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Das Ballerinas-Syndrom

Während in New York, London oder Paris die Frauen modisch experimentieren, herrscht hierzulande ein stilistischer Einheitsbrei. Es ist, wie wenn die Schweiz eine Art Nordkorea der Mode wäre.

Von Bettina Weber

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Kürzlich sass ich an der Zürcher Bahnhofstrasse auf einer Bank und rauchte eine Zigarette und schaute so ein bisschen den Leuten zu. Das ist eigentlich meine Lieblingsbeschäftigung, so ein bisschen den Leuten zuzuschauen. Am interessantesten ist das natürlich in fremden Städten, da kann ich das stundenlang und unterhalte mich bestens dabei. Wenn man schaut, was die Leute so an Kleidern tragen, dann ist das sehr aussagekräftig, fast schon eine Art soziologische Studie. Denn: Mode ist das, was auf der Strasse getragen wird. Und nicht das, was die Designer oder die Magazine verkünden.

Gefeierte Vielfalt

In London oder Paris oder New York ist das eine einzige Freude, dieses Leute-Gucken. Da sieht man alles. Vor allem sieht man da ganz viel eigenwillige Menschen. Die tragen, was sie wollen und wonach ihnen ist. Die Londonerinnen zum Beispiel sind ungeschlagen darin, Muster zu kombinieren. Die tragen einen Karo-Jupe mit gepunkteten Strümpfen und es sieht zum Niederknien aus. Die Pariserin, das Klischee stimmt ganz eindeutig, kriegt diese Nonchalance hin, dieses komplett Unaufgeregte, und wirkt doch immer sehr feminin. Und die New Yorkerin ist schlicht und klassisch. So im weitesten Sinn.

Ängstliche Einfalt

In Zürich, so stellte ich fest, macht das Leute-Gucken nicht so viel Spass. Und zwar deshalb, weil alle das gleiche tragen. Wirklich alle. Man sieht Armadas von jungen Frauen, die alle enge Jeans oder Leggings und Ballerinas tragen. Dazu haben sie lange Haare. Punkt. Es ist, wie wenn die Schweiz einer Art Nordkorea der Mode wäre. Wie wenn die Grenzen hermetisch abgeriegelt wären und es nur eine einzige Hosenfirma gäbe, die eben enge Jeans und Leggings herstellt, und nur ein Unternehmen, das Ballerinas produziert. Und Coiffeure können nur hinten gerade abschneiden, weil sie bloss eine einzige stumpfe Schere besitzen.

Ich wundere mich. Denn nie waren die Möglichkeiten so gross, sich modisch auszudrücken. Nie war gute Mode so günstig zu haben. Nie waren die Informationsquellen so vielseitig. Und noch nie herrschte so wenig Zwang, was erlaubt ist, und was nicht. Vermutlich ist aber genau das das Problem. Die Schweizerinnen, aus modischer Sicht zumindest, scheinen mit der Freiheit irgendwie nicht umgehen zu können.

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Kommentare

  • carla

    Auf die Teenies und die Bahnhofstrasse mag die Ballerina-These zutreffen. Aber wo sonst, wenn nicht in Zürich, sieht man so viele speziell gekleidete Menschen? Rauchen Sie doch ihre nächste Zigarette mal ein paar Strassen weiter im Kreis 4 oder 5. Sie werden staunen.

  • brit

    wo sie recht hat, hat die Weber recht: Auch in der Mode herrscht hierzulande Konkordanz. Mehrheitsfähig bis auf die Unterhose. Und doch fällt auf den ersten B^lick auf: hier hat man Geld.

  • Mad

    Das liegt aber auch an den Schweizer Einkäuferinnen, die für ihre Shops einfach viel zu konservativ und ohne viel Geschmack einkaufen. Kein Wunder, dass dann alle das Gleiche anhaben, da man ja auch nichts wirklich Schönes findet. Da muss man halt ins Ausland oder übers Internet bestellen.

  • Nashi

    Das ist wohl nicht nur ein Phänomen in der Schweiz. Das ist mir hier in Deutschland schon zu genüge aufgefallen, die ganzen kleinen Mädchen bei uns in der Schule haben alle keinen individuellen Stil mehr, tragen alle dasselbe. Das ist schon bitter, wenn alle nur noch H&M tragen, aber gut, wenn sie alle gleich aussehen wollen, bitte.

  • Tomas

    Nordkorea der Mode, das hat gesessen.
    Sie wollen wissen warum? Weil die Frauen dank der Jahrelangen feministischen Hirnwäsche nicht mehr mit der Tatsache klar kommen, dass eine Frau eben feminin wirken kann – sprich für die Männer ein Blick wert ist. Den Frauen in der Schweiz ist es lieber, wenn sie keiner anschaut, als dass sie “die falschen” anschauen. Deshalb laufen alle so herum grin

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