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Liebe, Lügen und das verschmähte Praliné

Schwarzer Humor in einer rosa Welt: «Misère-sexuelle.com» heisst ein neues Buch, das treffend beschreibt, wie extrem lustig und gleichzeitig unendlich traurig Online-Dating sein kann.

Von Nathalie Sassine-Hauptmann

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Er hat sie alle getestet. Die grossen, die intimen, die Nischen-Sites. Er hat gechattet, geflirtet, gedatet. Er hat sich sogar zweimal verliebt. Und ist mehrere Male auf die Nase gefallen.

Während zehn Jahren hat Stéphane Rose – 40, Bart, stattliche Postur – die einschlägigen Dating-Sites besucht und genutzt. Der französische Journalist und Autor hat sich in all den Jahren einen ziemlich grossen «Kriegsschatz», wie er es nennt, zusammengedatet. Und ein Buch darüber geschrieben.

Orthografie-Loser und Gefühlstrampel

Von Stilblüten bis zu ausgesprochenen Peinlichkeiten hat er die gesamte Bandbreite gesammelt, die User zu bieten haben. Ein paar Dutzend von ihnen haben ihm seine Geschichten erzählt, ein grosser Teil davon negativ und ein paar echte Lovestorys. (Lesen Sie auch: «Die Anti-Seitensprung-Pille»)

All diese Erfahrungen und Geschichten erzählt Rose in seinem schwarzen Buch «Misère-sexuelle.com» (mit dem langweiligsten Cover, das es je gab). Zum ersten Mal liest man hier über die versteckten Fallen, welche die schnulzige Werbung gerne unterlässt zu erwähnen. Endlich sagt einer, dass es online nicht einfacher ist, den Mann (oder die Frau) fürs Leben zu finden, als in einer Bar.

Denn schreibwütige Onlinedater outen sich offenbar als totale Orthografie-Loser, wenn es darum geht, sich jemanden zu angeln. Auch sind die Aussagen meist derart durchschaubar, dass man sich kaum vorstellen kann, dass jemand darauf reinfällt. «Ich würde mich um dich kümmern. Beim ersten Date könnten wir einfach als Freunde ausgehen, nach ein paar Minuten werden wir ja sehen, was die Gefühle sagen werden.» Na, das lässt der Dame ja viel Zeit zum Fühlen, nicht?

Auch wenn man sich beim Lesen über Rechtschreibe-Neandertaler schieflachen kann, die Kehrseite der Tastatur ist traurig: Einsamkeit, Lügen, ein wenig Paranoia und schliesslich ziemlich viele Enttäuschungen stehen für den hoffnungsvollen User auf der Liste.

«Wie ein kapitalistisches System für Privilegierte»

Stéphane Rose ist zwar überzeugt, es könne durchaus klappen mit dem Kennenlernen, doch die User mit gesundem Menschenverstand – die mal sehen wollen, was sich aus einem angeklickten Profil ergeben kann – entsprächen leider nicht der Mehrheit. «Doch wenn man im echten Leben nicht verführen kann, klappt es virtuell auch nicht besser», so Rose. «Es ist ein bisschen wie ein kapitalistisches System für Privilegierte: Die Hübschen, die ein gewisses Schreibtalent aufweisen, werden viele Begegnungen machen. Die Hässlichen, die kaum ein paar Sätze aneinanderreihen können und nur ihr Single-Dasein zu bieten haben, werden auch online kaum Dating-Erfolge feiern. Wie im echten Leben halt.» Lesen Sie auch: «Der Seitensprung ist weiter verbreitet als man denkt»)

Der Autor von «Misère-sexuelle.com» findet die Tatsache, dass man online mit einem Klick jemanden zum Teufel jagen kann, besonders brutal. Gerade als Mann. Denn diese sind im Verhältnis zu Frauen zahlenmässig übervertreten. Das hat zur Folge, dass er gewisse Profile auf verschiedenen Plattformen wiederfand. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Ein User verglich sich selbst im Interview mit dem Praliné, das immer in der Schachtel bleibt, weil keiner es will. (Lesen Sie auch «Der Quotenmann geht fremd»)

Lügen, bis sich die Tastatur biegt, ist ein weiteres Phänomen des Onlinedatings. Es ist kaum anderswo im Leben so einfach, sich besser zu verkaufen: jünger, cooler, urbaner, Single. «Das ist überhaupt die grösste Lüge beim Onlinedaten: glauben zu machen, dass man verfügbar ist.» Weshalb es jetzt offenbar zum Standard gehört, am Ende des eigenen Profils die Bemerkung «Bettgeschichten ausgeschlossen» zu notieren.

«Den Prinzen à la carte, bitte»

Das virtuelle Kennenlernen hat einen Haken, der vordergründig als Mehrwert dargestellt wird: Die Suche gestaltet sich hyperselektiv. Die Profile schränken ein, bis zum Punkt, an dem nach einem ganz spezifischen Menschen gesucht wird, den es so kaum geben kann: «Suche Mann, weder hübsch noch hässlich (braune Haare müssen sein), im kulturellen Bereich tätig, UNBEDINGT links wählend. Wenn er Motorrad fährt, umso besser.» Prince Charming à la carte sozusagen. (Lesen Sie auch: «Single-Sprüche, die wir nicht mehr hören wollen»)

Die grösste Gefahr sieht Rose jedoch darin, dass sich User nicht mehr von diesen Sites abmelden mögen. Auch nicht, wenn eine Beziehung bereits zustande gekommen ist. «Als ich mich bei einer grossen Plattform abmelden wollte, musste ich dies telefonisch tun. Auf die Frage hin, wieso ich das Abo annullieren möchte, erklärte ich, ich hätte jemanden gefunden, ich sei verliebt. Darauf bot mir der Callcenteragent einen Gratis-Monat an!» Schliesslich wisse man ja nicht, wie lange eine Beziehung dauere, und vielleicht gäbe es ja jemanden, der noch besser passe. In unserer Gesellschaft kommt offenbar auch die Liebe nicht darum herum, als Konsum- und Wegwerfprodukt betrachtet zu werden.

Und Stéphane Rose selber? Ist wieder allein und flirtet jetzt auf Facebook. «Weniger Loser, weniger Lügner und weniger Geld- und Zeitverschwendung», wie er selber sagt. Es gibt zwar Hunderte Onlinedating-Sites. Doch nur wenige haben wirklich Erfolg. Rose ist deshalb überzeugt, dass sich das Phänomen bald selber ausmerzt. Denn es gilt immer noch als peinlich, die Liebe per Internet gefunden zu haben, als wäre sie – trotz Konsumdenken – zu edel, um wie High Heels online geshoppt zu werden. Einige Plattformen sehen den Trend ebenfalls kommen und organisieren deshalb Partys, um «Singles in echt» kennen zu lernen. Und das ist die eigentliche Misere.

Link: Buch «Misere-sexuelle.com»


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Kommentare

  • adrian

    grin marie, sie lassen auch keine chance aus, einen netten mann kennenzulernen. ich würde sie echt gerne mal treffen, nimmt mich sehr wunder wer hinter diesem namen steckt… smile

  • Stéphane Rose

    Avec plaisir, Marie. Schreib mir einfach an rose_le_mac (at) bluewin point ch. Der Rest ergibt sich – oder nicht. grin

    Bonne soirée,
    R.

  • marie

    diesem résumé ist definitiv nichts mehr beizufügen! aber wen wundert’s, wenn wir, dekadent wie wir sind, mittlerweile sogar zwischenmenschliche beziehungen ökonomisieren und uns durch die auswahlmöglichkeiten immer und immer wieder “es könnte was besseres daher kommen” vorgegaukelt wird… frage der zeit, bis mr und mrs right im tiefkühlangebot der migros mit rückgaberecht angeboten wird.
    viel glück monsieur rose, ich hätte sie gerne getroffen. sie sind gepflegt, scheinen geistreich zu sein und haben witz. ich persönlich steh drauf. mehr braucht es nämlich nicht.

  • Brokegirl

    Kann ich ebenfalls unterschreiben. Habe es deshalb schon lange aufgegeben, online zu daten. Da ist die doofe Anmache an der Bar immer noch besser. Da kann ich dem armen Kerl wenigstens helfen, sich nicht vollkommen zu blamieren…

  • Jorge

    Tatsächlich gruselich, was sich auf den Datingplattformen so tummelt, von mir einmal abgesehen.

    Da gibt es doch tatsächlich Leute, die versuchen mit dem Nick Psychopatia oder Klammeräffchen einen Partner fürs Leben zu finden… ich mein, wie hoch wären wohl meine Chancen auf Post, wenn ich mich da müffelnderVergewaltiger oder übergewichtigeCouchpotato nennen würde?

    Ich weiss ja nicht, was für eine Selbstwahrnehmung diese Leute haben, aber wie gesagt… ganz schön gruselich, das Ganze… *fröstel*

  • marie

    …beim nick bissigerFischotter hätte ich gepostet als überfahrenerFischotter grin
    aber ja, gruselig und *fröstel*… definitiv.
    (psychopatia? echt jetzt?)

  • Jorge

    Herzig, wenn sich demnach zwei Fischotter gefunden hätten… trotz den vielen Haaren aufm Rücken smile

    Und ja, Psychopatia gabs wirklich… oder gibt’s immernoch… sowas geht ja nicht einfach weg, müsste man meinen. ^^

  • adrian

    hahahaha. zu gut! grin
    viel glück euch zweien grin

  • marie

    …eher nicht – er hat oben fehler moniert. ich bin des deutschen nicht mächtig und bin diesbezüglich auf grosszügigkeit angewiesen (nicht auf die pekuniäre, für die sorge ich selbst). wink
    aber danke monsieur rose, ich bin überzeugt, dass sich gewiss eine dame findet, die mit ihnen orthographie bei kerzenschein bespricht… ich pflege bei kerzenschein anderes zu besprechen grin

  • Alex

    Spannendes Thema! Aber um dem Negativen etwas Gegengewicht zu spenden: ich lernte meine Frau auch via Dating-Plattform kennen und finde – im Gegensatz zu vielen anderen offenbar – nichts Anrüchiges dabei. Schliesslich ist das da am anderen Ende der Leitung ja ein Mensch aus Fleisch und Blut..?

  • Andrea

    Treffend beschrieben. Auch ich hatte Glück und habe meinen Partner auf einer Datingseite gefunden, kurz nachdem ich mich angemeldet hatte.
    Hätte ich länger dort “ausharren” müssen, wäre mir die Lust wohl schnell vergangen. Mir kommt es immer wie eine Viehschau vor. Die Kuh (oder der Stier) wird rausgeputzt, alle schauen und bewerten und vielleicht wird ja sogar ein Tier verkauft. Ist vielleicht etwas überspitzt, ich weiss…

  • Lia

    klar kann man sich online besser geben, als man ist – kann man aber in einer Bar auch. Nur, dass ich als ehrlicher Mensch auf einer Plattform gleich hinschreiben kann, was ich suche, und somit Männer, die eine leichte Beute suchen, gleich abgeschreckt werden. Zudem entfallen die alkoholgeschwängerten Anmachen. Zudem ist diese Art der Kontaktaufnahme gerade für Schüchterne ideal – man braucht nicht zuerst den Mut aufzubringen, die Zielperson anzusprechen. Habe so meinen Ex kennen gelernt und herausgefunden, dass wir uns schon lange vom Sehen kannten, aber eben keiner den Mut hatte, einen SChritt zu machen..

  • Lia

    aber das hat doch nichts mit Onlinedating zu tun. Man kann den Partner in einer Bar kennen lernen und dann weiter in einer Bar, am Arbeitsplatz etc nach etwas Besserem Ausschau halten. Ich persönlich habe in einer Bar noch NIE jemanden kennen gelernt, der an irgend etwas anderem als einer kurzen körperlichen Vereinigung interessiert gewesen wäre (was eben wirklich durch eine Erwähnung im Onlineprofil unterbunden werden kann), und auch der Bekanntenkreis war eher unergiebig. Ich habe auch noch nie jemanden getroffen, der sich offenkundig falsch/besser dargestellt hat. Wenn also der Autor dieses Buchs auf Plattformen und im realen Leben keinen Erfolg hat, sollte er sich selbst überdenken, nicht das Plattform-Angebot.

  • Angelo

    Wie Recht Du hast……..!

  • Angelo

    Gibt es das Buch auch in einer Deutschen Fassung???

  • Reto B.

    Viele Typen geben die offene und ehrliche Art auf, nachdem sie so geschätzte 20 Absagen am Stück erhalten haben. Sie flirten entweder generell nicht mehr mit Damen, die sie noch nicht kennen oder werden zum Macho, über den sich alle Damen beklagen.