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Die Ästhetik des Widerstands

Normale Frauen stellen Bilder ins Netz von ihren «normalen Körpern», wie sie sagen. So wollen sie gegen Schönheitsterror und verzerrte Selbstwahrnehmung ankämpfen. Ist das wirklich eine gute Idee?

Von Marie Dové

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Der Körper ist unser Fetisch. Egal, ob wir ihn herzeigen oder verstecken, ob wir ihn lieben oder hassen. Es gibt keinen Umgang mehr mit unserer äusseren Form, die sich nicht definiert durch ihre Beziehung, ihre Abweichung oder Übereinstimmung mit den Normen und Stereotypen, auf die sich die Menschheit, so scheint es, in ihrer Obsession fürs Körperliche immer wieder einigt. Über 50 Prozent aller im Internet verfügbaren Bilder, so schätzen Experten, sind Körperbilder. Und der grosse Teil davon obendrein pornografischer Natur: Rund 30 Prozent des gesamten Web-Angebots ist Sex-Content.  Es sind Milliarden von Bildern, der nackte Körper ist damit dasjenige Objekt, das die Menschheit am häufigsten abbildet. Und sich am häufigsten anschaut.

Unsere Form wird zu unserer Bedeutung – oder wie es die Strukturalisten sagen, das signifiant zum signifié. Die zynische Pointe: Simultan zu dieser Entwicklung wird die Wahrnehmung des eigenen Körpers für immer mehr Frauen und Männer zu einem frustrierenden Akt der Selbstvergewisserung. Noch nie wohl waren so viele Menschen unzufrieden mit ihrem Aussehen – 80 Prozent nämlich – wie neue Studien zeigen; ganz zu schweigen von der wachsenden Zahl derer, die unter einer pathologisch verzerrten Körpereigenwahrnehmung leiden: den Dysmorphobie-Kranken, die ihren Körper oder einzelne Körperteile als hässlich oder entstellt wahrnehmen.

Eine Schule des Sehens

Das kollektive Starren auf den Idealkörper hat den Blick aufs Normale, aufs Natürliche verstellt – und als einen Versuch, genau dies zu korrigieren, muss man das Projekt «My Body Gallery» verstehen, das Anfang August startete und derzeit in den US-Medien diskutiert wird. Bereits Hunderte von Frauen haben Bilder von sich – von ihrem in der Regel kaum bekleideten Körper – auf die Website geladen, vertaggt mit Gewichtsangabe, Körpermassen und Kleidergrösse.

Die Bilder sind zumeist vor einem Spiegel aufgenommen, mit dem Smartphone in der einen Hand geschossen; es sind in der grossen Mehrzahl Selbstporträts, Testimonials für den naturbelassenen Körper. Die einen Frauen fotografieren sich fast nackt, in BH und Slip, die anderen bekleidet. Viele verpixeln ihr Gesicht, einige aber geben sich zu erkennen.

Die Betreiberinnen der Website lassen verlauten, «in einer Welt der Bilder und der strikten Schönheitsideale müssen Frauen wieder lernen, sich unverzerrt wahrzunehmen». Studien zeigten, dass Frauen sich in der Regel als zu dick einschätzten, selbst wenn sie absolut normalgewichtig seien; so würden 95 Prozent der Frauen ihren Bauch- und Hüftumfang um bis zu 25 Prozent überschätzen, also ihren Körper verzerrt wahrnehmen. The Body Gallery wolle deshalb zeigen, wie normale Frauen aussehen würden – und vor allem: erlaube Frauen, sich wieder als normal anzusehen und sich untereinander zu vergleichen.

Die Zensur des naturbelassenen Körpers

«My Body Gallery» ist mitnichten die einzige oder erste Site, auf der Frauen aus Widerstand gegen Schönheitsdiktate ihre eigene Anatomie dar- und ausstellen. Bislang waren es indes vor allem Blogs und Sites, welche die körperlichen Spuren von Schwangerschaft und Geburt ins Bild rückten, um deren «Tabuisierung» entgegenzutreten, wie es etwa auf dem Blog «The Belly Project» heisst.

Ganz offenbar geht in der Flut der nomierten Körperbilder immer mehr vergessen, wie der weder plastisch-chirurgisch noch kosmetisch-pharmazeutisch modifizierte weibliche Körper aussieht – und zwar nicht nur während des Ausnahmezustandes der Schwangerschaft, sondern mittlerweile ganz generell. Und daher rührt womöglich auch dieser Anflug von Pathos, der diesen Bildern anhaftet, die Frauen von sich ins Netz stellen. Das nennt man dann Widerstand.

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Kommentare

  • Sandra Berner

    ich glaube, wir haben es hier mit einem ähnlichen problem zu tun, wie es sich bei diesen slutwalks stellt. wenn frauen ihren körper zum werkzeug der politik machen, weiss man nie, ob sich nicht männer einen runterholen. damit muss gerechnet werden.

  • Widerspenstige

    Bin derselben Meinung, Sandra B. Auch ich befürworte diese Form des Exhibitionismus des weiblichen Körpers allüberall nicht. Auch nicht in Form der slutwalks. Diese sind mMn eher kontraproduktiv für die wirklichen Anliegen der Frauen hier im Westen wie gleiche Löhne für gleiche Arbeit, Aufwertung der Teilzeitstellen für Mütter etc.
    Die sich ‘zur-Nabelschau-ausstellenden’ Frauen begreifen noch zuwenig, dass sie sich auf ihren Sexappeal reduzieren und so vorallem der Schönheits- und Modebranche einen Bärendienst erweisen. ABER: es hat auch seine guten Seiten, dass – wie im Artikel gut erklärt – der normale weibliche Körper mit allen möglichen Veränderungen vorallem von den jungen Generationen von Mann und Frau endlich authentisch wahrgenommen werden. Die Medaille hat immer zwei Seiten. Welche wir wählen, liegt alleine an uns selber.

  • PESCHE

    Mein Gott! Männer würden so etwas nie tun.

  • Matilda

    genau deshalb gehen mir so viele meiner weiblichen artgenossinnen auf den senkel… warum sich ständig mit anderen vergleichen? warum jammern und etwas sein wollen, das man nicht ist? etwas kosmetisch hervorheben, das schön ist, etwas kaschieren und verfluchen, weghaben wollen, das nicht so schön ist? warum sich nicht akzeptieren wie man ist? wir sind nicht alle gleich, das macht uns ja gerade interessant. jeder hat seine makel, dafür aber auch seine schönen seiten… es gibt kein “ideal”. braucht frau eine fotoplattform um das festzustellen? guter kommentar robin hood.

  • Mike

    Frauen find ich erotisch, wenn sie zu ihrem Körper stehen können. Wenn Frauen über ihren eigenen Körper lästern und unzufrieden sind, ist das sehr nervig. Auch für den Sex, hat das meines Erachtens einen grossen Einfluss. Denn Sie können sich dann auch nicht gehen lassen oder wollen nur Sex im dunkeln. Dabei ist gerade die nackte Haut, die anziehend wirkt.

  • Lia

    derselben Meinung wie Sarah Berner: egal, wofür sich Frauen ausziehen, egal, wie oft sie betonen, es mache sie emanzipiert, weil SIE sich entschieden haben sich auszuziehen und nicht ein Mann, für die Männer ist und bleibt es nackte Haut, an der man sich aufge** kann. Ich als Frau jedenfalls will mir keine Seite mit fast nackten Frauen ansehen, zumal die Beispielbilder auch knackige, schlanke Frauen zeigten und keine “normalen”, also eher Wi**svorlage als Aufklärung.

  • Michael Chylewski

    Moment mal, da sind ja richtig verächtliche Kommentare gegenüber Männern dabei… sowas habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Nein, die Website hat mich nicht aufgeg…., sondern nachdenklich gemacht. Ich find die Idee gut, sich mit dem Thema und seinem eigenen Körper und dem von Anderen zu befassen. Trotzdem sollten wir alle, F wie M, die zunehmende Fettleibigkeit durch schlechte Ernährung im Auge behalten, denn darin sollten wir den USA nicht nacheifern.

  • Markus Schneider

    Es gibt keine “normalen” Körper – es gibt nur schöne und hässliche Körper bzw. Körperteile.

  • Marcel

    Ich hol’ mir gerne manchmal einen runter. Der Anlass dabei ist mir so ziemlich egal, ob Slutwalk, Softerotik oder Porno- nackt ist nackt. Und Schuldgefühle lasse ich mir dabei von niemandem aufschwatzen. Egal, wie politisch das Private ist, meiner Erregung lasse ich freien Lauf, solange meine Freiheit das zu tun niemanden in seiner oder ihrer Freiheit einschränkt. Im Übrigen leitet sich männliche sexuelle Erregumg nicht immer aus perfekter Schönheit ab.

  • Robin “the Bear” Hood

    finde absolut gut! frauen wehrt euch gegen den vorherrschenden mode-püppchen-wahn! der druck und die oberflächlichkeit des heutigen schönheits- und jugendwahns ist unglaublich gross und frustrierend. auch wenn ich ein sportlicher, gesundheitsbewusster ästhet bin, reduziere ich frauen nicht auf das äussere. heute stöckeln aufgebrezelte, dürre, pin-up teenies und solche die es noch gerne wären mit leeren augen ohne lächeln durch die gegend, dass es einem ablöscht.

  • Robin “the Bear” Hood

    ich bin überrascht ob des männerfeindlichen bildes das einige frauen hier kolportieren. nicht zu unrecht muss ich zugeben, wenn ich die ständige notgeilheit und das respektlose verhalten vieler geschlechtsgenossen wahrnehme. trotzdem ist es auch eine form von sexismus und macht nicht wett, wie ihr euch behandelt fühlt, sondern drückt bloss opferhaltung und frustration aus. ein bisschen mehr verständigung und konsens wäre konstruktiver. nicht zuletzt brezeln sich viele frauen für ihren erhofften märchenprinzen auf und fühlen sich von allen anderen männerblicken belästigt und beschmutzt, was leider auch nicht von einem gesunden selbstwertgefühl zeugt, in anbetracht dessen, dass sich so manche ungeschminkt und natürlich angezogen als unatraktiv empfinden. wer reduziert sich hier denn bitte auf jene oberflächlichkeiten. wenn ihr als charakterwesen wahrgenommen werden wollt, solltet ihr auch als diese auftreten und nicht bloss als eye-candies. damit tragt ihr lediglich zu genau jenem dilemma bei. und abgesehen davon hat uns die natur so eingerichtet, dass wir uns anbieten und ihr auslest. könnten wir mit unseren hormonen runterfahren, wäre dies vielleicht für euch kurzweilig komfortabler, doch dann liessen sich wieder wie in den 90ern klagen hören, die softies wären zu nichts zu gebrauchen und wo bleiben die echten kerle. zufriedenheit fängt eben immer bei sich selber an…

  • Ida

    Interessante Zahlen im ersten Absatz. Wenn man sich die Menge dieser Bilder vorstellt. Ich frage mich zuweilen, was Ausserirdische sich denken würden, wenn sie sich diesen menschlichen Bilderpool anschauen würden. Was sagt das über unsre Kultur?

  • mit Sinnen

    Ich gelte als tolerante und optimistische Frau mit Lebenserfahrung.
    Tolerant, weil ich jegliche Lebensform, die keinem andern schadet, respektiere. Optimistisch weil ich nicht aufhöre daran zu glauben, dass man im Kleine auch grosse bewirken kann.
    Die Selbstdarstellung liegt in der Natur des Menschen. Wir alle möchten wahrgenommen werden, und so eine Form von „Liebe“ zu erhalten.
    Physische Schläge sind inzwischen strafbar; was sich hier einige antun sind jedoch mentale Schläge. Deshalb Mädels (oder Jungs die ähnliches vorhaben) überlegt euch ob Ihr mit Verachtung, mit Beleidigung und Peinigung auch umgehen könnt wenn ihr Euch zur Schau stellt.
    Dass sich auf diese Weise ein umdenken im Schönheitsempfinden der Menschen statt findet, kann ich mir nicht Vorstellen. Die „Ideale“ wurden schon immer von Menschen geprägt die emotionale Kraft und Ausstrahlung hatten und meist von Künstler deshalb in IHRER Schönheit dargestellt wurden.
    Deshalb ist der Weg über die Innere Schönheit keine Fars.

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