Clack

Das Weihnachts-Blackout

Das Firmen-Weihnachtsessen beginnt immer in vorfreudiger Stimmung und endet für viele entweder mit Schwangerschaft oder in Arbeitslosigkeit. Das rituelle Ereignis soll Mitarbeiter und Chefs als Gemeinschaft zusammenbringen. Und oft kommen sie sich dabei viel näher als geplant.

Von Réda Philippe El Arbi

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Irene aus der Buchhaltung tanzt auf dem Tisch, den eh schon kurzen Rock mit beiden Händen gerafft. Manuel, der Abteilungsleiter, lallt und betatscht die Praktikantin. Evi und Thomas sind schon vor einer halben Stunde irgendwo verschwunden, während Stefan dem Chef endlich mal sagt, was in dem Betrieb alles scheisse läuft. «Einer muss es ihm doch mal klar und deutlich klarmachen», denkt er sich – und nimmt noch einen Schluck Grappa, um seine zwei Promille vollzumachen.

So hat wahrscheinlich die legendäre Weihnachtsfeier des Technikunternehmens 1999 ausgesehen, in dem ich damals arbeitete. Ich weiss es natürlich nicht, weil ich mich nicht mehr daran erinnern kann und weil es damals noch kein Facebook gab, wo man die vorherige Nacht minutiös dokumentiert wiederfinden konnte. Nun, die Stimmung in unserer Abteilung war noch bis weit in den Mai etwas durcheinander, die Praktikantin schmachtete den Abteilungsleiter an und Evi und Thomas konnten sich nicht in die Augen sehen. Und irgendwie behandelten mich alle etwas mitleidig. Keine Ahnung, was ich denen erzählt hab. Von Stefan haben wir nie mehr was gehört.

So war das damals, als ich noch Alkohol trank. Seither hab ich nie mehr wirklich aktiv an einem Weihnachtsessen teilgenommen. Entweder ich drücke mich ganz davor, oder aber ich schaue so gegen elf Uhr, wenn alle schon gut getankt haben, auf einen Kaffee vorbei und mache meine sozialen Studien. Nichts ist so aufschlussreich, wie wenn sich Teamspannungen und Angestautes mit Alkohol als Katalysator lösen. Und heutzutage kann ich das sogar von zuhause aus machen. Ich muss nur den Facebookprofilen und den Youtube-Kanälen der Auszubildenden folgen.

Ich bin ein Fan der Vermischung von Beruflichem und Privatem, ehrlich. Nur sollte das nicht in Gruppen Ende Jahr stattfinden. Nichts gegen einen Büroflirt, aber vielleicht nicht gerade inmitten von allen Kollegen. Natürlich wirken sich solche Exzesse positiv auf das Arbeitklima aus, weil alle ihre Fehltritte im Januar mit grossem Einsatz für die Firma wieder geradebiegen wollen.

Trotzdem, es gibt Besseres, als sich bei jedem Meeting im Januar zu fragen, ob man die Unterwäsche vor oder nach dem Tanz auf dem Tisch ausgezogen hat. Und bei welchem der Meetingteilnehmer das Wäschestück jetzt wohl die Trophäensammlung ergänzt. Legendär übrigens auch die Rede eines ehemaligen Chefs vor ein paar Jahren: «Was am Weihnachtsessen geschieht, bleibt beim Weihnachtsessen. Prost!» – das Video davon ist an jedem neuen Weihnachtsessen wieder ein Renner. Genau wie die Bilder unseres IT-Nerds, der wortwörtlich unter dem Tisch lag.

Also, halten Sie sich mit dem Alkohol zurück, oder verlassen sie den Anlass wenigstens vor zehn Uhr. Nehmen Sie sich in Acht vor Freizeitpaparazzi in ihrer Firma und warten Sie bis Januar, bevor Sie Ihren Schwarm aus der anderen Abteilung anbaggern.

Evi und Thomas haben übrigens im Juni 2000 geheiratet, anfangs September kam ihr Sohn zur Welt. Sie nannten ihn Klaus, nach seinem Schutzpatron.

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Kommentare

  • Reto B.

    Wer nicht saufen kann, solls an Firmenanlässen bleiben lassen.

  • Ylene

    Wunderbar geschrieben.
    An was ich mich noch so erinnern kann: Mein schwerst verliebter Chefchef, welcher plötzlich engumschlungen mit meiner glückseligen Teamkollegin am tanzen war. Wusste vorher keiner was davon. Gleichzeitig waren andere auf dem Klo mehr oder weniger gleichzeitig am koksen und bumsen, natürlich die Hälfte davon verheiratet und im Alltag recht spiessig-konservativ – aber der Chef war ja da zum ihrem Glück wie erwähnt anderweitig beschäftigt. Item, die beiden Turteltäubchen wohnen jetzt zusammen, er ist nicht mehr ihr Chefchef und beim wilden Resten galt die von Reda erwähnte goldene Regel ‘was am Weihnachtsesssen passiert…’. Weihnachtsanlässe zur Zeiten meines jetzt über-70 Vaters waren anscheinend noch wilder, aber das waren halt auch Beamten… wink

  • Ylene

    Ein weises Wort – trotzdem hoffe ich, dass es weiterhin fleissig ignoriert wird. Wer sorgt denn dann für die unfreiwillige Bespassung der weniger Betrunkenen? Nüchterne, länger dauernde Teamanlässe sind ja leider nicht zum aushalten, ich bin ja nicht freiwillig mit denen zusammen (und die auch nicht mit mir, so fair wollen wir sein).

  • Klaus

    An Weihnachtsfeiern die Praktikantin vögeln ist wohl nicht das dümmste. Dumm sind bloss die, die dabei Geschlechtskrankheit oder Schwangerschaft riskieren.

  • Irene

    Stefan in ihrer Geschichte ist mir äußerst sympatisch, er hat sicher heute den besseren Job…:)

  • Reto B.

    Hahaha, ich krieg mich nicht mehr ein. Da sitz ich also so da und denk mir, soll ich jetzt noch einen Punsch nehmen oder eher die Praktikantin… jaja die guten Ideen, nicht das dümmste???

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