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Der Modeaktivist in den geschweissten Schuhen

Igor möchte das Bild von Mode, das sich in das Bewusstsein der Leute eingebrannt hat, unterlaufen. Er macht sich Kleider und Schuhe selbst und protestiert damit in der Modestadt Paris.

Von Clack-Team

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von Audrey Djouadi

«Jeder sollte High Heels tragen», plädiert Igor Dewe. Igor stammt aus einem Pariser Vorort, ist 23, Schweisser, subversiver Modeaktivist und Schuhdesigner. Er verbrachte einen grossen Teil seiner Kindheit in Spanien, dem Heimatland seiner Mutter, sein Vater ist Franzose, hat aber russische Wurzeln – eine transeuropäische Familie. (Lesen Sie auch: «Weshalb Frauen High Heels tragen»)

Protest muss nicht immer politisch sein, findet er, und so will er mit einem zwinkernden Auge den seriösen Mienen der Pariser Modeszene den einen oder anderen interessierten oder schockierten Blick entlocken. Igor möchte das Bild von Mode, das sich in das Bewusstsein der Leute eingebrannt hat, erweitern und mit seinem Auftreten «doing gender» durchbrechen.

Er will in die Welt schreien: «Ja, es gibt Menschen wie mich. Menschen, die sich so kleiden, wie sie wollen und sich nicht von geschlechtsspezifischen Restriktionen davon abhalten lassen. Gewöhnt euch daran!» Aber dafür muss er sich erst einmal Gehör verschaffen. Deswegen auch die High Heels – Igor ist mit seinen 1,70 m ziemlich klein, und grossen Menschen wird prinzipiell mehr Beachtung geschenkt. (Lesen Sie auch: «Wohin schauen Frauen bei einem attraktiven Mann?»)

Vater hilft beim Schuheschweissen

Igor hat einen sehr guten Draht zu seinen Eltern, auch wenn der Mutter eigentlich missfällt, was er tut. «High Heels sind doch was für Mädchen», sagt sie. Igors Vater ist da liberaler, er unterstützt ihn. Zum Beispiel als Igor den Aluminiumschuh zusammenschweissen musste. Es kommt sehr gelegen, dass sein Vater gelernter Schweisser ist. Dessen Fachwissen ermöglichte zum Beispiel Igors Zusammenarbeit mit dem Designer Antoine Antoniadis oder dem Théâtre du Renard.

Unter der Woche arbeitet Igor in der Firma seines Vaters, in der Kleinteile für Flugzeuge zusammengelötet werden. Er fährt morgens zur Arbeit, isst mittags bei einem furchtbaren Portugiesen, und abends macht Igor einen Spaziergang oder liest. Wenn er eine Performance plant, muss er das am Wochenende tun. Dann steht er so um 7.30 Uhr auf, checkt seine Mails. Anschliessend geht er ins Fitnessstudio, das hilft ihm, den Kopf freizukriegen und seine überschüssige Energie loszuwerden.

Irgendjemand muss es tun

Nachdem er geduscht und sich vorbereitet hat (was so viel heisst wie: nachdem er viel Merengue gehört und sich Mut zugesprochen hat), steigt er in seine High Heels, nimmt Plakate unter den Arm und nimmt die Metro an den Ort, an dem er protestieren will. Natürlich ist es für ihn eine Belastung, körperlich als auch mental, die Sache alleine durchzuziehen, aber jemand müsse es ja tun. «Ich könnte auch einfach einen schwarzen Mantel tragen und meine Klappe halten, aber das wäre nicht ich, ich würde mich verkleidet fühlen», sagt er.

Er stöckelt also vor die Shows der grossen Modehäuser und legt mit seiner Performance los. Keine Performance gleicht der anderen, deswegen falle es ihm auch so schwer, seine Tätigkeit mit einem Sammelbegriff zu betiteln. «Wenn ich das jedoch tun müsste, so wäre meine Bezeichnung wohl Modeaktivist.» Einen Aspekt wohnt allen seinen Aktionen inne: Er trägt dabei selbst gemachte High Heels – von aufeinander genähten Turnschuhen mit Plateauabsatz über metallische Raumsondenwedges sind ihm durch handwerkliches Geschick, die Hilfe seiner Liebsten und ein kreatives Auge kaum Grenzen gesetzt. High Heels verändern seine Körperhaltung, machen sie weiblicher. Aber Igor ist ein Mann, er hatte nie das Gefühl, im falschen Körper geboren zu sein. (Lesen Sie auch: «Die schönste Frau ist ein Mann»)

Eine gefährliche Berufung

Nachdem dann seine Performance, wie auch immer sie an dem Tag ausgesehen haben mag, beendet ist, macht er sich auf den Nachhauseweg, auf dem er bestimmt noch die eine oder andere Pöbelei über sich ergehen lassen muss. Auch mit der Polizei gerate er immer wieder aneinander, weil er beispielsweise für seine Manifestationen keine Bewilligung habe, erzählt der junge Modeaktivist.

Als er in Los Angeles war, wurde er überfallen und geriet in eine Prügelei. Daraufhin wurde er verhaftet und die Nacht über in eine Zelle gesperrt. «Ich hatte Glück, dass ich mit den Prostituierten und Transvestiten in der Zelle war. Die anderen Typen hätten mich bestimmt noch mal verprügelt.» Er verbrachte also die Nacht frierend, unter Schmerzen und verängstigt im Knast in den Staaten.

In solchen Momenten denkt er darüber nach, ob es das alles überhaupt wert ist. Doch im nächsten Moment erinnert er sich an seine Schwester, die unter einer Behinderung leidet, und sagt sich: «Das Leben ist zu kurz. Tu das, was du für wichtig hältst. Und zeige denen, die dich auslachen, deine Kehrseite.»

Und das meint Igor nicht im übertragenen Sinn. Als eine Gruppe Jugendlicher ihm üble Beschimpfungen nachgerufen hat, hat sich Igor umgedreht, seine Hosen runtergelassen und ihnen gesagt, sie sollen mit seinem Hintern sprechen. Vermutlich bastelt er in seinem Pariser Appartement gerade an einem Schuh, der Lady Gaga vor Neid erblassen lassen wird, oder plant eine neue Performance, die der sich ihrer Wichtigkeit so bewussten französischen Modeszene mal heftig am Chanel-Kostüm zupft. Dieses Projekt wird dann sicher auch in seinem virtuellen Portfolio zu finden sein.

Audrey Djouadi studiert, lebt in Zürich und ist der neueste Zugang bei den Clack-AutorInnen. Sie schrieb unter anderem für Kinki und Das Magazin.

BABY S GOT SOME BRAND NEW SHOES AND THE WHEEL OF FORTUNE

by IGOR DEWE & MAJA BERGSTRÖM

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