Clack

Der Beziehungs-Mülleimer

Der Quotenmann fragt sich, warum Frauen lieber bei Freundinnen über ihre idiotischen Partner heulen, als diese zum Teufel zu schicken. Und warum die Freundinnen gerne als emotionale Mülleimer herhalten.

Von Réda Philippe El Arbi

Twittern

Jede kennt das: Eine Freundin ruft an, meist spät abends, und heult ins Telefon, weil ihr Freund/Partner/Mann wieder mal was ganz Schlimmes gemacht hat. Das ist normal, man hört zu. Tröstet. Gibt ein oder zwei Ratschläge, die dann nicht befolgt werden. Ist es eine wirklich gute Freundin, bestärkt man sie darin, dass der Freund/Partner/Mann ein Schwein sei und dass sie sein neues Smartphone in die Waschmaschine schmeissen soll.

Soweit, so gut. Aber es gibt in jedem Umfeld auch die Frauen, die solche Anrufe wöchentlich machen. Beim ersten Mal fühlt man sich betroffen, beim zweiten Mal kennt man die ganze Geschichte schon und beim dritten Mal schaltet man innerlich ab, bis das Gegenüber am Telefon die Nase hochzieht und meint, es gehe jetzt wieder. Man weiss genau, dass es nur Tage dauert, bis sich der Anruf wiederholt. Man sagt der Freundin auch, sie solle sich doch von diesem Vollidioten trennen, weiss aber bereits beim Aussprechen, dass sie es nicht machen wird. Geistig wird die Freundin unter «schwierige Situation» abgelegt, man wappnet sich innerlich, bevor man den Hörer abhebt, wenn sie wieder anruft. Irgendwann kritzelt man Sachen nebens Telefon und schaut auf die Uhr, während man die Geschichte oder eine ähnliche zum x-ten Mal hört. Irgendwann steht sie dann ab und zu vor der Tür, um eine Nacht «Auszeit» zu nehmen.

Natürlich kann man sie nicht im Stich lassen, weil sie eine Freundin ist und sie uns braucht. Und einige von uns werden gerne gebraucht. So sind wir wichtig für unsere Freunde. So fühlen wir uns wichtig. Nur, wir helfen dem Gegenüber damit eigentlich kein Bisschen.

Als emotionaler Abfalleimer halten wir beim Zuhören und Trösten die bestehende Situation aufrecht, dienen sozusagen als Ventil, als Kraftquelle, mit der die Freundin ihre Situation weiter aushält, anstatt sie zu verändern. Komischerweise haben viele Frauen kein Problem damit, Männern richtig Bescheid zu stossen: «Bring deinen Scheiss in Ordnung und meld dich wieder, wenn du mir nicht mehr den Kopf mit Dingen volljammerst, bei denen du eigentlich weisst, was du zu tun hast.» Und meist funktioniert das auch. Wieso also bei Freundinnen nicht? (Lesen Sie auch: «Die 5 Dating-Fehler von Frauen»)

Solange immer ein Ventil, ein emotionaler Mülleimer zur Verfügung steht, entwickelt sich oft nicht genug Druck für die Betroffene, um etwas an ihrer Beziehung zu ändern. Oft bleibt die Leidende dann in der Situation, bis etwas wirklich Schwerwiegendes passiert – sei es Gewalt, sei es der finanzielle Ruin oder, häufiger, bis der Typ sie wegen einer Anderen sitzen lässt. So hilfts oft wirklich mehr, wenn man der Freundin nach einer gewissen Zeit klipp und klar sagt: «Dies ist mein Rat. Befolge ihn oder befolge ihn nicht. Aber ruf erst wieder an, wenn du die Verantwortung für dein Handeln und dein Leben wieder übernommen hast.»

Klar, man geht das Risiko ein, dass diese Freundin lieber an ihrem Vollidioten festhält als an der Freundschaft. Aber ehrlich, das ist dann wirklich nicht mehr unser Problem. Wir können Hilfe nur solange anbieten, wie sie auch angenommen wird, und vor allem, nur genau solange, wie sie eine Änderung bewirkt. Leuten beim Leiden zu helfen ist einfach keine Freundschaft. (Lesen Sie auch: «10 Warnsignale dafür, dass eine Partnerschaft bald Schiffbruch erleidet».)

Einige werden mir jetzt mit dem ausgelutschten Begriff «Liebe» kommen. Aber mit der Liebe ist es so: Leidet man zu lange unter diesem Gefühl, ohne die Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse wieder zu sich zurückzunehmen, unterscheidet sich die Liebe kaum von Heroin: Man gibt sich hin, obwohl man tief in sich drin weiss, dass es mit diesem Partner immer wieder übel endet. Man ist bereit, tausend Mal dasselbe Experiment zu machen und erwartet doch jedes Mal ein anderes Ergebnis. Das eignet sich für tragische Romane und für eine durch und durch egozentrische Selbstinszenierung als Leidende. Als Beziehungskonzept ist es einfach nur schwachsinnig. Liebe bedeutet nicht, die Eigenverantwortung und das Hirn abzugeben und sich zweimal wöchentlich von einer guten Freundin wieder aufbauen zu lassen.

Liebe Damen, wenn ich selbst in einer schwierigen Situation bin, kann ich meine Freunde immer daran erkennen, dass sie mir nicht helfen, die Verantwortung ausserhalb zu suchen, sondern mir einen Tritt in den Hintern geben. Bis ich mich zu einer selbstständigen Lösung aufraffe.

Réda Philippe El Arbi ist Mitinhaber der Kommunikationsagentur SeinSchein, Autor, Geschichtenerzähler, Stadt-Blogger bei Züritipp/newsnet.ch, Haustiersitter und war kurze Zeit Herausgeber des Zürcher Satiremagazins «Hauptstadt».  Er schreibt, weil er nicht anders kann.

  

(Visited 672 times, 2 visits today)
Quotenmann


Kommentare

  • mira

    Ich hab keine solchen Freundinnen, kann also nicht mitreden. Ich kenne aber Männer, welche regelmässig auf den gleichen Typ Frauen hereinfallen. Ich halte mich da aber schon lange zurück, da meine anfänglichen Ratschläge eh nichts gebracht haben…

  • marie

    das ist grundvoraussetzung für eine funktionierende freundschaft: «Dies ist mein Rat. Befolge ihn oder befolge ihn nicht. Aber ruf erst wieder an, wenn du die Verantwortung für dein Handeln und dein Leben wieder übernommen hast.» und betrifft männlein ebenso wie weiblein.
    “Klar, man geht das Risiko ein, dass diese Freundin lieber an ihrem Vollidioten festhält als an der Freundschaft.” …leben sie mal beziehungslos hr el arbi, was denken sie, was ihnen da im freundeskreis zugetragen wird. das fängt beim verkuppeln irgendsoeines komischen vogels, der in keinster weise kompatibel ist, bis hin zu bemerkungen wie “bist du lesbisch? wir haben nichts gegen homosexualität.” dabei hat frau sich nur für beziehungslosigkeit entschieden. aber in einer welt, wo beziehungen als selbstverständlich gelten, sehen sich offenbar einige praktisch gezwungen, sich an vollpfosten(innen) festzuhalten. (und keine angst, ich habe über meine beziehungslosigkeit noch nie gejammert – sollten sie das in meinem fall in erwägung ziehen, mir vorzuwerfen.)
    aber ansonsten bin ich mit ihnen einig: jammmern geht nicht! ein/zwei mal ok, aber beim dritten mal werde ich zumindest SEHR direkt! da lässt ihr satz im vergleich dazu schon milde walten.

  • Réda Philippe El Arbi

    Oh, ich war lange Single und hab das auch sehr angenehm empfunden. Und auch ich sollte von meinem Umfeld verkuppelt werden. Ich kenn einfach Menschen, die sich aus Mangel an Zärtlichkeit und Geborgenheit auf irgendeinen Vollpfosten einlassen. Wo sie dann ab und an etwas Nähe haben. Nur bezahlen sie das meist mit ziemlich viel Stress. Für alle, die sich nicht binden wollen, empfehle ich serielle Monogamie, pro Abschnitt nie mehr als 3 Monate. smile

  • Bibi

    Ich bin Ihrer Meinung Herr Al Arbi, wenn Sie sagen, dass einem Freundinnen auch einen Tritt verpassen müssen, denn nur so definiert sich Freundschaft. Ich glaube aber, es gibt da wesentliche Unterschiede, wo ein Feingefühl notwendig ist. Vor 2 Jahren hat mich mein Mann mit unserer 1 jährigen Tochter sitzen lassen. Ich war am Boden zerstört, konnte nicht aufhören zu heulen und war so tief in meiner Trauer versunken, dass ich es ohne Unterstützung nicht geschafft hätte. Meine besten Freundinnen (wozu ich ausschliesslich 4 Stück zähle), haben mich damals mehr als unerstützt und zwar indem sie sich über ein halbes Jahr immer wieder alles angehört haben, mit mir darüber diskutiert, mit mir geweint, gelacht, geschrien haben. Hätten diese Freundinnen mir damals gesagt, ich solle mich erst wieder melden, wenn ich Verantwortung übernommen habe, wäre ich wahrscheinlich nie mehr aus meiner Trauer rausgekommen. Ich habe es damals gebraucht, mich bei meinen Freundinnen ohne schlechtes Gewissen ausheulen zu dürfen. Es gab sonst genug Menschen, die mir mit ihren guten Ratschlägen helfen wollten. Ich musste den Schmerz zuerst verarbeiten und dies habe ich damit gemacht, dass ich mir immer und immer wieder die gleichen Fragen gestellt habe, diese mit meinen Freundinnen diskutiert habe und zwar täglich…Ich bin dafür, dass man in gewissen Situationen als Freundin auch einen Tritt verpassen können muss, jedoch sollte man sensibel genug sein und zu merken, was die Freundin nun braucht – sei es 1000 Mal das gleiche erzählen oder aber die ehrliche Meinung gesagt bekommen.
    Ich habe dank meinen Freundinnen den Weg zurück ins Leben schneller wieder gefunden, als ich selber erwartet hätte. Und zwar aus dem Grund, weil ich stundenlang über das gleiche geredet oder geheult habe, bis schlussendlich alles raus war und mir nichts mehr weh getan hat. Ich würde (und habe dies bereits auch schon) für meine Freundinnen jederzeit tun, weil man ab und zu jemanden braucht, der einem nicht verurteilt. Und dann fühle ich persönlich mich auch nicht als Mülleimer sondern als jemand, der dem anderen in dem Moment gibt, was er braucht (es gibt auch da natürlich wesentliche Unterschiede. Aber bei wirklich harten Geschichten oder Streiche, welche einem das Leben spielen können, sollte man dem Gegenüber das bieten, was dieser Person in dem Moment gut tut!). Ich bin dankbar dafür, Freundinnen zu haben, die wissen wie ich bin und wo ich sein kann, wer ich bin!

  • Sohn des Mars

    Frauen machen das mit ihren Freundinnen. Sie machen das auch mit ihren Freunden. Das sind dann die Sätze wie “hätte ich doch nur einen Freund, der so ist wie du”… komisch ist nur, dass sie den nie sehen, und schon gar nicht als möglichen Partner in Betracht ziehen.

    @Bibi: ich denke mal, Fälle wie Deiner sind nicht das, was der Autor grundsätzlich anspricht. Ich jedenfalls würde das als eine ganz andere Situation bewerten und auch anders behandeln. Es ist klar, dass in dieser Lage eine andere Form von Hilfestellung angesagt ist.

  • Réda Philippe El Arbi

    Liebe Bibi, das ist ein anderer Fall, da Sie ja nicht am Fehler festhielten. Trost ist wichtig in Freundschaften. Und manchmal beginnen Freundschaften auch erst da, wo man die Geschichten des anderen bereits auswendig kennt.

    Nur, immer denselben Fehler machen (idiotische Partner) und sich dann bei Freunden als grosses Drama zu inszenieren, ist keine Freundschaft.

    Lieber Gruss
    Reda

  • purelook

    Da gibt es einen grossen Unterschied zwischen Mann und Frau. Frauen wollen bei Problemen in der Regel keine Lösungen sondern nur den Kopf gestreichelt bekommen. Ich persönlich habe gerne eine ehrliche und offene Meinung, auch wenn diese im ersten Moment nicht schön erscheinan mag, aber auf die Dauer habe ich von schön-gerede nichts. Deshalb liebe Frauen, seit ehrlich zu euch und euchren Freundinnnen.

  • purelook

    Ja Bibi das ist ein anderer Fall! Jede gute Freundin ist in dieser Situation da.

    Nur in solchen Situationen wie oben beschriben, sollte eine Freundin da sein und ihr erlich sagen sie soll dem Typen einen Tritt geben. Wenn sie das nach dem xxten mal nicht gemacht hat, ist es nicht mehr mein Problem.

Lesen Sie auch: