Clack

Meine spirituelle Erleuchtung

Der Quotenmann greift immer wieder engstirnige religiöse Menschen und deren Moralvorstellungen an. Erstmals erzählt er von seinem eigenen Weg in die spirituelle Erleuchtung und dem Zen-Meister Roshi Kawasaki (oder wars Suzuki?).

Von Réda Philippe El Arbi

Twittern

Im Zusammenhang mit der rechtlichen Gleichstellung von homosexuellen Partnerschaften, dem Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper,  Polyamorie und vielen anderen Themen, die ich in dieser Kolumne aufgenommen habe, bin ich immer wieder mit religiösen Menschen und deren Moralvorstellungen aneinandergeraten. Dabei wurde mir oft die Frage gestellt, wie es denn um meine eigene spirituelle Geisteshaltung stehe. Nun habe ich mich entschlossen, in einer kleinen Fabel meinen Weg zum grossen Licht auch anderen Menschen zugänglich zu machen. Hier die Geschichte meiner Erleuchtung:

Als junger Mann wanderte ich durch die Welt und war betrübt. Ich sah so viel Leid, so viele Idioten und so viele Dinge, die unbedingt der Verbesserung bedurften, dass ich beinahe daran verzweifelte. Ich suchte nach Führung – in der Bibel, im Koran, in den verschiedensten mystischen Techniken (Gras, Alkohol, LSD, Opiate), aber es wollte sich kein Frieden mit der Welt einstellen. Schliesslich fand ich eines Tages, in der hintersten Ecke der Welt (ich glaube es war Oberembrach) den weisen Zen-Meister Roshi Kawasaki. Er nahm mich als Schüler an.

«Meister Kawasaki, ich bin traurig über die Welt und ich will helfen, aus ihr einen besseren Ort zu machen, was soll ich tun?»

«Kleiner Grashüpfer, setz dich neben mich und meditiere. Beim Zazen (Sitzen, Meditieren) wirst du die Lösung finden.»

Ich setzte mich neben ihn und meditierte. Von morgens bis abends, jeden Tag, lange Zeit. Aber der innere Frieden und die Erleuchtung zum Wohle der Welt wollten sich nicht einstellen.

«Meister Kawasaki, ich finde in mir nicht den Weg zu einer besseren Welt und inneren Frieden kann ich auch nicht erreichen.»

«Nun, kleiner Grashüpfer, das ist völlig egal. Solange du hier neben mir sitzt und schweigst, baust du keinen Scheiss, behandelst niemanden schlecht und richtest in der Welt keinen Schaden an. Du siehst, du hast die Welt bereits zu einem besseren Ort gemacht. Wenn dein Handeln wie dein Sitzen ist, ist die Welt ein besserer Ort. Du kannst mit Sitzen aufhören, wenn du in die Welt gehst und kein Arschloch bist. Das ist Zazen.»

«Aber Meister, wie unterscheide ich richtig und falsch?»

«Ganz einfach mein Schüler: Tausche die Seiten. Behandle andere so, wie du selbst respektiert werden willst.»

«Und was mache ich mit den Idioten?»

«Das Gleiche, was ich mit dir gemacht habe, kleiner Grashüpfer. Sage ihnen freundlich, dass sie Idioten sind und gib ihnen so die Chance zu lernen und die Welt zu einem besseren Ort zu machen.»

«Aber Meister, was ist mit Erleuchtung, Transzendenz, Wiedergeburt, Karma, Gott, Himmel, Hölle, Erlösung und dem ganzen Scheiss?»

«Das ist völlig egal, kleiner Grashüpfer. Wenn du einen Gott, Sicherheit nach dem Tod, ein Paradies oder eine Hölle, mehr Erleuchtung, einen Erlöser oder ein moralisches Dogma brauchst, um kein Arschloch zu sein, zeigt das nur, wie schwierig der einfache Weg ist. Der einfache Weg ist: Steh morgens auf, sei kein Arschloch. Arbeite durch den Tag, sei kein Arschloch. Geh abends zur Ruhe, sei kein Arschloch. Wenn du das an acht von zehn Tagen schaffst, ist das Zazen.»

Réda Philippe El Arbi ist Co-Chefredaktor bei clack.ch, Autor, Geschichtenerzähler, Stadt-Blogger bei Züritipp/newsnet.ch, Haustiersitter und Mann aus den üblichen Gründen. Er versucht, hier seine männliche Sicht der alltäglichen und der wichtigen Dinge zu vermitteln.

(Visited 141 times, 1 visits today)
Gesundheit


Kommentare

  • Irene

    Ahaahahhahhhhahahahhahahahaahahhaaaaaa…….oiiiiiiii herrrr el arbi, das war die beste guetenachtgeschichte seit 35 Jahren, vielen dank…..smile ich sag’s immer, ohne Humor wäre die Welt ein toter Planet…..

  • Oliver Burkardsmaier

    Réda, ich ziehe den Hut! einfach perfekt.

  • Diana

    genial auf den Punkt gebracht, die Quintessenz der Spiritualität: sei kein Arschloch grin Namaste!

  • Tomas

    Sie sollten auf ihren Meister mehr hören.
    Guter Text.

  • Natali

    Momol. Wirklich sauglatt dieser Artikel. Genau mit dieser Attitüde machen es sich Atheisten leicht. Gar zu leicht. Die Unterscheidung von Richtig und Falsch lässt sich keineswegs einfach mit dem Umkehrprinzip definieren.

    Was, wenn einer kein Problem mit Polygamie hat, seine Frau jedoch schon?
    Was, wenn einer, der gerne Schmerzen erfährt, auch anderen etwas antut?
    Usw.

    Unumstossbare Regeln und Definitionen braucht eine Gesellschaft, um funktionieren zu können. Besonders, weil nicht alle Menschen ein gleich grosses Mass an geistiger Kapazität haben. Gehorsam klingt zwar sehr „unsexy“, ist aber trotzdem eine der wertvollsten Tugenden überhaupt.

    Das mag zwar in gewissen Fällen dazu führen, dass manche ihren von der Norm stark abweichenden Lebensstil nicht so ausleben können, wie sie es gerne hätten. Ja, das kann sicher manchmal frustrierend sein. Aber hier ist ein kleiner Seitenhieb: Kein Individuum ist das Zentrum des Universums. Das Wohl der Gesellschaft bzw. Menschheit als Ganzes steht immer im Vordergrund. Und dieses geht auf gefährliche Weise unter, wenn jeder einfach tut und lässt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist…

  • Reda El Arbi

    Ja, da würde ich Ihnen vielleicht zustimmen.

    Wenn die von Ihnen erwähnten moralischen Imperative (Religion, etc) nicht für das Abschlachten, Hinrichten, die Massenmorde, den Missbrauch von Frauen und Kindern etc. verantwortlich wären. Neben Ausgrenzung von Homosexuellen, Geschiedenen, Andersgäubigen etc.

    Was Sie wirklich meinen, sind demokratische Prozesse zur Rechtfindung. Eines der Grundprinzipien dieser Prozesse sind gleiche Rechte.

    Nun, wir sind nicht alle gleich, noch sollten wir es sein. Aber wir sollten alle ohne Ansehen der Person, des Einkommens, der Herkunft, Rasse, Religion, des Geschlechts, der sexuellen Identität die gleichen Möglichkeiten innerhalb der Gesellschaft haben.

    Religion war nie ein Garant für Frieden oder Recht. Und nicht Religion soll die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bestimmen, sondern Demokratie:

    Sonst könnten wir uns ja auch an der Scharia orientieren. Was meinen Sie?

  • marie

    der kategorische imperativ in ehren, aber ich kenne durchaus arschlöcher, die ständig dieses grundlegende prinzip der ethik für sich beanspruchen, aber ggü anderen nicht praktizieren – nie! ich meine nicht sie reda, aber mein chef ist z.bsp. so ein elender opportunist, meditiert 2x am tag und einmal im monat trifft er sich mit seinen kumpels zwecks ethischen diskussionen und verfolgt damit definitiv andere intentionen – sehr trendig zur zeit; der arme kant, der arme buddha, die drehen sich wohl im grabe um und kotzen dabei noch den letzten staub aus sich raus wink
    aber ja, lasst uns genuin und authentisch versuchen, keine arschlöcher zu sein. klingt wie ein neujahrsvorsatz 😀

  • Reda El Arbi

    Der kategorische Imperativ “Sei kein Arschloch” ist meditations-, religions- und philosophiefrei. Die einzige Praxis, die’s braucht, ist, einmal am Tag neben sich zu stehen und sich zu fragen: “Wär ich mit diesem Typen befreundet, würde ich ihn mögen, wenn er so mit mir umgeht?”

  • marie

    also philosophiefrei ist diese maxime mmn definitiv nicht. er ist nicht als instinkt/trieb angeboren.
    […glauben sie mir, mein chef würe ihre frage inbrünstigst mit “Ja” beantworten. ich gehe nie mit ihm bier trinken. wink]

  • Reda El Arbi

    Ihr Chef dürfte dann der Sekte der Schmerzlerner angehören, die erst in einer schweren persönlichen Krise oder einige Sekunden vor dem Tod erschreckt feststellen, was sie für Idioten sind. Helfen Sie ihm. Sagen Sie ihm voller Migefühl: “Du bist ein Arschloch!” Irgendwann wird er es Ihnen danken. smile

  • adrian

    dito

  • marie

    …wenn ich ihm das so, auch mit charme den ich durchaus habe, mitteile, dann müssen sie mir einen job offerieren. wink

    oder sollte ich im lotto gewinnen, dann ganz klar, dann aber OHNE charme 😀

  • Hans Knecht

    Gemäss dem witzigen Artikel bin ich wohl Meister des Zazen. Und als solcher sage ich, dass Réda El Arbi einen höheren Meister braucht als Meister Kawasaki.
    smile

  • Eudaimonia

    Sehr gelungener Text. Einfach eine Freude zum Lesen! Übrigens auch toller Artikel im Tagesanzeiger smile!

  • paz

    OH!  paz likes it very much!

Lesen Sie auch: