Clack

Denkt er an eine Andere?

Ratgeber Beziehungskiste: Wenn Paul Kathi zuhören muss, kriegt er glasige Augen und ist nach einigen Minuten abgedriftet - «Wenn sie doch nur endlich auf den Punkt kommen würde!»

Von Birgit Mathon

Twittern

Die Frage

Kathi liebt Paul. Paul liebt Kathi auch. Wahrscheinlich. Immerhin hat er nach zwei Monaten seinen Beziehungsstatus bei facebook von »Single« auf »in einer Beziehung mit Kathi« umgestellt. Das hat Kathi gefreut. Überhaupt verstehen die beiden sich ziemlich gut. Kathi erzählt gern. Paul schweigt. Das könnte von Vorteil sein, denn Kathi liebt gute Zuhörer. Doch wenn Paul ihrem Monolog folgt, bekommt er nach ungefähr zwanzig Sekunden glasige Augen, und Kathi hat den Eindruck, er driftet mit den Gedanken ab. Das macht ihr Sorgen. Wohin verschwindet er da vor ihren Augen? Urteilt er über sie? Macht sie etwas falsch? Langweilt er sich? Ist er depressiv? Denkt er womöglich an eine ANDERE???


Der Rat  

Weibliche Gehirne sind so komplex wie Frauenhandtaschen. Du suchst etwas, kramst herum, findest das eine oder andere interessante Teil und bleibst einen Augenblick daran hängen, dann wirfst du es wieder hinein und kramst weiter. Oh dieser Lippenstift, ach den hab ich ja schon lange gesucht, den hab ich mal in Paris…, was macht denn diese Sonnenbrille da, die hab ich einst von…, immer so weiter.

Bis ich zum eigentlichen Thema komme. Oder auch nicht. Vom Hundertsten ins Tausendste, kein Problem, das Leben ist bunt und vielfältig und alles ist interessant. Frau denkt in Assoziationsketten, und eine zuhörende Frau behält dabei nicht nur den Überblick, sonst wirft selbst noch den einen oder anderen dazwischen. Letztendlich entsteht während des Gesprächs ein Kaleidoskop, das doch wieder ein sinnvolles und hübsches Ganzes ergibt. Vielleicht ist es ja für Männer interessant, das Gesamtbild zu betrachten. Um den Überblick zu behalten, müssen sie aber erst ihren Geist erweitern.

Zu viele Details durcheinander verwirren das strukturierte männliche Denken. Der Amerikaner Mark Gungor beschreibt das männliche Gehirn als ein Regal mit vielen Schachteln. Für jedes Thema gibt es eine eigene Box. Wird über das Thema gesprochen, nimmt der Mann die Schachtes gaaanz vorsichtig aus dem Fach, damit sie auf keinen Fall eine andere  Schachtel berührt, öffnet sie und widmet sich konzentriert dem Inhalt. Zum Beispiel die Politik-Schachtel. Spricht er über Politik, spricht er über Politik. Will er danach über Fußball sprechen, wird die Politik wieder sorgfältig in die Schachtel gepackt und selbige im Regal verstaut. Erst dann wird die neue Box hervorgeholt und man(n) widmet sich ihrem Inhalt. Alles fein säuberlich von einander getrennt, damit nichts durcheinander kommt.  Frauenhandtaschen mit ihrem – für die Frau völlig logischen – Chaos überfordern ein männliches Gehirn.

Wissenschaftlich ausgedrückt würde man sagen, Männer denken vorwiegend analytisch, also zerlegend, zerteilend, und Frauen vorwiegend synthetisch, also zusammensetzend. Unsinnig ist, wenn die einen die anderen deshalb für minderbemittelt halten. Beide Formen des Denkens sind wichtig und ergänzen einander im optimalen Fall. Aber beim Small Talk kommt es dann eben oft vor, dass aneinander vorbeigeredet oder -geschwiegen wird. Denn ist der Mann der chaotischen Assoziationskette müde, holt er laut Mark Gungor seine allerliebste Lieblingsschachtel heraus. Die nothing-box, also Nichts-Box. Da fühlt er sich wohl, da entspannt er sich. Glücklich liegt er am Sofa, schaut in die Luft und denkt: nichts! Die absolute Leere. Streben wir die nicht alle an? Frauen gehen zum Yoga oder Qigong, oder sie meditieren, um diesen glückseligen Zustand des Nicht-Denkens zu erreichen.

Männer haben den schon eingebaut. Sie vertiefen sich wohlig in ihre Nichts-Box (dabei bekommen viele von ihnen den oben erwähnten glasigen Blick) und es geht ihnen dabei GUT! Nein, sie denken an keine andere Frau, sie urteilen nicht über deine Figur, sie sind nicht depressiv und haben auch nicht aufgehört dich zu lieben. Sie genießen einfach nur das Nichts. Um damit nicht negativ aufzufallen, zappen sie dabei gern auch mal alle TV-Kanäle durch. Das ist das Signal für: »Sprich mich nicht an.« Aus entwicklungspsychologischer Sicht hat der Fernsehapparat eine ähnlich entspannende Funktion nach einem langen Arbeitstag wie seinerzeit das Lagerfeuer für einen Neandertaler nach der anstrengenden Jagd.

Willst du also, dass Paul eine Botschaft von dir tatsächlich erfährt, liebe Kathi, dann sprich gerade heraus und strukturiert. Bleib beim Thema. Fasse dich kurz. Ein Satz genügt. Wenn Paul irgendwann wieder schweigend vor sich hin starrt, und du dir deshalb Sorgen machst, dann stell ihm nur eine einzige Frage: »Bist du zufrieden?« Nickt er, dann glaube ihm! Gönne ihm einfach das Vergnügen, denn genauso attraktiv wie für dich ein duftendes Schaumbad, das du in einem Wellness-Tempel zusammen mit deinen Freundinnen genießt, ist für ihn seine wunderbare Nichts-Box.

Haben Sie fragen an Birgit? Mail an redaktion@clack.ch

Birgit Mathon ist Psychologin und Therapeutin in Wien und generalisiert hier aus Gründen der Einfachheit die Zuschreibungen für Männer und Frauen. In Wahrheit ist natürlich alles viel differenzierter.

(Visited 79 times, 1 visits today)
Sexualität


Kommentare

  • Tomas

    Kevin Leman hat dazu zutreffend geschrieben:

    1. Mit einem Mann soll man nicht “reden”, dafür sind Freundinnen da. Was sie ihm erzählen interessiert ihn zu 95% nicht. Das tönt hart und er wird es immer vehement bestreiten, ist aber so.

    2. Haben sie einen Wunsch, äussern sie ihn ohne lange Vorgeschichten, direkt und lakonisch. Falls ihr Mann mehr Informationen braucht, wird er nach ihnen selber fragen.

    3. Der Weg zu seinem Verstand führt über Berührungen. Falls sie sicher sein wollen, dass er ihnen zuhört, vergewissern sie sich dass er sie wahrnimmt, berühren sie ihn am Schulter, Rücken oder am Kopf, und dann erst reden sie.

  • daniela p.

    hahaha tomas und seine anleitungen. so ein quatsch. ich glaube, das ist es, was männer männer glauben machen wollen. oder vielleicht müssen. frag mal frauen, die in männer wg’s wohn(t)en. ich schwatze regelmässig halbe nächte durch – mit männern. meine lieblingsmänner haben anwandlungen von redeschwällen, die können auch 1,5 stunden dauern und sie merken nichtmal, dass sie immer am reden sind. es sind übrigens immer noch die selben männer zum teil, mit denen ich schon vor 25 jahren nächte durchschwatzte. wir wohnten auch zusammen. und manchmal darf ich auch etwas sagen

  • Irene

    Sei dich selbst??? Pass dich an??? Nur ein Mittelweg kann es geben!

  • Sportpapi

    Geist erweitern, soso. Eine Ergänzung habe ich allerdings. Ich erlebe immer wieder Frauen, die keineswegs gute Zuhörerinnen sind, sondern immer zeitgleich auch noch mit anderem beschäftigt sind. Das halte ich nicht nur für unhöflich. Sondern es funktionert, entgegen allen anderen Behauptungen, meist auch nicht.
    Und ja, strukturierte Kommunikation zeugt von strukturiertem, klaren Denken. Aber das bin ja nur ich, der ich das irgendwie wichtig findet. grin

  • Reto B.

    Ich empfehle jedem, der nur ein bisschen englisch kann, sich das Video zu männlichem und weiblichem Gehirn anzuschauen, hei was hab ich gelacht.

    Aber ja, es hat was. Ich erwische mich immer wieder, wie ich nur halb zuhöre, weil der Informationsgehalt der Message gering ist (I(px)=-log_a(px) nach Shannon grin ). Kurz je mehr über in etwa das immer gleiche geredet wird, desto “Ich schalte dann mal ab”. Insbesondere wenn die subjektive Relevanz gegen null strebt. Die Menge an Information, die sich der Mann der Liebe willen merken will (Im umgekehrten Fall in etwa Motorenbestandteile oder Charaktere aus Star Trek) ist begrenzt. Irgendwann mal ist er übersättigt. Und nun kommt das Hauptproblem. Frau schafft es dann, absolut relevantes völlig beiläufig darin einzubauen. Mitten während ihrem Monolog über die beiden Ladies zwei Büros weiter, deren Cousinen sich offensichtlich im manor um die gleiche Hose gestritten haben, kommt in einem Nebensatz eine Information, dass ich bitte morgen doch noch etwas einkaufen solle, worauf das Thema wieder auf besagte Hose zurückspringt.

    Ich habe für mich herausgefunden, dass zumindest meine Frau Dinge verarbeitet, indem sie sie mir erzählt. Es macht ihr anscheinend auch nicht allzu viel aus, wenn ich mir das dann nicht alles merke. Ich wäre nur froh, wenn relevante Info mit einer Kennzeichnung versehen wird, vorzugsweise mit meinem Namen drin und der Aussage “wichtig”! Dann kommt es auch nicht zur Situation, dass sie mir das gesagt haben will und ich mich nur ansatzweise erinnern mag, dass sie über irgendeine Hose und ein paar Damen, die ich nie kennenlernen werde geredet hat.

  • Reto B.

    Versuche zuerst zu verstehen, dann erst versuche, verstanden zu werden. (Stephen R. Covey, Autor von “7 Wege zur Effektivität”)

  • Carolina

    Haha, Reto, vor allem Ihr letzter Absatz könnte von mir bzw meinem Mann stammen. Er sagt genau dasselbe, wobei ich ihm dann sofort unterstelle, dass er meine Beihilfe dazu will, nur bei den Basics zuhören zu müssen, während ich ansonsten an ihm ungehört runterlabere, einfach um des Laberns willen.

    Wenn ich ihn in eine emotionale Ecke gedrängt habe, in der er nicht sein will (Sportpapi würde sagen, wenn ich die strukturierte Kommunikationsebene verlassen habe;-), kommt das Killer-Argument von ihm: er sagt mir dann, dass er nicht begreifen könne, dass Frauen (!) aus allem immer gleich eine Alles- oder Nichtsfrage für die Beziehung machen würde! Kommt Ihnen bekannt vor?

  • Hans

    Beim Beischlaf mit einer Frau werden ihre Augen auch immer glasig. Muss ich etwas mehr zur Sache kommen?

  • Reto B.

    Nun, es ist wohl ein ewiger Kompromiss – ich muss mich bemühen, zuzuhören, denn sie erzählt mir ja Dinge, die in ihrem Leben relevant sind. Und es ist mir ein grosses Anliegen, auch zu den relevanten Dingen in ihrem Leben zu gehören. Und sie versucht, die Kommunikation mit mir strukturiert und nicht zu ausufernd zu gestalten, damit ich nicht überflutet werde mit mehr als man mir zumuten sollte. Und ja, zwischendrin kommen dann die Phasen, wo die Diskussion etwas zuviel: “ihr Frauen”, “ihr Männer”, “nie”, “immer” und “überhaupt” enthalten. Aber man findet sich dann schon wieder.

  • Reto B.

    Hmmm – ist aber etwas anderes, ob ich gut angesäuselt, wenn ich Zeit und Bock hab, mit Kollegen rede oder mit meiner Frau. Ganz schlecht ist zum Beispiel, wenn sie irgendwas diskutieren will, während ich gerade etwas im Fernsehen schaue, was sie nicht interessiert. Und mit Kollegen politisieren/philosophieren/tratschen mache ich so geschätzt einmal pro Woche, mit meiner Frau einmal am Tag.

    Tomas’ Angaben (oder Herr Lehmans, um genau zu sein) finde ich ziemlich zutreffend, aus der Sicht eines Mannes. Jedoch sollte nicht ein Partner das Definitionsrecht haben, wie eine Konversation abzulaufen hat. Irgendwo in der Mitte treffen – der gutschweizerische Kompromiss – das wäre imho das Optimum.

  • Tomas

    Reto, ich habe die Ratschläge von Herrn Leman nicht als Versuch ein Definitionsrecht zu postulieren verstanden, sondern als erste Hilfe für Frauen die beim kommunizieren mit ihrem Partner das Gefühl haben den Frau Mathon hier beschreibt.

    Ausserdem, es funktioniert auch umgekehrt. Ich versuche immer darauf zu achten, meine Freundin nicht allzusehr meinen “Vorträgen” auszusetzen, wenn mich ein Thema oder Problem beschäftigt – weil ich ziemlich sicher bin dass sie das Problem vermutlich nicht in gleicher Intensität beschäftigt. Teilnahme am Leben des anderen ist Selbstverständlichkeit. Es funktioniert aber am besten dann, wenn der Rezipient die Intensität der Teilnahme steuern darf.

Lesen Sie auch: