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Lob der Faulheit

Alle sind im Stress, und der Gedanke mal einfach gar nichts zu tun, stresst viele auch. Doch die Kunst der Faulheit und des Müssiggangs wird gerade neu entdeckt – es ist die beste Jahreszeit, sich darin zu üben.

Von Seraina Mohr

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Kaum eine Woche vergeht, ohne dass eine Studie belegt, dass wir uns in den hiesigen Breitengraden an den Rand des persönlichen Kollapses schuften. Von Faulheit ist da nie die Rede, vielmehr von den Tücken der Mehrfachbelastung, dem Ausgebranntsein und dem Leben im Hamsterrad. Müssiggang ist aller Laster Anfang – sagt eine bekannte deutsche Redensart, und gerne wird die nordische Emsigkeit der Faulheit der Südländer gegenübergestellt. 

Stress ist aller Laster Anfang
Dabei gilt heute eher: Stress ist aller Laster Anfang. «Das Burnout gehört zur Leistungsgesellschaft wie das Eigenheim zur Vorbildfamilie – so unbedarft wird die Krankheit zuweilen in der öffentlichen Diskussion behandelt», sagte Miriam Meckel, Professorin und Autorin, die selber ein Burn-out erlitten hat, in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger»

Die Folgen sind fatal. Da leiden Beziehungen, die Lust und die Kreativität. Gewisse Firmen haben das verstanden und zum Prinzip erklärt. Sie räumen ihren Mitarbeitenden Freiräume ein, in denen sie ihren Projekten und Gedanken nachgehen können. Wieder andere schützen ihre Mitarbeitenden vor der Mailflut und verbieten den Versand von Mails ab Freitagnachmittag. Unternehmen, die sich wenig um das Wohl der Mitarbeitenden kümmern, werden neuerdings auch öffentlich gebrandmarkt: Das deutsche «manager magazin» hat kürzlich das erste Burn-out Ranking von Dax-Firmen veröffentlicht. 

Die Arbeit als heilige Pflicht
Die Fähigkeit zur Musse ist vielen Arbeitstätigkeiten abhanden gekommen. Das war nicht immer so, wie Manfred Koch in seinem Essay-Band «Faulheit. Eine schwierige Disziplin» ausführt. In der Antike galt die Musse als Ideal, als «Schwester der Freiheit», wie es Sokrates ausdrückte. Mit der Industrialisierung und der Reformation kam die Wende. Müssiggang wurde zur Sünde, Arbeit zur heiligen Pflicht und ist es seither in unseren Breitengraden gelieben. Faulsein und Müssiggang wurden uns so erfolgreich abgewöhnt, dass wir sie uns mühsam wieder aneignen müssen. Nichtstun war in früheren Zeiten ein erstrebenswerter Zustand und Quell der Inspiration und Zufriedenheit.

Die produktive Seite der Faulheit
Die gilt es wieder zu entdecken, und entsprechend ertönt derzeit das Lob der Faulheit – oder schöner ausgedrückt – des Müssiggangs, sozusagen die inspirierte Seite der Faulheit. Doch auch die Faulheit ist nicht zu unterschätzen und hat ihre produktive Seite: Wäre Gutenberg nicht zu faul gewesen, Bücher abzuschreiben, hätte er kaum den Buchdruck erfunden. Faulheit und Betriebsamkeit gehören zusammen, wie Manfred Koch in seinem Buch treffend vermerkt: «Der Reiz der Faulheit ist die Erholung von Arbeit. Fällt die Arbeit gänzlich weg, dann wird auch das, was früher Erlösung von ihr war, zur Belastung. Um etwas von der Faulheit zu haben, sollte man sich also Anstrengung auferlegen.» Den ersten Teil, den haben wir in den hiesigen Breitengraden recht gut im Griff. 

Eine Woche ohne Internet als Abenteuer
An der Bushaltestelle noch kurz die Mails checken, im Fitness auf dem Laufband geistig den Wochenplan der ganzen Familie durchgehen, beim Arzt im Wartezimmer den Einkaufszettel verfassen und in den Aktivferien endlich die Englischkenntnisse verbessern oder die Kochkünste optimieren. Im Zeitalter von Facebook und Twitter scheint der Müssiggang noch stärker abhanden gekommen zu sein. Eine Woche, ein Monat oder ein Jahr ohne Internet, das sind die Abenteuer unserer Zeit. Kaum eine Zeitung oder eine Zeitschrift, die nicht schon ähnliche Experimente durchführen liess. Die Resultate ähneln sich: Es bleibt plötzlich mehr Zeit für anderes.

Die Rückkehr zu Musse als Herausforderung
Die Rückkehr zu mehr Musse ist jedoch eine Herausforderung. Unterstützung ist auf dem Buchmarkt zu finden. Auf Ende Jahr werden das «Lob der Faulheit» und das «Handbuch der Faulheit» schon emsig in den Verlagsvorschauen beworben. Bereits letztes Jahr erschienen ist das Buch von Wissenschaftsjournalist Ulrich Schnabel, der in seinem Buch «Musse» dafür plädiert, das Glück des Nichtstuns wieder zu erlernen und dafür auch handfeste Tipps liefert. 

Dabei geht es den Buchautoren wie Schnabel nie ums Nichtstun, sondern um das richtige Mass, also um die Erreichung des Zustandes, der auch als «Flow» bekannt ist, den optimalen Zustand zwischen Unter- und Überforderung meint und in dem die Zeit vergessen und ein Maximum geleistet wird. Er zeigt anhand von Studien auf, dass der Müssiggang keine Kür, sondern Pflicht ist, um das Gehirn auf Trab zu halten. Es braucht ab und zu auch Ruhe. Er empfiehlt die Musseplanung genau so ernst zu nehmen wie die Karriereplanung und sich für einmal nicht zu fragen, was man für das eigene Bankkonto tun kann, sondern umgekehrt, was das Bankkonto dazu beiträgt, das Hier und Jetzt zu geniessen und sich die Fragen zu stellen: Muss ich das tun? Will ich das tun? 

Ähnlich argumentiert der Brite Tom Hodgkinson, Experte in Sachen Müssiggang und seit 1993 Herausgeber der Zeitschrift «Idler» – der Müssiggänger–, die in England Kultstatus hat. Er kritisiert die Arbeitskultur in der westlichen Welt und den Konsum als Trostpflaster für ein unbefriedigendes Leben. Er empfiehlt das Leben wie ein Unternehmen zu führen, alle Ausgaben zu minimieren und sich so unabhängig zu machen. Allein die Analogien zeigen, die Kunst des Müssiggangs zu erlernen ist harte Arbeit. Eine entsprechende Warnung spricht Ulrich Schnabel in seinem Buch aus: «Stressen Sie sich nicht mit der Musse!»

Einige Tipps von den Experten:

  • Am Arbeitsplatz: Die Mail-Flut eindämmen. Wer ständig sein Postfach offen hat, ist permanent im Alarmzustand und kann sich schlecht konzentrieren. Die Computerwissenschaftlerin Gloria Mark liess für einen Versuch ihre Probanden nur noch alle paar Tage ins Postfach schauen – mit dem Erfolg, dass Herzfrequenz und Stresspegel signifikant sanken. 
  • Die Musseplanung genauso ernst nehmen wie die Karriereplanung. 
  • Das eigene Leben wie ein Unternehmen zu führen, das empfiehlt Tom Hodginkson, und das bedeutet für ihn: Alle Ausgaben minimieren und sich auf das Wesentliche beschränken, damit auch wirklich Zeit für das Wesentliche bleibt.
  • Musse nicht auf die Ferien verschieben, sondern im Alltag einbauen. Die grosse Erholung ist gar nicht das Ziel, sondern die Musse im Alltag. Versuchen sie mal täglich 5 Minuten nur in die Natur zu schauen, ohne etwas anderes zu tun und steigern sie die Dosis langsam.
  • Spazieren gehen. Die grössten Müssiggänger waren meistens auch begeisterte Spaziergänger. Nicht von ungefähr, denn das Gehen hilft beim Abschalten. Kein Jogging, kein Nordic-Walking, sondern einfach ein Spaziergang. Das ist ein Anfang.  

Falls Ihnen das alles schon viel zu stark nach Arbeit klingt, dann sind Sie auf bestem Weg. 

Lesen Sie dazu auch die Artikel Sendepause und Im Bett mit dem Smartphone und Mobile Mütter setzen auf Mails statt Musse

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Seraina Mohr

Seraina Mohr ist Leiterin des Competence Center Onlinekommunikation am Institut für Kommunikation an der Hochschule Luzern Wirtschaft. Sie studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Zürich und arbeitete anschliessend mehr als 10 Jahre in verschiedenen Funktionen in der Medienbranche.