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Geliebte Geliebtenrolle

Die neue Verfilmung von Tolstois «Anna Karenina» ist eine Hommage an die ungeahnt moderne Figur der Maitresse. So sind es heute, schenkt man den Fachleuten Glauben, gerade die starken und selbstbestimmten Frauen, die Affären suchen und Seitensprünge provozieren.

Von Nina Toepfer

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Anna Karenina, Leo Tolstois grosse Romanfigur, hat von allen literarischen Geleibten wohl den dramatischten Auftritt. Jetzt hat sie mit Keira Knightley in einer neuen Verfilmung wieder eine ätherische und wunderschöne Darstellerin. Die Schultern schmal und weiss wie Alabaster, der Mund weich, blassrosa und kirschdunkel, der Blick tief, die Locken üppig. Ihr Mut ist beeindruckend und schwer verständlich zugleich.

Verhängnisvolle Affäre

Die Liebesgeschichte handelt von Leidenschaften, unerbittlichen Konventionen, von männergemachten Gesetzen (so heisst es da einmal). Und von Grossmut, darüber, wie man über sich hinaus wachsen und schliesslich verzeihen kann. Anna, Gattin des unheimlich aufrechten Regierungsbeamten Alexej Karenin, verstrickt sich in eine verhängnisvolle Affäre mit Graf Wronskji. Was entweder Verzweiflung – oder vollkommenes Glück heisst. Schon zu Beginn des Films rattern Züge als Kinderspielzeug durch Miniaturlandschaften, als bedrohlichen Hinweis auf Annas Ende. 

In Kulissen versetzt, in einem alten Theater inszeniert, kunstvoll choreografiert, mit Musikern, die rote Backen auf weiss geschminkten Gesichtern tragen: Wright situiert den Roman als Theater im Film. Die Figuren bewegen sich auf Schnürböden, klapprige Türen öffnen sich zu Szenenwechseln, aber auch zu üppigsten Aussenaufnahmen. Spiegel entfalten ihre Wirkung, man kann die Augen nicht voneinander lassen. Dieses Variété hat seinen befremdlichen Reiz, aber es liegt auch etwas Staub in der Luft. Einmal wischt jemand in diesem Theater mit dem Besen, frühmorgens wie nach rauschendem Ball.

Höchst modern

Wozu der Aufwand? Ist die Geschichte einfach so toll, um immer gut zu sein? Das Kulissenhafte und Künstliche mag unterstreichen, dass sich da eine Gesellschaft von Marionetten feiert. Aber was zuerst irritiert, ist die Distanz, die so wirkt. Als ob die grossen Gefühle vorbei seien, niemand mehr damit zu tun haben wollte: Nichts scheint echt, alles ist einstudierte und zugespielte Rolle. Sätze über Liebe oder Tod kommen so auch mal wie schön rezitierter Text daher. Szenen bekommen einen ironischen Zug: Wenn sich da die beste russische Gesellschaft bei einer Soirée über Seitensprünge unterhält, wird es geradezu absurd. Gleichzeitig macht die Distanz das Drama der grossen Gefühle erst möglich.

Gesetze brechen, aber Regeln einhalten!

Natürlich müsste Anna Karenina heute nicht so ein schreckliches Ende nehmen. Aber es fallen da Sätze, die klingen wie hier und heute. Spätestens dann, wenn bei Tolstoi/Wright die Stelle kommt, an der jemand sagt, dass Anna, die Geliebte, nicht nur (Ehe-)Gesetze gebrochen, sondern auch die Regeln verletzt hat. Gesetze brechen, so hört man daraus, wäre irgendwie entschuldbar. Regeln missachten hingegen klingt unverzeihlich.

Für die Geliebten der mächtigen Männern der Gegenwart gelten andere Regeln, aber Machtgefälle wirkt sich immer noch aus. Bill Clinton und Praktikantin Monica Lewinsky und, derzeit aktueller, General Petraeus und seine Biografin Paula Broadwell, sie brechen das Treuegesetz der Ehe. Aber der gesellschaftliche Regelbruch geht offensichtlich eher zu Lasten der Frau. Nach dem Empörungssturm erholen sich die Männer. Clinton ist beliebt wie je, und schon denke man offenbar darüber nach, welchen Posten der zurückgetretene CIA-Chef Petraeus nächstens bekleiden wird.

Geliebte, schon mal verheiratet

Natürlich wirft die Affäre Wellen. Petraeus und Broadwell sind beide verheiratet, sie ist zwanzig Jahr jünger als er und sicher um einiges jünger als seine Ehefrau seit 37 Jahren. Die Medien schalten auf Flutlicht, so wie in Wrights Kulissenkino ein vollbesetztes Theater zur Loge starrt, wo Anna Karenina, die längst Gefallene, die Unverfrorenheit besitzt, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. 

Die Mätresse hat ihre offizielle gesellschaftliche Stellung verloren seit Madame Pompadour. Das macht die Regeln noch komplizierter. Gleichzeitig sind Beziehungs- und Familienmuster heute vielfältiger. Fast alles geht in der Hinsicht, und hohe Scheidungsraten begünstigen Liaisons ausserhalb der Ehe: Viele Frauen waren bereits verheiratet und suchen in erster Linie nicht unbedingt eine feste Beziehung. Oder finden sie nicht oder dann in einem verheirateten Partner.

Romantische Liebe mit neuen Rollen

Gesellschaftliche Anerkennung bleibt der Geliebten oft verwehrt, sie ist die Liebende der grossen Gefühle. Sie kennt keinen alltagsgestressten Partner, weder schmutzige Socken noch gemeinsame Steuererklärungen. Kein Trott zerbricht das Hochgefühl. Romantische Liebe, bei Tolstoi die «letzte Illusion der alten Ordnung», gehört so gesehen zur Zeit.

Aber es ist nicht mehr die angestammte Rolle der Frau, auf die Gunst des Liebhabers angewiesen zu sein (und die Feiertage einsam zu verbringen). Iris Krasnow, Autorin des Bandes «The Secret Lives of Wives», schreibt gerade auf «Huffington Post» gegen den Mythos der Macht an, die auf Frauen angeblich so unwiderstehlich wirkt.

In ihren Recherchen findet sie: Seit Frauen anfangen, mehr zu verdienen als ihre Männer und oft beruflich viel reisen, seien Seitensprünge gleichberechtigter verteilt. Genaue Zahlen über Ehebruch gebe es keine, aber Forschern zufolge schätze man die Zahl auf ungefähr die Hälfte aller verheirateten Paare in den Vereinigten Staaten. Andere Zahlen, wie sie in der «Zeit» vor drei Jahren aus Deutschland notierte, sagen, dass 90 Prozent der Männer bei ihren Ehefrauen bleiben, nur jede zehnte Geliebte wird offiziell.

Affäre beginnen und kontrollieren

Krasnow hat viele Frauen über ihre Seitensprünge befragt und erzählt, dass die meisten heimlichen Treffen von «starken Frauen» initiiert seien. «Es sind Frauen mit ihren eigenen dynamischen Karrieren, und oft wählen sie Liebhaber mit kleinerem Gehalt und Status.» (Lesen Sie mehr über mobile Single-Frauen hier). Sie haben selber Macht und ausserdem: «Diese Frauen beginnen Affären, kontrollieren sie und enden sie auch.» Die meisten Seitensprünge tangierten ihre Ehen nicht.

Der Münchner Paartherapeut Wolfgang Schmidtbauer bestätigt das. «Oft wählten ja gerade Frauen die Geliebtenrolle, die Angst hatten, ihre Autonomie zu verlieren. Die Geliebte ist eine moderne Existenz, man könnte auch sagen, sie ist ein Produkt der Individualisierung. Sie ist selbstbewusst genug, sich im Beruf zu behaupten, hat aber nicht das Gefühl, sie könnte einem Mann erlauben, sie zu versorgen.»

Alles andere als weihnächtlich

«Anna Karenina» spielt drei Ehen durch: die vernunftgeprägte, von Leidenschaft gesprengte der Karenins; die partnerschaftliche Ehe zwischen Kitty und dem reformatorischen Gutsbesitzer Levin, und schliesslich die Familie um Annas Bruder Oblonskij und seine Frau Dolly. Oblonskij, der Schürzenjäger, wird sich nie ändern, so wie die meisten Männer, sagt Dolly. Sie hat gelernt, es hinzunehmen und kümmert sich weiterhin liebevoll um Mann und Kinderschar. Es ist der einzige Moment, in dem das eine Kritikerwort, Joe Wrights Film komme gerade recht zur Weihnachtszeit, auf seltsame Art einleuchtet. Sonst ist alles andere als behagliche Wohnzimmeratmosphäre angesagt.  

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