ 
    (ich bin mit der Emma meist ganz und gar nicht einverstanden, aber der Artikel ist krass!)

    Ich glaube, dass viele Frauen (und Männer) Sex als einzige Möglichkeit für die Selbstbestätigung erkennen. Wenn man in nichts wirklich gut ist, was bei einer solch grossen Konkurrenz einfach oft so ist, wenn man nicht so schön ist, dass man Komplimente auf der Strasse bekommt, wenn man schulisch nur eine durchschnittliche Leistung bringen kann, wenn man weder zeichnen noch singen, noch tanzen noch turnen, noch schneidern noch werken kann..aben einfach nichts richtig kann. Bekommt man durch Sex schnell Anerkennung, natürlich nur etwa 10 Minuten lang aber immerhin. Ich glaube, dass ist auch der Grund, wieso sehr viele junge Frauen den Escortdienst idealisieren, man glaubt man wird da endlich mal umgarnt, dann noch von einem mächtigen, reichen Mann (der doch jede Frau haben kann und er nimmt mich!!!!)und bekommt sogar noch Geld dafür!

  • Lilly

    Ehrlich gesagt beobachte ich diesen Trend nur in den Medien und keinesfalls im Freundeskreis. Weshalb ich mich frage, ob das Sommerloch nicht einfach das ganze Jahr über dauert… Aber vielleicht reden wir einfach weniger über Sex als Menschen, die Selbstfindung durch sexuelle Praktiken üben. Irgendwann so um die 40 sollte man doch eigentlich wissen wer man ist oder nicht?

  • Tomas

    Ich finde diesen Text irgendwie nicht wirklich klug, um es nett zu sagen, und auf jeden Fall überflüssig. Gibt es Schnee in Kanada?
    Jemand, männlich wie weiblich, wer sein Sexleben nach dem, was gerade wo angesagt ist statt nach eigenen Wünschen richtet, verdient mein Mitleid.
    Genauso wie jemand der seine erotischen Vorlieben dem Test nach politischen Korrektheit unterzieht. Bedauernswert.

  • Réda Philippe El Arbi

    @Lilly & Tomas: Das Problem sind ja auch nicht die Frauen und Männer, die sich selbst schon kennen und ausleben. Die haben ja auch kein Problem mit dem Selbstbild.

    Aber es gibt immer noch Menschen, die sich selbst nicht so ungeheuer sicher sind und überall nach Orientierung suchen, ausser im eigenen Herzen. Und die werden auch immer wieder verführt. Von Medien (und Besserwissern wie mir). Also kann die Aufforderung, sich erst Mal selbst zu fragen, was man mag, doch nicht so schlecht sein, nicht? smile

  • Irene

    @Réda – Richtig! Für die Menschen (oft junge), die leicht dem Gruppenzwang zum Opfer fallen können, ist der Bericht ausgezeichnet! Und um nun diese gesellschaftliche Entwicklung zu kritiseren…nehme ich eine einfache Metapher; die Mode. Mir ist aufgefallen, dass sogar Prada (Bally, etc.) an der Bahnhofstrasse schon lange solche Schuhe verkauft: http://www.raffaello-network.com/deutsch/mode-detail/226461/29/Prada Damenschuhe.html Solche Schuhe trugen früher nur Stripperinnen und Verona Feldbusch als vor Jahren Moderatorin einer Sex-Sendung war. Porno ist seit einigen Jahren modern… Ich persönlich finds einfach hässlich!

  • I

    Link funktioniert bei mir nicht automatisch – aber mit copy/paste klappt’s!

  • Michèle

    Alles stimmig^^!
    Offenheit = Verletzbarkeit
    Darum sind wohl viele Personen künstlich.
    Unsere Gesellschaftsform (wenn man keine private Schule vermag zumindest) ist so widernatürlich und verletzt die Kinder schon in frühester Kindheit so fundamental (vgl. z.B. Jean Liedloff “Auf der Suche nach dem verlorenen Glück”), dass fast jede -dann erwachsene- Person mit massiven emotionalen Defiziten und Lasten in eine Beziehung einsteigt (oftmals besteht ja nicht einmal tiefe Liebe zwischen den Eltern…), was schon nahelegt, dass eine Enttäuschung sehr wahrscheinlich ist.
    Ich habe selber 7 Kinder mit 3 Partnern (alle selber zuhause (mit dem jeweiligen Vater)geboren und gern lange gestillt) und kann ein Lied darüber singen, wie die Schulpflicht die Kinder verändert und was unser abartiges Wissenschaftsdenken und die den Erkenntnissen hinterherhinkende Bildungsidee mit den herzigen Kinderchen so alles anstellt.
    Immer wird von Tierschutz geredet und (zum Glück!!!) von Naturschutz.
    Wir aber schauen viel zu selten, wie die Gepflogenheiten unserer menschlichen Vorfahren (Naturvölker und ihr Verhalten (interessant auch in sexuellen Belangen) !!!!!!!!)
    ausschauen (die haben sich – im Gegensatz zu der industriellen Gesellschaftsstruktur über Jahrhunderte/-tausende gehalten).
    Ich persönlich stosse permanent an, weil ich gern Spass habe, lache, tanze, singe, kreativ bin, Kinder mache, Sex habe, kuschle, mich auf dem Internet bilde, mit dem Camper von Land zu Land tingle (soo toll und unendlich lehrreich für die Kinder, schon nur die vielfältige und wunderbare Natur^^!!!) , Tiere (Pferde, Kuh, Ziegen, Hunde, Katzen, Hühner, Fische etc.) halte, den Geruch einer Person einem synthetischen Deodorant / Parfum oder Duschzusatz vorziehe (was gibt es Tolleres, als den Geruch des Geliebten???!!! <3)  und, und , und…..^^

  • Michèle

    Alles stimmig!
    Offenheit = Verletzbarkeit
    Darum sind wohl viele Personen künstlich.
    Unsere Gesellschaftsform (wenn man keine private Schule vermag zumindest) ist so widernatürlich und verletzt die Kinder schon in frühester Kindheit so fundamental (vgl. z.B. Jean Liedloff “Auf der Suche nach dem verlorenen Glück”), dass fast jede -dann erwachsene- Person mit massiven emotionalen Defiziten und Lasten in eine Beziehung einsteigt (oftmals besteht ja nicht einmal tiefe Liebe zwischen den Eltern…), was schon nahelegt, dass eine Enttäuschung sehr wahrscheinlich ist.
    Ich habe selber 7 Kinder mit 3 Partnern (alle selber zuhause (mit dem jeweiligen Vater)geboren und gern lange gestillt) und kann ein Lied darüber singen, wie die Schulpflicht die Kinder verändert und was unser abartiges Wissenschaftsdenken und die den Erkenntnissen hinterherhinkende Bildungsidee mit den herzigen Kinderchen so alles anstellt.
    Immer wird von Tierschutz geredet und (zum Glück!) von Naturschutz.
    Wir aber schauen viel zu selten, wie die Gepflogenheiten unserer menschlichen Vorfahren (Naturvölker und ihr Verhalten (interessant auch in sexuellen Belangen) !)
    ausschauen (die haben sich – im Gegensatz zu der industriellen Gesellschaftsstruktur über Jahrhunderte/-tausende gehalten).
    Ich persönlich stosse permanent an, weil ich gern Spass habe, lache, tanze, singe, kreativ bin, Kinder mache, Sex habe, kuschle, mich auf dem Internet bilde, mit dem Camper von Land zu Land tingle (soo toll und unendlich lehrreich für die Kinder, schon nur die vielfältige und wunderbare Natur^^!!!) , Tiere (Pferde, Kuh, Ziegen, Hunde, Katzen, Hühner, Fische etc.) halte, den Geruch einer Person einem synthetischen Deodorant / Parfum oder Duschzusatz vorziehe (was gibt es Tolleres, als den Geruch des Geliebten?! )  und, und , und…..

  • Testar

    Deshalb: Erst poppen – dann entscheiden! wink

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