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Das Salsa-Sexismus-Phänomen

Der Quotenmann fragt sich, warum für manche Frauen Sexismus, Machismo und Chauvinismus plötzlich attraktiv sind, wenn sie im Salsa-Takt daherwackeln oder in den Tango-Schritt greifen.

Von Réda Philippe El Arbi

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Von Sonntag bis Freitag 19.00 Uhr sind sie selbstbewusste Frauen, leisten ihren Beitrag im Beruf, sind politisch interessiert oder sogar aktiv, und lassen sich nicht wie Küken behandeln – im Gegenteil! Sie sagen klar an, was sie sind und was sie wollen. Machismo und Chauvinismus hat bei ihnen keine Chance, wird mit klaren Argumenten und mit Tricks aus dem Selbstverteidigungskurs weggefegt. Respekt!

Aber Freitag abends wechseln sie die Persönlichkeit wie Werwölfe bei Vollmond. Sie ziehen sich gürtelbreite Röckchen oder Kleidchen mit Seitenschlitz bis zur Achselhöhle über, schlüpfen in Prinzessinnenschühchen und machen sich auf den Weg in den lateinischen Tanzpalast. Egal ob, Salsa, Tango oder Lambada, Hauptsache exotisch, temperamentvoll und irgendwie lasziv. (Lesen Sie auch: «Wohin schauen Frauen bei einem Mann?»)

Plötzlich entdecken sie ihr Herz für eine Kultur, deren Frauenbild noch irgendwo im 18. Jahrhundert vor sich hindämmert. Sie lassen sich führen, dominieren und auf ihre Weiblichkeit reduzieren. Es stört sie nicht, dass ritualisierter Sexismus das Herz der Latino-Tanzszene ausmacht. Es ist, als ob sie die Mickey-Mouse-Sexualität in diesem klar umrissenen, vom Alltag abgegrenzten Setting eher ertragen, als echte, schmutzige Erotik.

Natürlich führt der eine oder andere Tanz dann auch mal zu einem horizontalen Lambada, wo frau nicht selten erfährt, dass der schöne Latino sich kaum um die weiblichen Bedürfnisse im Bett kümmert. Noch schwieriger wirds, wenn Mama Chica Ursula oder Elsbeth eine Beziehung mit einem ihrer Latino-Lover eingeht und herausfindet, dass der Angebetete sie nicht als vollständige Partnerin betrachtet, sondern, wie in der Macho-Kultur vorgesehen, als schönes Beiwerk. Ausserdem wird er wahrscheinlich seine beweglichen Latin-Hüften weiterhin mit anderen, grossäugigen Tanzpartnerinnen schütteln, auf dem Parkett und auf dem Laken. Und nein, das sind keine Vorurteile, sondern Beispiele, in meinem Bekanntenkreis oft belegt.

Sie denken, ich sei eifersüchtig? Ich hab mit meiner arabischen Herkunft selbst vom Exotenbonus profitiert, als ich es noch nötig hatte. Trotzdem verstehe ich nicht, wieso das Frauen ihren Grips und ihre Würde der Sehnsucht nach platter Romantik und unverhohlenem Sexismus opfern. (Lesen Sie auch: «Hauptsache, der Kerl zeigt Gefühle»)

Liebe Damen, holen Sie sich ihre Sexualität in den Alltag zurück. Lassen Sie lieber am Montag im Büro Ihre emotionale Rüstung fallen, als am Freitagabend ihr Selbstwertgefühl in ritualisiertem Sexismus zu baden. Romantik und Erotik finden im echten Leben statt, jeden Tag – und nicht auf dem Parkett in einstudiertem Rollenverhalten, das schon unsere BH-verbrennenden Mütter und Grossmütter als hirnrissig entlarvten.

Réda Philippe El Arbi ist Mitinhaber der Kommunikationsagentur SeinSchein, Autor, Geschichtenerzähler, Stadt-Blogger bei Züritipp/newsnet.ch, Haustiersitter und war kurze Zeit Herausgeber des Zürcher Satiremagazins «Hauptstadt».  Er schreibt, weil er nicht anders kann.

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Quotenmann


Kommentare

  • Nathalie Sassine-Hauptmann

    Machoide Männer sind für junge Mädchen vielleicht noch interessant, die meisten von ihnen haben sich irgendwann einen solchen angelacht. Auch frisch nach einer Trennung, um den Übergang zu einem richtigen Mann zu erleichtern, kann ein retrogerichtetes Muskelpaket eine Option sein. Aber keine vernünftige Frau wünscht sich wirklich einen Mann der daherkommt wie ein Salsatänzer und sich so benimmt. Sich einen Tanz lang führen zu lassen, ohne selber entscheiden zu müssen, ob der Tango nach rechts oder links führen soll, ist nachvollziehbar. Länger als einen Tanz lang, hält frau das aber kaum aus.

  • Katharina

    Rassistischer und sexistischer geht es wohl nicht mehr. Sie haben doch keine Ahnung von der Latino Kultur.  Nur weil in Ihrem Bekanntenkreis ein paar frustrierte Puritanerinnen sich die obligate Schwarzwurzel angeln wollen, weil die auf der Bucket List noch fehlt und es beim Aufenthalt in Jamaika nicht klappte, heisst das noch lange nichts. Sie sind dermassen assimiliert von ihrer Stadt, dass sie zürcherischer als eingeborenen Zürcher tun.

    Sie schreiben seichter als seicht und glauben tatsächlich die kleinkarierten Klischees die sie hier deponieren.

  • The Damned

    Dieselbe Frage habe ich mir schon in den wüsten Achzigern gestellt: Die wahre Macht der Frauen besteht nicht in ihrer Sexualität, sondern in ihrer Ambivalenz.

  • Redder

    Naja, wahre Macht über uns haben Andere, egal ob Männer oder Frauen, nur soviel, wie wir ihnen geben. Wer noch nicht verstanden hat, dass Autonomie lange vor der Emanzipation nötig ist, und nicht durch sie entsteht, wird immer die Schuld und die Verantwortung bei anderen suchen. Ach ja, die wahre Macht der Frauen liegt übrigens darin, dass wir sie wollen. smile

  • Réda Philippe El Arbi

    @Nathalie: DIe Beispiele, die ich kenne, sind alle über dreissig. Und geh doch mal ins Bohemia, wenn Salsa-Abend ist.

    @Katharina: Rassistisch sind wohl einzig Sie, die grad alle Jamaikaner al s Schwarzwurzel beleidigt hat. Und ich les in ihrem Komment zwar jede Menge Verletzung, aber weder ein Beispiel noch ein Argument. Tanzen Sie Salsa?

  • mira

    Herr El Arbi, Sie haben einen erfrischenden Blick auf uns Frauen, ich muss immer wieder schmunzeln. Bis 30 hab ich auch exotischen Männern angehangen. Ich habs immer als Kampf gesehen, ich wollte keine Langeweile. Heute hab ich für sowas keinen Nerv mehr…

  • Ali

    “Die wahre Macht der Frauen besteht nicht in ihrer Sexualität, sondern in ihrer Ambivalenz.” Besser könnte man es nicht formulieren. Schwanitz (“Männer”) hat geschrieben, Frauen seien autorerotisch, m.a.W. das schafft jeden Mann, die spielen am Salsa- oder Tango-Abend einfach etwas mit den Männern, wie die Katze mit den Mäusen, bevor sie zuschlägt und sie frisst.  😀

  • Elke

    Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, dass Frauen aus reiner Freude am Tanzen
    Salsa oder andere Tänze praktizieren? Der Mann dabei nur notwendiges Beiwerk ist? Mit
    ihm ins Bett zu gehen fällt ihr sicher nur ausnahmsweise ein. eine erfahrene Oma

  • Réda Philippe El Arbi

    @Elke: Naja, “Tanzen” ist seit der Beginn der menschlichen Kultur entweder kultischer/religiöser Ausdruck oder erotische Partnerwahl. Was denken Sie, zu welcher kategorie gehört Salsa? Wie Poledance zu den kultisch/religiösen Riten? smile

  • Andrea

    Eine starke Frau sucht einen ebenfalls starken Mann. Ob dieser in der Latinoszene zu finden ist, ist eine andere Frage. Am liebsten hätten die meisten Frauen sowieso die perfekte Mischung zwischen schweizer Stabilität und Latino-Leidenschaft. Ich denke auch nicht, dass alle von Ihnen beschriebenen Frauen naiv “Beziehungen” mit Latinos eingegangen sind.
    Lateinamerikanische Tänze bringen viel Lebensfreude! Das müssen Sie unbedingt einmal ausprobieren. Es gibt nämlich nicht nur Latinomänner, die tanzen können.

  • Daniel

    Gleiches Phänomen auch bei Capoeira. Ich kann den Artikel nur von A-Z bestätigen inklusive der vielen naiverweise enttäuschten Frauen im Bekanntenkreis.

  • martial

    ich finde ihren artikel eine sehr plakativ-provokative und einseitige sicht der dinge.  als wären die frauen in den tanztempeln der stadt wie wehrlose opfer den verführungen der macho-männer ausgeliefert. mir scheint als hätten sie eine art angst vor der weiblichen sexualität, die durchaus von den frauen gewünscht ist und keineswegs billig sein muss.
    dass sie dies in ihrem weiblichen umfeld (als mann) anders erfahren haben und dies undifferenziert niederschreiben find ich bedenklich.

  • marie

    arg tango ist eben NICHT sexistisch.

  • Sarah

    Gut analysiert Reda, ist mir auch schon oft aufgefallen wie traditionell rollentypisch sich Frauen in Tanzkursen und deren Anwendung selbst erniedrigen und auf systematisch beliebig bewegbare Sexobjekte selbst reduzieren.

  • fredi b.

    Réda, Sie haben keine Ahnung von Salsa, nicht?
    Man merkts.
    Beim Salsa tanzen blühen Frauen regelrecht auf. Männer auch, aber die sind gleichzeitig mächtig gefordert. Erstens tuts den steifhüftigen und grobmotorigen Westeuropäer (zu denen ich Sie hier auch zähle) nicht schlecht, wenn sie mal mit ihrem Körper arbeiten. Wer tanzen kann, ist besser im Bett. Für Männer ist das ganze anfänglich meist ein rechter Krampf, weil sie in unserem Bildungssystem und unserer Kindheit eingebläut bekommen, sich ihres Körpers zu schämen und sich besser wie Mädchen zu benehmen.
    Zweitens gehts bei den Latino-Tänzen schlicht darum, die Frau gut aussehen zu lassen. Der Mann führt, und stellt die Frau ins beste Licht. Welche Frau macht da nicht gerne mit. Welcher Mann kann das bieten?
    Und drittens, und das ist meine persönliche Meinung als emanzipierter Mann, tanzen emanzipierte selbstbewusste Frauen besser als irgendwelche Huschelis. Die emanzipierte Frau weiss was sie ist, sie kann die Reize ihres Körpers zeigen, weil sie weiss, das sie mehr ist als bloss ihr Äusseres.
    Tja, aber das wichtigste: Tanzen macht einfach Spass. Das ist wie beim Sex: Man kann alles verpolitisieren und ver-gendern. Wenn Sie wollen, machen Sie das. Dafür müssen Sie halt einmal mehr zum Psychiater. Alle anderen probieren das Tanzen….

  • fredi b.

    Sarah, Tanzen mag rollentypisch sein. Ein Mann und eine Frau tanzen zusammen. Ganz natürlich (ausser das rumzappeln alleine in der Disco heutzutage, das findet ‘gender-korrekt’ und ‘fortschrittlich’ alleine statt. schöne neue Welt).
    Wie denken Sie denn über Sex? Ist ja gleich wie beim Tanzen: Sex könnte nicht mehr rollentypisch sein. Es wird immer rollentypisch bleiben. Ein Mann, eine Frau. Und nun. Kein Sex mehr haben? Oder trotz Emanzipation und Feminismusblabla irgendwie damit umgehen können und Freude und geteilten Spass daran haben? Die Antwort der Alice Scharzer ist übrigens einfach: Lesbisch werden und das eigene Geschlecht lieben.

  • Sybil Leupp-Herzig

    Einen Machista braucht man nicht. Weder im Alltag noch im Bett. Aber einen Macho, was auf Spanisch schlicht männlich heisst, ist ja an und für sich nichts Schlechtes. Was dann männlich zu sein hat, da scheiden sich die Geister. Im Süden darf ein Mann auch weinen, ohne dass er schief angeschaut wird. Gefühle zeigen gehört zum Menschsein dazu. Im Übrigen empfinde ich die Frauen in Spanien beispielsweise als viel empanzipierter als hierzulande. Und dieses Land gilt ja als Beispiel für die Machokultur. Und zwar unter der Woche so wie auch am Wochenende.

  • Paul

    Wetten, dass der Autor einfach nicht Salsa, Tango oder Lambada tanzen kann? Oder dass er behaupten würde, richtige Schweizer können das eh nicht tanzen? Hier offenbaren sich die Vorurteile von engstirnigen Bünzlischweizern mit nem Stock im Hintern.

  • Mariam

    Wahrscheinlich haben bloss die gendermässig verunsicherten und feminisierten Männer ein Problem mit Salsa. Sowas kann einem echt nur in der Schweiz passieren, dass man von irgendwelchen Männern angemacht wird, dass Tanzen schwul oder macho oder frauenfeindlich sei. I mean, get a life, Réda.

  • Rodscher

    Frauen in Tanzkursen erniedrigen sich? Im Ernst? Gibts jetzt Tanzkursverbot von EMMA?

  • Corinne

    Ich liebe Latin-Tänze. Und ich bezeichne mit als emanzipierte Frau. Wieso muss man bloss aus jeder gefreuten Sache eine feministische Schlammschlacht machen?

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