Clack

Die Erotik des Normalgewichts

Eine 38-Jährige zeigt sich im «Blick» als Pinup-Girl – und wird zum Liebling der Leserschaft. Ein Fall mit Folgen.

Von Ralph Pöhner

Twittern

Man mag ja vom «Seite 1»-Girl des «Blick» halten, was man will: Als gesellschaftlicher Seismograph taugen die Halbnackten des Boulevard allemal. Früher, in den Siebziger- und Achtzigerjahren, präsentierte man uns pralle Busen und Hintern – damals noch auf Seite 3; Kurven galten da noch unbestritten als schön. Dann folgte ein Versuch, bei dem sich auch knackige Boys auszogen. Dann eine politisch korrekte Zeit ganz ohne Girl. Und jetzt ist die die Pinup-Serie zurück, sie läuft unter dem Titel: «Heute bin ich ein Star!»

Damit hat einerseits die Casting-Mode hier Einzug gehalten: Nicht Foto-Profis lassen sich nackt stilisieren, sondern Freiwillige aus der Leserschaft. Wie aus dem «Blick» zu hören ist, wird die Redaktion von Kandidatinnen regelrecht überschwemmt. Und wie der Chefredaktor erklärt, fänden es viele junge Frauen heute schön, durch so eine Aktion zu gut gestylten Fotos von sich zu kommen – und zu einem Auftritt, von dem sie später mal den Enkeln erzählen können.

Womit die Sache ja tatsächlich einen erheblichen Wandel bezeugt: Man muss sich nur einmal vorzustellen versuchen, unsere Grossmütter würden auf dem Schaukelstuhl von ihren frivolen Bildchen im «Gelben Heft» erzählen – undenkbar.

Greifbar wird aber auch, dass hier ein anderes Schönheitsideal durchbricht. Deshalb kann man von der Sache halten, was man will: Man muss ihr zugestehen, dass hier ein starkes Gegenbild aufscheint – ein Gegenbild zu den vorherrschenden Frauenfiguren im medialen Umfeld: zu den Silikon-Babes aus dem Pornokosmos sowie zu den dürren Models aus der Modeindustrie. Ein Gegenbild, dass offenbar nicht unterzukriegen ist.

Die Frauen, die sich unterm Motto «Heute bin ich ein Star!» ablichten lassen, haben keine Schönheitsoperationen und keine Catwalk-Schule hinter sich, sie propagieren die Erotik des Normalgewichts. Das wurde jetzt wieder klar. Soeben liess der «Blick» das Girl des letzten Monats wählen, und bei insgesamt 35’000 Stimmen gingen die meisten ausgerechnet an das älteste Hobby-Model, das sich hier je zu entblättern wagte. Sie heisst Ruth, kommt aus Tentlingen im Kanton Freiburg, ist von Beruf Coiffeuse, verheiratet und hat ein Kind. Ihr Alter: 38.

Womit wieder mal gesagt wäre: Es gibt ein starkes Schönheitsideal jenseits dessen, was uns ständig aufgetischt wird. Ruth selber sagte im «Blick» nach ihrer Wahl zur Schönheit des Monats: «Ich bin überwältigt. Sogar meine 83-jährige Grossmutter hat angerufen und gesagt, dass sie stolz auf mich ist.»

Wie gesagt: Die Zeiten ändern sich.

Auf den Triumph von Ruth reagierten denn auch der «Blick» mit dem bewährten Nase für Trends: Schon in der Woche danach entblätterten sich die 36-jährige Doris aus Haegglingen (AG) sowie die 35-jährige Svenja aus Hubersdorf (SO) als «Star des Tages».

Dabei steht in den Teilnahmebedingungen immer noch, dass die Kandidatinnen «zwischen 18 und 30 Jahren alt» sein müssen…

(Visited 70 times, 1 visits today)
Ideale