Clack

Die Geriatrie-Eltern kommen

Opas werden Papa, Omas gebären Zwillinge: Um 55 Prozent ist die Rate an Spätestgebärenden 2009 in Grossbritannien gestiegen. Ein Fortschritt?

Von Nicole Althaus

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Er könnte Opa sein, sogar Urgrossvater, der Mann mit dem weissen Haarschopf und dem gezwirbelten Schnäuzer. Aber er ist gerade Papa geworden, der ehemalige Hobbythek-Moderator Jean Pütz. Stolz präsentierte er Ende Oktober seine Julie Josephine der Presse und legte als 74-jähriger auch gleich noch die Latte hoch: «Ich bin ein Lustmolch, aber ich lebe gesund. Das Kind ist die Dokumentation einer grossen Liebe.» Und: «Meine Frau Pina hat die Kleine sofort gestillt. Für die Volksgesundheit halte ich das für unentbehrlich.» Gratulation Herr Pütz!, kann man da nur sagen. Zum Kind,  zur Potenz und zur Altersweisheit. Oder? 

Selbstverständlich gönnen wir Herrn Pütz den «emotionalsten Augenblick» seines Lebens von Herzen. Wir hoffen aber, dass seine beiden älteren Söhne diese Aussage überlesen haben. Und der kleinen Julie Josephine –  ja, der würden wir einen Vater gönnen, der nicht nur das Alter eines Opas hat, sondern irgedwann mal Opa ihrer eigenen Kinder werden könnte. Selbst wenn Papa Jean 94 werden wird, wie ein «ernstzunehmender Wissenschaftler ihm prophezeit hatte», reicht es dafür bloss im Falle einer Teenager-Schwangerschaft.  

Ist das egal? Ist die Generationenabfolge bloss noch altmodisches Gedöns? Ist es tatsächlich gar nie zu spät, um Mutter oder Vater zu werden?

Gefeierte Spätestväter

Offenbar nicht: Die uralten Väter werden in der Presse gefeiert, die Post-menopausalen Mütter haben Konjunktur. Der technische Fortschritt in der Fortpflanzungsmedizin hat zu einem rasanten Anstieg von Neo-Müttern jenseits der Fünfzig geführt: Allein in Grossbritannien haben letztes Jahr 55 Prozent mehr Frauen nach der Menopause geboren als noch 2008, dank In-Vitro-Fertilisation und Eizellenspenden. Wahrlich ein Triumph der Wissenschaft – aber ist es tatsächlich auch ein Fortschritt?

Als im Juli 2009 die Spanierin Maria del Carmen Bousada de Lara im Alter von 69 Jahren an Krebs verstarb und ihre Zwillingsbuben, die sie zwei Jahre davor per Kaiserschnitt zur Welt gebracht hatte, zu Waisen machte, ging ein moralischer Aufschrei durch die Weltpresse: «Darf eine Rentnerin Mutter werden?», fragte die deutsche Boulevard-Zeitung «Bild». Für die «Welt» war klar: «Grossmütter sollen keine Mütter mehr werden» und «10 vor 10» konstatierte, dass die Wissenschaft wohl in Zukunft immer mehr solche fragwürdigen Erfolge feiern werde. Im Unterton waren sich die meisten Medien einig: Die Spanierin, die sich ihren Kinderwunsch erst mit 67 erfüllte, handelte verantwortungslos und egoistisch.

Potent statt egoistisch

Die meisten Menschen stimmen diesem Urteil wohl zu. Doch so ein Urteil geht schnell und gern wieder vergessen. Ja, bei Spätestvätern taucht es gar nicht erst auf.  Sie gelten nicht als egoistisch sondern bloss als potent. Weil die Natur das so vorgesehen hat, könnte man nun argumentieren. Während die Reproduktionsfähigkeit bei Frauen nach 40 arg ins Wanken gerät, stehen Männer als Erzeuger bis ins Greisenalter ihren Mann: Pablo Picasso war 68, als seine Tochter Paloma das Licht der Welt erblickte, Charlie Chaplin war 73, als sein jüngster Sohn zur Welt kam, Anthony Quinn wurde mit 78 nochmals Vater. Und Bergfilmstar Luis Trenker sogar mit 96 – ebenfalls zwei Jahre vor seinem Tod.

Nur: Die Lebenserwartung, auch die der Männer, war im vorletzten Jahrhundert noch sehr viel kürzer. Genau so wie die Spanne der Vaterschaft. Es war letztlich der medizinische Fortschritt der zu uralten Vätern führte.  So wie es der medizinische Fortschritt ist, der den Frauen heute erstmals die Chance gibt, die natürliche Grenze ihrer Fruchtbarkeit zu überwinden. Weshalb also sollte eine alte Mutter anrüchiger sein als ein alter Vater? Und geht ein 50-jähriger Neopapa statistisch (niedrigere Lebenserwartung) nicht das grössere moralische Risiko ein, zu sterben bevor seine Kinder volljährig sind, als eine Frau, die nach der Menopause Mutter wird?

Diesen komplexen ethischen Fragen müsste sich eine Gesellschaft, die gerade daran ist, die Familiengründung immer weiter nach hinten zu schieben, stellen. Tut sie aber nicht. Mit Verboten hat man die Fragen nicht beantwortet. Auch in der Schweiz verzeichnete die Statistik 2007 zwei über 60-jährige Gebärende. Dass es nicht mehr sind, liegt wohl einzig und allein am nationalen Verbot der Eizellenspende.

Bisher ist die unlimitierte Fortpflanzung ein männliches Privileg gewesen sei. Es ist also bloss gerecht, dass Frauen nun auch immer später Mütter werden können, könnte man sagen. Aber Eltern sind nicht die einzigen Mitglieder einer Familie. Sie sind bloss die Pfeiler. Die meisten Diskussionen lassen das Resultat des Fortschritts sträflich ausser Acht: Den Nachwuchs. Die Kinder der Geriatrie-Mütter und -Väter nämlich tragen die Konsequenzen des Fortschritts. Sie wachsen mit zunehmend gebrechlichen Eltern auf, die keine Baumhütten mehr bauen können und niemals Grosskinder hüten werden. Die Zeitspanne Mutter oder Vater zu werden kann man künstlich verlängern, nicht aber die Zeit, Eltern zu sein. Das geht gern vergessen.

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