Clack

Das Mittelalter schlägt zurück

Sie gelten als Rock-Omas, Facelift-Opfer oder sehen im besten Fall ganz okay aus für ihr Alter: Frauen jenseits der Vierzig, die sich nicht unsichtbar machen, werden zur Strafe vermessen, gewogen und fertig gemacht. Jetzt schlägt eine zurück.

Von Nicole Althaus

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Es war einmal mehr Madonna, die eine kulturelle Befindlichkeit sichtbar machte. Diesmal mit ihrem neuen Album, das die Kolumnistin Lucy Kellaway von der  Financial Times veranlasste, dem Popstar den Titel «eine der gefürchigsten Überfünfzigjährigen der Welt» zu verleihen und zu analysieren, warum selbst Frauen Angst vor dem weiblichen Erfolg haben. Andere gingen mit ihren Gefühlen gegenüber dem Material Girl im Mittelalter weniger zimperlich um: Rock-Oma wird Madonna seit längerem betitelt, man (ja, weibliche Autorinnen sind mitgemeint) legt der Dame anlässlich der Rezension von MDNA ans Herz, sich doch nun endlich auf das würdevolle Altern zu besinnen. Sprich: Kein Latex, kein Sex – zumindest nicht zur Show gestellte Sexyness.

Dass Madonna nur tut, was ihre weitaus älteren männlichen Bühnenkollegen auch tun: nämlich Geld verdienen, das wird gern übersehen. Und wenn  öffentlich, sagen wir von einer Sybille Berg, darauf aufmerksam gemacht wird, dass ein Mick Jagger etwa sich im Scheinwerferlicht unkommentiert sonnen darf bis weit ins Rentenalter hinein, dann nickt man (ja, weibliche Leserinnen sind mitgemeint) kurz nachdenklich mit und vergisst dann. Bis zum nächsten Mal.

Das nächste Mal gehörte in diesem Fall Ashley Judd. Der Hollywoodstar, der in der  neuen ABC Serie «Missing» mitspielt, münzte die Befindlichkeit in eine Diskussion um: Als sie für die TV-Serie in einer kanadischen Talkshow Werbung machte und das offensichtlich mit einem etwas runderen Gesicht als es der öffentliche Geschmack erlaubt, spekulierte die Presse über eine allfällige Schönheits-OP nannte sie fett und unnatürlich.

Get out of my face!

Statt sich sofort in einer Fettfarm anzumelden, einen Personal Trainer zu engagieren oder durch übermässigen Alkohol- oder Drogenkonsum von ihrem Alter, ihren Massen und den drei Zentimetern zuviel Fleisch an den Wangen abzulenken, wie das andere Stars jeweils tun, schlug Miss Judd zurück. In einer Kolumne auf dem Blog «The Daily Beast» erörterte sie messerscharf und eloquent, was die mediale Reduzierung mittelalterlicher Frauen auf  eine Zentimeter-, Kilogramm- und Altersgrösse ist: Purer Sexismus.

«Ihr wollt über mein Gesicht sprechen? Dann will auch ich das Wort ergreifen. Denn diese Konversation ist eine feministische. Sie war von Beginn weg frauenfeindlich und sexistisch. Alle Frauen und Mädchen leiden heute unter dem Attraktivitätsgebot und dem Druck, mit zunehmendem Alter degradiert zu werden. Dass Frauen an der anhaltenden Demontage meines Erscheinungsbilds teilnehmen, ist bezeichnend. Patriarchat – das sind nicht die Männer. Patriarchat – das ist ein System, an dem sowohl Frauen als auch Männer teilhaben. »

Die Orfeige sass. Und kein Medium konnte so tun, als ob sie nicht getroffen hätte. US-Fernsehsender reservierten ihre Talkshows dem Thema, Zeitungen ihre Kommentarspalten, Blogs und Twitter vervielfältigten die Message in Windeseile. Tatsächlich gelang es Ashely Judd damit eine bösartige und niveaulose Lästerattacke über ihr Erscheinungsbild in eine gesellschaftliche und niveauvolle Diskussion umzumünzen.

 Opfer- und Täterrolle

Man (und Frauen besonders)  muss ihr dafür gratulieren: Denn vielleicht vermag sie  sogar ein  jahrzehntealtes feministisches Anliegen ausserhalb der Universitäten zu lancieren. Das wäre dringend notwendig. Die gesellschaftliche Obsession mit dem weiblichen Körper war noch nie so stark wie heute. Und die Ausbeutung seiner sexuellen Markiertheit macht nicht einmal mehr vor dem Schutzalter halt. In der Werbung werden schon achtjährige Mädchen zu Lolitas getrimmt. Ashely Judd hat vollkommen recht: Die Frauen nehmen in dieser Diskussion die Opfer- und Täterrolle gleichzeitig ein. Mütter schicken Ihre Kinder in Castingshows, in der Jugendliche zur Abendunterhaltung blossgestellt werden. Frauen saugen ab und spritzen auf, was der Geldbeutel hergibt, stellen sich im Mieder auf die Strasse und zerfleischen sich vor dem eigenen Spiegelbild. (Bei letzterem ist die Autorin mitgemeint.) Das hat wohl damit zu tun, dass wir Frauen nicht anders als  die Männer, die Hausaufgaben, die uns die Emanzipation aufgegeben hat, noch nicht gemacht haben.

Und weil er dafür der beste Beweis ist, hier ein weiterer Quote von Ashley Judd:

«Wenn ich 2012 nicht mehr so aussehe wie 1998, als ich Double Jeopardy gedreht habe, dann ist das noch lange kein Beweis für eine Schönheitsoperation. Wenn ich zwischenzeitlich ein paar Kilos mehr wiege, Kleidergrösse 38 trage und keine 34 mehr, wenn man die Kilos auch in meinem Gesicht sieht oder an meinen Armen, dann bin ich deswegen noch lange kein Schwein, welches – Zitat – besser aufpasst, dass der Ehemann nicht wegläuft. Es könnte nämlich durchaus sein, dass ich lediglich nicht mehr exakt so aussehe wie damals, als ich noch jünger war.»

Feminismus Plastische Chirurgie Schönheit


Kommentare

  • Katharina

    Danke!

  • Rita Angelone

    Als wärs Telepathie, liebe Nicole… Danke!
    Sogar ich, die kein Schwein kennt, werde gefragt, ob ich mein Alter vertusche…
    http://www.dieangelones.ch/2012/04/forever-young/

  • Nicole

    Super! Ja, wir Frauen sind die grössten Opfer – aber auch die grössten Täter. Das finde ich in vielen “Frauenthemen” ein sehr wichtiger Aspekt!

  • Frau Rohner

    ha! Genau so ist es! Danke!
    Und ehrlich gesagt bin ich FROH darüber, dass ich nicht mehr so aussehe wie ein Jahr davor. Ich bin um jeden Tag, den ich durchlebt und jede Nacht, die ich durchwacht durchgemacht hab älter. Und das ist auch gut so. Das Gegenteil wäre dramatisch! Jede Falte in meinem Gesicht schreiben die Geschichte meiner Jährchen. Ja, es kommen wohl noch einige mehr auf mich zu. Hoffentlich!
    Auch meine grauen Haarnester gehören dazu. Sie sind grauweissgewachsen, vielleicht, als ein von den beiden Kindern mit spastischer Bronchitis die Nacht zum Tag machte? Oder als die KK-Prämie ungehörig in die Höhe schnellte? Jänu, that’s life!
    Wollen wir uns dagegen wehren, dass wir altern? Und nein, keine altert schneller als die andere.. keine Angst! Jedes alter braucht ein Jahr um älter zu werden. Bei jedem. Bei jeder.

  • Ferdinand

    Nicht dass ich den heutigen Extremkörperkult nur gutheissen würde, aber es sollte dennoch bedacht werden, dass “Frauen über vierzig wegen ihres Äussern” nur deswegen “diskriminiert” werden, weil sie vorher des Äussern wegens “privilegiert” wurden. “Ein früheres Nehmen und dafür späteres Geben” könnte man versucht sein zu sagen..

  • Albert Baer

    Madonna mag als Geschäftsfrau ein weibliches Vorbild sein. Wenn sie sich aber als 50-jährige Frau in den aktuellen Songs immer noch als “Girl” bezeichnet, sich im Video mit sexy Schulmädchen und Cheerleaders umgibt, dann unterfüttert sie nur die Haltung, das es für Frauen immer noch am wichtigsten ist, jung und sexy zu sein.

  • Werni

    Auch Frauen über 40ig und sogar über 50ig sehen gut aus. Allerdings müssen sie dafür etwas tun. Nicht unbedingt unters Chirurgenmesser. Aber sie müssen sich pflegen und fit bleiben. Trägt Frau die weibliche Midlifecrisis zur Schau indem sie nicht mehr auf ihre Fitness achtet, sackartige Kleider trägt, eine ungepflegte Komplexfrisur oder den “pflegeleichten” Männerhaarschnitt trägt, natürlich jede Form von erotischen und sexy Keidern ablehnt und lieber durchgelatschte Damenhalbschuhe anstatt Feminime Heels trägt, ja dann ist das unsichtbar- und abgelehnt werden nur die natürliche Folge. Dabei spielt es keine Rolle ob sie gleichberechtigt Erfolg hat oder nicht. Bei einem frustriert, abgefaktes Äusseres lädt immer noch nicht dazu ein, die inneren Werte zu entdecken.

  • Fritzi

    komisch, mir sagt man mit 43, dass ich zu jung und zu klein sei. Vor allem Frauen, werten mich so ab. Komisch, viele Männer sagen aber, sie fänden mich hübsch. Aber ein paar sagen ich sei ein Häufchen.

    Tja, meine Damen und Herren, man ist nie recht wie man ist. Deshalb habe ich mich entschieden, mich nicht mehr nach der Meinung der anderen zu richten: Gott hat mich so erschaffen wie ich bin. ICh bin als Teil seiner Schöpfung ein wertvoller Mensch,, nicht mehr, nicht weniger, wie Du. Das das eigentlich für alle gilt und wir Unterschiede als etwas Gutes betrachten sollten, scheint im heutigen Zeitalter immer mehr vergessen zu gehen. Die Castingshows machen es uns vor: du bist nur aufgenommen, wenn du toll aussiehst und toll auftrittst. Leute, es gibt aber graue Mäuse, die können sehr gute und wichtige Leistungen in der Gesellsschaft erbringen. Die Leute arbeiten oft im Verborgenen. ICh denke an Altenpflegerinnen: was wären wir ohne sie, da doch die alten und schwachen Menschen immer mehr in Altersheime abgeschoben werden….ein Lob an die, die sich altruistisch für andere Menschen einsetzen. Die meisten der Helferinnen in einem Altersheim sind Frauen. Auch ältere Frauen. Was wären wir also ohne sie?! Sie sind wichtig für uns und es braucht mehr Wertschätzung für ältere Frauen und auch für junge Frauen. Schade, dass oftmals Frauen auf anderen Frauen vor Neid rumhacken. Frauen sollten zusammenhalten, wenn wir uns gegenseitig auch noch angreifen, das macht uns schwach vor den Männern

  • Jorge

    Gottes Schöpfung und Kampfparolen gegen Männer?

    Ouw ja!

    Wie kann man sich als wertvoller Teil der Schöpfung sehen, wenn eben diese ach so tolle Schöpfung für die Zerstörung der ach so tollen Schöpfung verantwortlich ist? Sie nicht? Natürlich nicht… ein Geschenk Gottes… Erschaffen aus einer übrig gebliebenen Rippe Adams… Dankbarkeit, schon mal gehört?

    Wertschätzung für alte Frauen? Warum keine Wertschätzung für alte Männer? Genau, alles Lustmolche! Und vor allem, keine Altruisten! Verlangen die doch tatsächlich Geld für ihre Arbeit – welche sie dann ihrer Exfrau als Alimente hinterherwerfen können. Ausserdem geht Missbrauch in Pflegeanstalten ausschliesslich von Männern aus! AUS-SCHLIESS-LICH!

    Achja, kennen sie den Materialwert eines gottgeschaffenen Menschen?
    3 Franken 25 Rappen … gerundet…

    PS: nicht gottgeschaffene Menschen haben übrigens einen leicht höheren Materialwert, weil da noch Impfungen inbegriffen sind.
    PPS: Sind Sie Altenpflegerin, Jahrgang unter 1965, hassen Männer, weil diese Sie nicht mehr begehren, wie anno 1985, denken, dass Gott Menschen lieber mag, die andere Menschen aufgrund ihres Geschlechts als Feinde sehen, dann… ja dann… sind sie eine schreckliche Person…
    PPPS: wenn ich das alles nur wie so oft hineininterpretiere: Willkommen im Internet!

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