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Die Geburt des Botox-Feminismus

Früher verbrannten Frauen Büstenhalter und kämpften damit für die Macht jenseits der Schönheit. Heute fordern sie das Recht auf Botox und Facelifts.

Von Nicole Althaus

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Frauen haben in den letzten vierzig Jahren viel erreicht: Sie haben die Politik erobert und einige Männerdomänen unterwandert, sie haben sich des Haushalts entledigt und das Rollenbild der Mutter erweitert. So viel haben sie erreicht, dass einzelne darob offenbar vergassen, dass die Emanzipation von Hängelidern und Krähenfüssen nichts mit der Emanzipation der Frau zu tun hat: Und so stehen die A-Lister unter den Hollywood-Stars neuerdings ganz selbstbewusst zu ihren Sprüngen in den Jungbrunnen.

Botox? Ein kleines Facelift? Das gilt heute nicht mehr als Kapitulation vor dem Anspruch, würdevoll zu altern, sondern als emanzipatorisches Geständnis. Seht her: ich habe was für mich getan, ich hab mich unters Messer gelegt!

Statt Häme erntet frau für die operative Verjüngung plötzlich Bewunderung.  «Gala» etwa verneigt sich verbal vor Cindy Crawford, die «eine der ersten Mutigen war, die sich zum Griff in die Zauberkiste bekannte.» «Annabelle» wagte sich noch näher an den Trend ran und beglückte ihre Leserinnen vor kurzem mit einer Reportage aus dem OP: «Facelift – ich habs getan!». Ein Titel, der wohl nicht zufällig an das nachhaltige mediale Comingout der Siebziger-Jahre im «Stern» erinnert: «Wir haben abgetrieben!»

Kämpften Frauen damals um das Recht auf Selbstbestimmung, so kämpfen sie heute um das Recht auf Schönheit.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Selbstverständlich darf sich eine Frau Botox spritzen lassen. Es ist ihr gutes Recht, an und mit ihrem Körper zu tun, was sie will. Aber ein emanzipatorischer Akt ist es gewiss nicht: Mit dem  Recht der Frauen auf Selbstbestimmung war nicht das Recht auf Botox gemeint.

Die Geburt des Botox-Feminismus hat übrigens in den USA bereits ein paar heftige politische Debatten ausgelöst: Als Senator Harry Reid vergangenen Januar eine Steuer für kosmetische Eingriffe forderte, um die Gesundheitsreform mitzufinanzieren, demonstrierten Mittelklasse-Frauen in New York und Los Angeles gegen die «Bo-tax»: «Washington, Hände weg von unseren Brüsten!», skandierten sie auf dem Times Square. Mit von der Partie im Kampf um das Recht auf Schönheitsoperationen war die National Organization for Women (NOW). 1968, zwei Jahre nach ihrer Gründung, hatte diese noch eine Tonne voller Büstenhalter öffentlich verbrannt, um sich symbolisch gegen rigide weibliche Schönheitsideale zu stemmen.

Das ist natürlich ironisch – aber letztlich nichts weiter als die zynische Konsequenz der Okkupation emanzipatorischer Sprache durch die Werbung:  «Weil ich es mir wert bin.»  

Mit diesem Slogan verkauft L’Oréal der modernen Frau heute alles. Da wird ein simples Shampoo implizit zur intimen Selbstermächtigung im privaten Rahmen.  Die Selbstermächtigung der Frau, einst Fundament der feministischen Diskurse um Verhütung, Abtreibung und Unabhängigkeit, ist zur Selbstermächtigung im Kampf gegen das Alter verkommen. Körperliche Imperfektion, egal wie klein, und die Konsequenzen des Alterns, egal wie unausweichlich, werden damit zur emanzipatorischen Herausforderung hochstilisiert. Jetzt, wo man mittels Injektionen und Operationen tatsächlich um Jahre jünger aussehen kann, als man ist, wird jünger auszusehen zur Pflicht erhoben.  

Naomi Wolf hat diese Tatsache in ihrem Klassiker «The Beauty Myth» bereits 1990 vorhergesehen: Frauen, die sich nicht mit allerlei Eingriffen gegen den natürlichen Zerfall  stemmten, ahnte Wolf, würden in Zukunft als ungepflegt wahrgenommen. So wie sich heute kaum eine Frau mehr ohne rasierte Beine in eine öffentliche Badeanstalt wagt, wird bald eine unterspritzte Naso-Labial-Falte für ein Vorstellungsgespräch so selbstverständlich sein wie adäquate Kleidung.

Dabei geht etwas ganz Grundsätzliches vergessen: Schönheit, sei sie auch mit schmerzhaften Eingriffen herbeigeführt, ist keine Leistung. Sondern ein Privileg. Früher bloss eines der Jugend, heute auch der Vermögenden. Dafür ist Altern, gerade für Frauen, heute längst kein Privileg mehr. Es wird je länger je mehr zur Leistung.

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Kommentare

  • Roman

    Facelifting scheint immer mehr salonfähig zu sein. Am Fernsehen sieht man schon junge Tussi-JournalistInnen, deren Nase irgendwie nicht recht ins Bild passen. Dabei sehen diese Leute aus, wie Roboter und ich behaupte, ich würde es bei jedem erkennen, ob geliftet oder nicht. Man sollte die Schönheit nicht mit künstlichen Eingriffen und Verschlimmbesserungen herbeiführen – und ich rede jetzt nicht von jemandem, der mit einer Hasenscharte auf die Welt gekommen ist. Das beste Beispiel ist mittlerweile Nicole Kidman, die eine Rolle abgelehnt bekam, weil ihr Gesicht zu wenig ausdruckstark erscheine. Selbst wenn die Technik der Gesichtschirurgen immer besser wird, früher oder später kommen diese unnatürliche Eitelkeit wieder ans Licht. Unwiderbringlich.

  • Peter

    wie kann man sich freiwillig solches Gift in den Körper jagen lassen ? Na klar kommt die Antwort ; wir wollen für euch schön sein ! aber wer will den schon eine solch aufgespritzte Maske vor sich haben ? oder Silikontitten ? Was ist das nächste ? Sixpack aufspritzen lassen ?  Das schlimmste an dem Ganze ist ja auch noch, dass die unbehandelten Stellen halt immer noch Falten haben ! Also lieber überall viele Falten, als nur Stellenweise was absolut unnatürlich wirkt.

  • Aggrey

    We love big tits, even if silikonized

  • Aggrey Shagg

    Wir koennen es drehen wie wir wollen, Feminismus bis zum geht nich mehr definieren. Aber eines ist nun mal eine von der Natur gegebenen Sache: Es ist dem weiblichen Geschlecht angeboren, sich attraktiv machen zu wollen.  Angeborenenr Instinkt.  Ob nun das schoenmachen mit damit besteht mit einem verbrannten Zuendholz die Augenbrauen zu schawerzen, wie fruehr ueblich, oder das Gleiche huete mit taetowierung zu machen, es wird vom Prinzip her immer so sein, denn es ist ein Instinkt, wir sind Teil der Tierwelt…

  • cestlavie

    Obwohl dieser Text schon ein paar Jährchen alt ist, fühle ich mich doch sehr gezwungen, mich dazu zu äussern. Man kann es offenbar drehen und wenden, egal ob Frauen zu ihren optischen Verjüngungen oder Aufbesserungen stehen oder nicht, es wird immer daran ausgesetzt. Dabei ist doch das gerade der springende Punkt, der gegen die Emanzipation spricht!

    Als Frau bin ich mündig und emanzipiert genug, die Entscheidungen zu meinem Körper selber zu treffen und damit tun und lassen zu können, was ich will. Ich will bestimmte Lippen oder Brüste, die mir so von Natur aus nicht gegeben sind? Dann sei es eben so! Dass dieser Aspekt an sich öffentlich thematisiert wird und dass ich damit in eine bestimmte Schublade gesteckt werde, ist an sich sexistisch. Ich kenne zahlreiche Frauen aus meinem Umfeld, die eigentlich gerne etwas an sich verändern würden, aber genau aus Angst vor solchen Schubladisierungen diesen Schritt nicht tun.
    Emanzipation heisst eben nicht nur, öffentlich BHs zu verbrennen, sondern ganz generell zu seinem gewünschten Körperbild stehen zu können! Dass meine körperlichen Vorlieben gerade mit dem aktuellen
    Schönheitsideal übereinstimmen, ist das eine, dass ich deswegen als sexistisch abgestempelt werde, zeigt eine sehr einseitige und unüberlegte Form von Emanzipation.

    Und zu guter Letzt: Das alles hat aber auch rein gar nichts damit zu tun, dass Frau den Männern gefallen möchte. Ohnein, es geht um Entscheidungen, die frau für sich trifft. Die Annahme, Frauen würden sich nur für Männer um ihr Äusserliches kümmern, verrät schon wieder sehr vieles über eine sexistische und konservative Denkweise.

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