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Das Mütter-Paradox

Kaum ist der «war on women» nicht mehr medienwirksam, kommt schon der nächste Krieg: «The mommy wars» ist in den Staaten deklariert.

Von Nathalie Sassine-Hauptmann

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Die Vorgeschichte hierzu ist natürlich am selben Ort zu suchen, wie alle anderen Stories, welche die US-Medien zur Zeit beschäftigen: In den Präsidentschaftswahlen.

So erklärte die Frau des republikanischen Kandidaten, Ann Romney, der «war on women» – also Themen wie Abtreibung und Verhütung – interessiere die Amerikanerinnen überhaupt nicht, sie würden sich viel mehr um die Wirtschaft und die andauernde Krise sorgen. Worauf Hilary Rosen, demokratische Poltstrategin, erwiderte, Romney’s Frau wisse ja gar nicht, wovon sie spreche, schliesslich habe sie «keinen Tag in ihrem Leben gearbeitet». Der Fuss sass tief im Fettnapf.

In der Tat wäre Ann Romney die allererste First Lady, die noch nie Geld verdient hat. Und da liegt eben genau der Unterschied. Mütterblogs und Kommentatoren liefern sich zur Zeit eine Schlacht sondergleichen, denn was heisst bitteschön «arbeiten»? Es stimmt, dass Mrs Romney noch nie erwerbstätig war, doch mit fünf Kindern kann man doch kaum davon sprechen, sie wisse nicht, was arbeiten heisse, nicht wahr?

Die «Mommy wars» sind in Amerika nichts Neues, der Krieg zwischen «Working» und «Stay-at-home» Müttern ist schon lange im Gange, nur in der Wahlpolitik hatte er bis jetzt noch nicht Einzug gehalten. Jetzt entflammt dafür eine umso heftigere Debatte, denn es geht bei der Frage, ob Mütter arbeiten sollen/dürfen nicht nur um moralische Grundsätze.

Ähnlich wie in der Schweiz existiert in Amerika folgendes Paradox: Nur eine Mutter, die zu hause bei den Kindern bleibt, ist eine gute Mutter. Aber gesellschaftlich gesehen ist sie eben «nur» eine Mutter. Und die hat halt keine Ahnung. Mütter können’s niemanden Recht machen. Doch müssen sie das überhaupt?

«Es geht nicht um Arbeit, sondern um Wohlstand»
Im Falle der Romneys kann man ausserdem kaum von einer klassischen «Stay-at-home» Mama sprechen, wenn man bedenkt, dass das Kandidatenehepaar nicht einfach nur reich, sondern –entschuldigen Sie die Vehemenz – stinkreich ist. Denn die Tatsache, dass die kleinen Romneys von einer Schar Personal mitbetreut wurden, lässt keine amerikanische Mutter kalt, welche Schicht arbeitet, sich täglich fragt, ob sie sich das Eis für ihren Spross leisten und ihre Hypothek vielleicht bald nicht mehr bezahlen kann. Die anstehenden Probleme sind kaum zu vergleichen mit Müttern aus manikürten Vororten, deren einzige Sorge es ist, ihre Kinder pünktlich in die Geigen- und Ballettstunde abzuliefern. Falls sie überhapt selber fahren. So sagt dann auch Adrianna Velez im The Stir: «In den Mommy Wars geht es nicht um Arbeit, sondern um Wohlstand».

Überhaupt werden, nachdem sich sämtliche Kommentatoren in einer ersten Phase auf die demokratische Hilary Rosen und ihr Fettnäpfchen einschossen, vermehrt Stimmen laut, die das ganze hinterfragen. Nicht im Sinne von «was ist besser, arbeiten oder nicht?», sondern vielmehr so, wie es beispielsweise Lindsay Cross auf The Grindstone formuliert: «Wenn wir Stay-at-home-Mütter so sehr schätzen, wieso haben wir dann keine Mutterschaftsversicherung?» Denn die USA kennt (wie die Schweiz noch bis 2004 übrigens auch) keinen gesetzlich geregelten Mutterschaftsurlaub. Viele Amerikaner (auch –innen) argumentieren damit, dass Mutterschaft und Hausfrauendasein eine Wahl darstellen und dass der Staat dafür nicht aufzukommen hat. Das kommt uns doch bekannt vor, nicht?

Worum es bei den Mommy Wars nun genau geht, wird womöglich keine grosse Rolle in den anstehenden Wahlen spielen. Ob sich indes amerikanische Mütter wirklich mit Ann Romney identifizieren können, bleibt fraglich. Vor allem, da ihr Jüngster als letzter von fünf Kindern bereits 1999 von zu hause ausgezogen ist. Da stellt sich nun mal die Frage, wie Mrs Romneys «Arbeit» in den letzten 13 Jahren ausgesehen hat und wieso sie glaubt, über die kriselnde Wirtschaft in ihrem Land referieren zu können.

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