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Das Märchen von der grossen Schlacht

Heute abend gehen die ersten Talente in den Nahkampf. In den Battles werden sie sich wie in der alten Hip Hop Manier gesanglich ins Knock out trällern. Die Drehstühle der vier Coachs haben ausgedreht und mit ihnen wohl auch die immer gleichen Statements. Valerie schaut Voice!

Von Clack-Team

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Die Familien sind gebildet, die Rollen verteilt. Erfolgshecht Stress hat die scharfen Miezen, Grossonkel Fankhauser nimmt die zarteren Saiten unter seine Fittiche, um ihnen den Hausfrauenblues beizubringen, Steffi kümmert sich um ihre Klone, und Marc mag es harmonisch, als Ausgleich zu seinem etwas dysfunktionalen Sprachfehler, den er sich zum Markenzeichen zugelegt hat.

Das Märchen vom grossen Traum einer Sängerkarriere zieht zu meinem Erstaunen nur gelangweilte Langzeitpaare oder Spätadoleszente. Der scharfzüngige Autor und Unternehmer H. entschuldigte vergangenen Samstag sein verspätetes Erscheinen zu einem runden Geburtstag damit, er hätte noch mit seiner Familie The Voice schauen müssen. Der belesene und nachdenkliche Filmemacher S. klebte Salven von Begeisterungsvoten ins soziale Netzwerk, als die Tessiner Werberin Charlie mit Mütze und Skateboard ihre Einzigartigkeit mit einem Björksong untermalte.

Was ist los im Lande Helvetias? Ist hier eine kollektive Verschwörung des seichten Pathos im Gange, ohne meines Wissens? Oder warum fesseln die Träume und Versagerängste von Charlie, June oder Cabry Bildungsbürger? Meiner besten Freundin A. steigen nur schon Tränen der Rührung in die Augen, wenn sie von The Voice spricht, fasst sich aber alsbald mit der nachdenklichen Frage: «Gell, das Ganze ist ein Fake?» Ich antworte meiner besten Freundin A., es käme drauf an, wo man die Grenze zwischen authentisch und Show ziehe. Was es bei dir auslöst ist sehr echt oder? Und die gesungenen Lieder, der Angstschweiss, die zitternden Hände im Vorfeld sind es auch. All diese Träume und Hoffnungen sind ebenso echt wie die Enttäuschung, die den gescheiterten Talenten ins Gesicht geschrieben steht, wenn sich kein Wächterstuhl am Eingang des Abenteuerlands nach ihnen umdrehte. Und sie dem Ruf des Abenteuers nicht folgen dürfen. The Voice ist etwa so echt wie die Märchen der Gebrüder Grimm. Und die sind ja total angesagt. Gab es doch unlängst nicht weniger als drei Kinofilme über diese legendären Storyteller.

«The Voice of Switzerland» hat mit der Märchenwelt mehr zu tun als mit den Samstagabendkisten, die wir noch aus Kindsbeinzeiten kennen. Und genau so universell wie die Grimmschen Märchenwelt ist diese Franchise Show. Trudi Gerster für Erwachsene. Märchen wollen ja den Kindern Lebensweisheiten auf den Weg geben. Und das spüren sie, und hören deshalb so gebannt zu. Genauso gebannt sassen nun meine Freunde des Bildungsbürgertums vor dem Fernseher, als die Blind Auditions ihnen in unzähligen Variationen erzählten: «Es war einmal ein Königssohn, eine Prinzessin oder ein tapferes Schneiderlein» beginnt. Sie alle, Schneewittchen, König Drosselbart mussten auf ihrem Weg ins Königreich des «Böözers» durch einen tiefen dunklen Wald (also Korridor zwischen Backstage und Bühne in Zeitlupe).Um in dieses Reich zu gelangen müssen sie Prüfungen bestehen, um danach als gereifter Mensch in ihre Heimat zurückzukehren. Und dort leben sie glücklich bis zum Ende ihrer Tage.

Märchen sind die phantasievollere und intuitivere Form von Lebenshilfeliteratur. Nur, dass die Erwachsenen meist den Zugang zur mystischen symbolhaften Märchenwelt verloren haben. Hexen, Feen und Riesen sind uns schnuppe, Promis und Türöffner für die eigene Karriere hingegen weniger. Das Setting des Showbusiness‘ ist doch die perfekte Märchenkulisse für uns. Der Korridor ein lupenreiner Märchenwald, die Bühne ein der verwunschene Garten, die Lichtung oder ein Haus oder Schloss, wo der Märchenheld oder die Heldin einer fatalen Verführung erliegt und schliesslich den Schlüssel zum Glück findet. Schneewittchen beisst in den verführerischen Giftapfel, Hänsel und Gretel werden von der bösen Hexe ins Lebkuchenhaus gelockt. Und Drosselbart gerät an die hochmütige Prinzessin. Und wozu all das? Damit sie alle über sich hinauswachsen und reifen. Aus hässlichen Entlein werden Schwäne, aus vernachlässgten Töchtern oder ungeliebte Prinzessinnen.

Je grösser der Einsatz einer Märchenfigur ist, umso mehr leiden wir mit ihr mit. Die Albanerin Enrika Derza, war dort im Final der Voice of Albania, und erhofft sich nun in der Schweiz einen Plattenvertrag. Sie würde sogar ihre Heimat dafür verlassen und in die Schweiz ziehen. Oder Freschta Akbarzada, deren Eltern aus Afghanistan in die Schweiz immigrierten und der Vater Tränen in den Augen hatte, als seine Tochter sich mit Amy Winehouse Stress eroberte. Ein Vater heult, weil seine Tochter eine kleine Chance auf ein Leben im Rampenlicht hat. Und endlich jene Anerkennung erhält, die ihr gebührt? Enrika und Freschta. Es gibt aber auch die Hänsels und Gretels, die sich im dunkeln gefährlichen Wald verirrten, und sich von bunten Lebkuchenhäuern verführen liessen. Wir erinnern uns an die Selfie-Queen Diana Speranza, die sich einen dermassen schwierigen Soul Song auswählte, und sich in ihm in alle Himmelsrichtungen verlor. Mein liebstes Aschenbrödel ist Michelle Imhof die sogar selber sang „I am a Creep“ und dabei fast scheiterte, weil sie aus Angst nicht zu genügen, achterbahnmässige Phrasierungen einbaute. Der ungeschliffene Diamant wurde aber erkannt und steigt nun für Soul Familienvater Sway in den Ring.

Auch tapfere Schneiderlein gab es zu Hauf in den Blind Auditions. Sie kommen dank einer List und viel Selbstvertrauen zum Ziel. Das Schneiderlein, das sieben Fliegen tot schlägt und sich in den Ledergürtel ritzt: „Sieben auf einen Schlag“, beeindruckt Riesen und Könige. Ein solches Schneiderlein ist Béatrice Verzier, die Zuschauer und Juroren um den Finger wickelte. Den Kontrabass spielt sie zwar mässig, aber das grosse Instrument in Kombination mit der italienischen Adelsherkunft und ihre Prahlerei, sie hätte mit Phil Collins und Youssou n‘ Dour gesungen, reichte, um ein Full House zu schaffen. Hochstapelei zahlt sich manchmal aus. Es sei uns eine Lehre.

Und wie in den Märchen funktioniert auch bei the Voice die magische Zahl drei hervorragend. Oder war es etwa Zufall, dass ausgerechnet die Portugiesin Carla Quartas als allerletzte von drei Anwärtern einen Platz im Team Stefanie ergatterte? Und dann auch noch mit dem Song Mommy von Zelah Sue, in der sie sich bei ihrer Mutter bedankt im Moment des Erfolgs, im Augenblick, wo sämtliche Scheinwerfer auf sie gerichtet sind, und sie aus dem Schatten schreitet, wie Aschenbrödel auf dem Weg zum Traualtar. Und das ist es, was meine Freundin A., Autor H. und Regisseur S. fesselt. Das Märchen der Selbstentfaltung. Besseres Handwerk als jeder Schweizer Fernsehfilm. Mit weit höherem Identifikationsgrad. Genauso wie die Grimmsche Märchenwelt für unsere Kleinen, sehen wir doch in uns auch eine Carla Quartas, einen oder eine Michelle Imhof. Sind wir gespannt auf die heutigen Duelle. Prinzen, Stiefkinder und Schneiderlein, ab in den Ring und singt euch tapfer in die nächste Runde. Allen, denen ich jetzt eine Illusion geraubt habe, Reality TV sei real, wacht auf und träumt weiter.

Valerie Thurner (38) ist freie Journalistin und Bloggerin sowie Kuratorin der Kurzfilmtage Winterthur. Sie arbeitete unter anderem in Buenos Aires, fürs Schweizer Fernsehen und ist auf der Onlineplattform Westnetz.ch aktiv. Neu schreibt sie für Clack.ch.

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Kommentare

  • Mimi Panda

    Schön, dass es dir auch so gut gefällt, wenn nicht sogar besser, wie deiner Freundin A.! Ob man glaubt, dass das echt ist oder nicht, ist doch im Grunde egal. Hauptsache, wir sind gut unterhalten. Und das sind wir!

  • Valerie Thurner

    Liebe Mimi Panda, die ersten beiden Battles waren aber grauselig langweilig.  Bei soviel ungeschliffenen Diamanten, die poliert und gehätschelt werden, wünscht man sich schon fast einen Dieter Bohlen herbei. Brot und Spiele will der Mensch. Demnächst auf “Valerie schaut Voice”

  • Mimi Panda

    Liebe Vali. Wir hatten Voice-Abend für Voice-Abend unterhaltsame Familienabende mit allen!!! drei Mädels (schon die zweieinhalbjährigr quäkt das Intro auf schweizerbabyenglisch mit und macht das V-Zeichen mit ihren Stumpelfingerchen) und wir finden alle, dass man das nicht zu ernst nehmen, sondern sich einfach ob der paar Perlen freuen sollte… Was erwartest du denn? ( das ist eine ernstgemeinte Frage)

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