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Eine Pille für die Treue

Eine Pille, die die Libido steigert und Frauen dennoch daran hindern soll, fremd zu gehen? Das soll es schon bald geben.

Von Nathalie Sassine-Hauptmann

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Männer gehen fremd. Das war schon immer so und eine Änderung ist nicht ins Sicht. Dennoch hat nie ein Pharmaunternehmen je erwogen, eine Pille dagegen herzustellen. Vielmehr erfand man in einigen Fällen ein neues Wort dafür: sexsüchtig. Doch seit in den letzten Jahren die – für manche erstaunliche – Erkenntnis entstand, Frauen seien ebenso untreu wie ihre Partner, herrscht allgemeine Besorgnis. Was, wenn nicht nur Männer ihre genialen Gene verbreiten wollen, sondern auch ihre Ehefrauen auf den sexy Gärtner schielen? Die Monogamie ist in Gefahr! (Lesen Sie auch: «Schweizer empfinden die Monogamie als nicht natürlich»)

Eine Lösung scheint in Sichtweite zu rücken: Die erste weibliche Libido-Pille wird – wenn alles gut geht – in drei Jahren auf den Markt kommen; auch die hiesigen Medien berichteten. Anders als das bekannte und erprobte Viagra wird «Lybrido», wie die Pille heissen wird, nicht nur physisch, sondern vor allem psychisch wirken. Schliesslich ist allgemein bekannt, dass Frauen Sex auch im Kopf haben und nicht nur in den Lenden. Kurz: Das Mittel wird die Produktion von impulsivem, lustvollem Dopamin anregen und das beruhigende, manchmal gar hemmende Serotonin unterdrücken. Also kein Vergleich zu «Viagra», das bei Männern lediglich «die Mechanik ankurbelt, um gleichzeitig Nerven und Gefühle anzuregen», wie Daniel Bergner in einem Artikel in der «New York Times» erklärt (übrigens wird von Bergner in einem Monat ein neues Buch erscheinen mit dem Titel «What Do Women Want? Adventures in the Science of Female Desire»). Männer wollen schliesslich immer.

Rettet die Monogamie

Bei den Frauen ist es allerdings ein wenig differenzierter. Frauen wollen einen neuen Mann. Ob mit oder ohne Pillen, ein neuer Partner birgt für Frauen automatisch auch neues Lustpotenzial. Dies wissen die Wissenschaftler aus älteren Studien aus Holland und Kanada, bei denen Teilnehmerinnen wenig Interesse an Wiederholungen von pornografischen Sequenzen zeigten. Kaum sahen sie jedoch eine Sex-Szene zum ersten Mal, stieg die Erregung sichtlich.

Ausserdem war das Interesse an Sex mit Unbekannten markant grösser als an Sex mit Freunden. Ein weiterer Hinweis auf die Fremdgeh-Neigung von Frauen zeigte sich auch in einer deutschen Langzeitstudie: Da fiel der Grad an sexuellem Verlangen bei Frauen in einer Beziehung schneller steil ab als bei Männern. Bei allein Lebenden hingegen, die nicht mit ihrem festen Freund wohnten, blieb der Sex-Drive mehr oder weniger konstant. Worauf die Wissenschaftler schlossen: Das Problem der Unlust ist die Monogamie selber. Frauen haben keine Libido-Probleme, ihr ewig gleicher Partner ist das Problem. In der «Times» fragt sich deshalb auch Lori Brotto von der University of British Colombia, die diverse Studien mit Patienten, deren Libido zu wünschen übrig liess, durchgeführt hat, ob ein Syndrom wie das HSDD (Hypoactive Sexual Desire Desorder) weniger mit der Lust als vielmehr mit Langeweile zu tun hat. (Lesen Sie auch: «Frauen entdecken ihr Talent zur Untreue»)

Lust und Langeweile

Angela Dellatorre, Sexualtherapeutin in Zürich und seit acht Jahren verheiratet, stellt ebenfalls fest: «Langeweile würde ich es nicht nennen, es sind vielmehr das Gewohnte und Altbekannte, eine geringe Risikobereitschaft und Hemmungen, die die Libido eines Paares dämpfen.» Was natürlich erklären würde, wieso Frauen ihre Lust erst beim Fremdgehen wiederentdecken.

Fragt man Frauen in langjährigen Beziehungen, ob sie immer noch Lust auf ihren Partner haben, kommt nicht selten ein achselzuckendes «nicht mehr so wie früher», dicht gefolgt von «seit die Kinder da sind, sowieso nicht mehr…» Doch letztere haben – so alle genannten Studien – mit dem Sex-Drive langfristig rein gar nichts zu tun.

«Das Problem ist vielmehr, dass Paare ihr Sexleben aus Liebe zueinander auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bringen. Fantasien, Berührungen, die dem anderen nicht 100 Prozent gefallen, werden nicht mehr gewagt. Und das wird mit der Zeit eben langweilig. Eine Pille kann helfen, aber langfristig braucht es eine eigene sexuelle Kultur des Paares», ist Angela Della Torre überzeugt. Die Missionarsstellung hat langfristig eine Wirkung von Valium. Nicht von Viagra. (Lesen Sie auch: «Ooohhh nein, sie tun es auch»)

Staatliche Angst vor Nymphomaninnen

Ist diese Lustpille nun die Lösung, damit Frauen schön da bleiben, wo sie hingehören? Nämlich zu Mann, Kind und Heim? Die Frage ist berechtigt, wie Daniel Bergner dem erwähnten Artikel schreibt. So habe mehr als ein Pharmaunternehmen in der Vergangenheit von der amerikanischen «Food and Drug Administration» (FDA) hören müssen, sobald die Rede von «Viagra für die Frau» war, man wolle keinesfalls, «dass Frauen plötzlich zu Exzessen getrieben werden, untreu werden und die Gesellschaft spalten». (Lesen Sie auch: «Orgiastische Erkenntnisse»)

Sexuell aggressive Frauen machen Angst. Aber eine Pille, die Ehefrauen daran hindern würde, den Pool-Boy zu vernaschen, hat tasächlich gute Chancen, den Markt zu erobern.

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Kommentare

  • The Damned

    Genau: Zustand X + Studie + Ergebnis (krank) = Pilleli = $$$

    Gut, die Partnerschaftsinstitute ‘forschen’ ja auch rum und geben ‘Studien’ en masse heraus, wobei die Ergebnisse summarisch immer auf dasselbe hinaus laufen. Als die Zigarettenindustrie ihre ersten ‘Studien’ über das Rauchen herausgab, war das Rauchen schon fast gesund. Im Peinzip forschen heute Krethi und Plethi nach Belieben rum- mit meist absehbarem Ergebnis, sowohl in der Politik, im Konsumgüterbereich als auch im klassischen, wissenschaftlichen Bereich. Im Prinzip lässt sich für jedes politische Anliegen, für jede Forderung, für buchstäblich jeden Scheiss eine Studie mit dem wünschenswerten Ergebnis herstellen- eigentlich kommt das langsam einer Bankrotterklärung der Wissenschaft gleich.

  • marie

    aprilscherz?
    nein, wir haben mittlerweile juni.
    ich hege den verdacht, dass da männer am werk waren, deren ex-ehefrauen sich mit dem poolboy vergnügt haben. nun ich kenne frauen (mich inkl.), die hätten nix dagegen (gehabt), wenn diese pille auch für den mann benutzt werden könnte wink
    mir stellt sich die frage, wie sich viagra mit dieser pille rein beziehungstechnisch verträgt. denn es ist bekannt, dass viagra ja hauptsächlich von männern benutz wird, die keine potenzprobleme haben, und nur just for fun diese benutzen – aber wohl eher nicht unter der eigenen bettdecke, oder auf dem eigenen küchenboden (wo auch immer).
    hm… ich frage mich was noch?

  • Jorge

    Verweis auf A. Madison-Studie?—> ganzer Beitrag für die Katz.

  • marie

    …hm ein grundtenor, dass polygamie durchaus als lebbare alternative in betracht gezogen und als bedürfnis bezeichnet wird, ist nicht zu vernachlässigen wink (siehe einige posts im beitrag über den herrn wisam: http://www.clack.ch/ressort/artikel/Leben/5246/zwei_frauen_fuenf_kinder_und_ein_mann)
    geht’s gut fischotterli?

  • Jorge

    Liebste marie,

    Es ist doch jeden Frühlingsanfang/Sommer das Selbe: Da wird einem von den Medien weisgemacht, dass man selber im Gegensatz zu allen Anderen massiv untervögelt, viel zu langweilig und überhaupt gar nicht aktiv genug für das zeitgemässe Paarungsverhalten ist.

    Im Zusammenhang mit den aufkeimenden Hormonen schafft das Quote, Absatz in den Kleiderläden und Fitnessstudios und man kann mit Sexthemen viele Klicks abstauben – praktisch – billig – immer wieder gleich.

    Natürlich hätte jedes Menschlein gerne eine unbegrenzte Auswahl an schönen und potenten Sexualpartnern, doch die wenigsten wollen diese Freiheit auch ihrem Gegenüber auch zugestehen. Diese Binsenweisheit, gemischelt mit dem Madison-Verweis macht diesen Beitrag für mich nur noch langweilig.

    Der Wisam-Blog ist mir dagegen weitaus zu offensichtlich auf Empörung geschrieben, als dass ich den für irgendwelche Erkenntnisse heranziehen würde.

    Bleibt somit nur noch der wahre Grund, hier weiter zu posten… mjo, und das sind jetzt nun mal sie smile

  • The Damned

    “Aber eine Pille, die Ehefrauen daran hindern würde, den Poolboy zu vernaschen, hat gute Chancen, den Markt zu erobern.” Sorry, aber wo steht explizit geschrieben, dass diese Pille genau diese Wirklung haben soll? Im ernst: Diese Assoziation entbehrt für mich jeder Grundlage. Und nein: Sexuell agressive Frauen sind mitnichten beängstigend, ich kenne keinen einzigen Mann, der sich vor weiblicher Sexagression fürchtet, ganz im Gegenteil.

  • Tomas

    Man kann immer das Glas halbvoll oder halbleer sehen.
    Die Wissenschaft versucht der Frau ihr Libido zurückzugeben, ohne dass sie dafür fremdgehen muss. Man(n) würde meinen, dass sowas doch eine gute Nachricht für die Frau sein sollte (die natürlich auch mit solcher Pille fremdgehen kann, sofern sie dies will).
    Frau meint, der böse Staat, Patriarchat und wer weiss noch alles wollen hinterlistig mittels bösen Pillen brave Ehefrauen daran hindern den Poolboy zu vernaschen.

    Dieser Artikel erzählt mehr von der Denkweise der Frauen als alle Psychostudien der Welt zusammen.

  • The Damned

    Jaja, das Patriarchat greift mittlerweile sogar zu Chemiewaffen um die Frauen zu unterjochen! Ich bin manchmal wirklich erstaunt, zu was für Assoziationen gewisse Frauen, die dem Gendertum und dem Feminismus zumindest nahe stehen, fähig sind. Offenbar sind der Phantasie da überhaupt keine Grenzen mehr gesetzt! Ich kann nicht einmal mehr nachvollziehen, wie frau zum Teufel auf solche Gedanken kommt, sie entbehren jeder Logik und Stringenz. Ist das etwa Absicht?

  • marie

    hey jungs, ist immerhin ein daniel bergner ist immerhin ein mann wie ihr beide, der diese befürchtung (siehe letzter abschnitt) in den raum stellt.
    *rolleyes*

  • The Damned

    Na und? Es gibt auch Männer aus dem von mir erw. Umfeld (Gender et al.), die Stuss raus lassen- zuhauf sogar! Ansonsten sehe ich das auch so wie die Autorin: Monogamie ist der sichere, sexuelle Tod. Ausser man hat viel zu verlieren, aus materieller Sicht – oder aus Sicht des eigenen, mit den Jahren sinkenenden Marktwerts.

  • marie

    haben sie den artkiel in der nyt gelesen?

  • The Damned

    Nein, den Artikel habe ich noch nicht gelesen. Allerdings klingeln bei mir bereits die Alarmglocken, wenn ich nur schon HSDD (Hypoactive Sexual Desire Desorder) lese: Der wachsenden Psychopathologisierung menschlicher Verhaltensweisen stehe ich äusserst kritisch gegenüber. Nimmt man ICD-10 zum Massstab, so muss man langsam schon fast Glück haben, noch nicht als krank zu gelten.

  • marie

    …konzentrieren sie sich dann auf die zweite hälfte des artikels in der nyt. der mann stellt nämlich die richtigen fragen und seine feststellungen finde ich höchst interessant – das buch ist für mich gekauft. die pathologiesierung einfach ausblenden, für mich gibt es ja auch keine männliche “sexsucht”.

  • marie

    und hab vergessen anzumerken: langzeitstudien werden heute praktisch nur noch im rahmen einer potentiellen pathologie von den pharmafirmen gesponsert, deshalb wird es immer gleich pathologisch (hab lange mit diesen heinis zusammen gearbeitet – bloss weil etwas interessant ist, reicht denen nicht, es muss sich lohnen. und krankheiten lohnen sich immer. wink deshalb: pathologie ausblenden.

  • marie

    der autor ist wissenschaftlicher journalist und anhand interviewter frauen, die an dieser studie teilnehmen, versucht er schlüsse daraus zu ziehen, die die wissenschaftlichen fragen dieser studie durchaus in frage stellen – that’s it.

  • Sohn des Mars

    Wenn diese Pille tatsächlich Treue bei Frauen als Wirkung haben soll – mit wem wollen die Männer dann fremdgehen?
    Mal ehrlich, das ist doch einfach nur voll bescheuert.

  • Markus Wegmann

    Wohin gehen wir? Wir müssen überall Höchstleistung erbringen und wer mit dem Druck nicht umgehen kann, der wirft sich Pillen rein. Ob man sich jetzt die Lust ansauft/“anpillt” oder wegen der Nichtausübung in Depressionen versinkt und dagegen Pillen nimmt, die Pharmaindustrie, weiss wie man einem helfen muss.  Das durch diesen Druck die der Stress steigt, das beweisen die IV-Zahlen. Sind wir den noch in der Lage ein anständiges Leben zu führen oder sind wir alle krank bzw. lassen uns krank machen?

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