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Brüste im Schnee

Teilzeitprinzessin Meret macht sich auf die Suche nach dem verwunschenen Sexismus im neuesten Flumser Werbespot. Sie findet aber nur Humor.

Von Meret Steiger

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Die Flumserberge machen mit einem witzigen Werbespot auf sich aufmerksam. Im Spot sind die Pistenbauer, die heimlichen Helden jedes Skigebiets, die aber immer im Schatten der Skilehrer stehen, die wahren Stars. Frauen werden beim Anblick der Pistenhelden zu Groupies und reissen sich vor Begeisterung ab so viel Einsatz für die Piste die Kleider vom Leib. So viel zum Inhalt.

Ganz klar, dass nackte Brüste zu Werbezwecken nicht überall gut ankommen. Beispielsweise bei der Vorsitzenden der SP-Frauen, Yvonne Feri. Ihre Kollegin von der FDP, Carmen Walker Späh, will sogar das ganze Skigebiet boykottieren. Was den Berglern sicher Eindruck macht.

Und auch Youtube hat den Clip gesperrt. Youtube, das Videoportal, das den Clip der jungen Frau, die vom Jelmolidach gesprungen ist, monatelang online hatte. Youtube, das Portal, auf dem übelste Beleidigungen, religiöse Hassreden und grauenhafte Autounfälle gezeigt werden, macht bei anderthalb Sekunden Busen dicht. Abgesehen davon, dass es unglaublich heuchlerisch ist, halte ich es auch für komplett unnötig. Ist ja nicht so, dass Youtube-User noch nie Brüste gesehen hätte. Selbst die amerikanischen Internet-Nutzer dürften schon über das eine oder andere barbusige Bild gestolpert sein.

Und wie gesagt, auch Politikerinnen echauffieren sich über die wenigen Sekunden Brust. Ich zitiere: «Es werden hart arbeitende Männer gezeigt, welche von sexy Frauen angehimmelt werden. Was dies mit der Skiregion zu tun hat, bleibt schleierhaft.»

Liebe Spassbremsen: Ihr habt den Spot einfach nicht begriffen. Die hart arbeitenden Männer sind Pistenbauer, womit der Link zu den Skigebieten schon gemacht wäre. Die Frauen reissen sich die Kleider auch nicht vor Begeisterung über die Männer an sich vom Leib, sondern vor Begeisterung über die Arbeit der Männer. Das nennt man «einen ironischen Ansatz». Den Begriff Ironie kann man googeln.

So oder so hat die Flumsi aber sicher viel Publicity erreicht. Immerhin müsste nach der Logik der Gegnerinnen die Flumsi jetzt von wollüstigen Männern überrannt werden, die unbedingt Pistenbauer werden wollen. Oder einfach dumm rumstehen und hoffen, dass irgendwo ein Skigroupie auftaucht und die Brüste zeigt.

Was ich mich frage: Was ist, wenn es andersrum wäre? Wenn im Clip die Rede von heissen Skilehrerinnen wäre und von Männern, die sich praktisch prügeln, um bei ihr Skifahren zu lernen? Wisst ihr was? Es hätte genau denselben Effekt. Die Feministinnen würden sich aufregen, dass die Frau als begehrenswertes Objekt dargestellt wird (was auch immer an begehrenswert schlecht sein soll), die Männervereine würden sich darüber aufregen, dass die Männer im Clip als willenslose testosterongesteuerte Neandertaler gezeigt würden. Gähn.

Liebe Leute: Es. Ist. Nur. Werbung. Ich sehe lieber solche Werbung, als bis zur Unkenntlichkeit gephotoshoppte Unterwäschebilder. Lieber solche Werbung, als diese pseudoerotischen AXE-Spots. Lieber solche Werbung, als die für «die neuä Knorr Braatensossä-Döpfli» oder die für die stark schwitzenden Frauen. Also die starken Frauen, die schwitzen. Also… wie auch immer. Es ist nur Werbung, der Spot ist humorvoll, und ohne diesen moralischen Aufschrei hätte die Flumsi auch niemals so viel PR bekommen.

Meret Steiger, 21, Autorin, ist sowohl Mädchen als auch neugieriger Mensch, und arbeitet zur Zeit bei Fernsehsender Tele Züri als Inputerin. Wenn sie nicht gerade in der Badewanne sitzt, ihre Schuhe zählt oder George Clooney anhimmelt, richtet sie ihren scharfen Blick und ihren Sinn für Humor auf die kleinen Alltäglichkeiten, mit denen sie sich herumschlagen muss.

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Teilzeitprinzessin


Kommentare

  • Sohn des Mars

    Tja… wenn man keine anderen Probleme hat als anderthalb Sekunden nackte Brüste, dann ist so eine Reaktion schon okay. Gut geht es der Welt, deren heissestes Thema nackte Brüste sind.
    Muss diese Form der Werbung sein? Nein, sicher nicht. Aber mal ehrlich… ist das auf der anderen Seite so viel Aufregung wert? Für manche offenbar schon.
    Da geh ich doch gleich mal zum Lachen in den Keller, damit mich niemand sieht und hört dabei.

  • Tomas

    Gut geschrieben grin

    Wobei die Axe Werbung für mich auch witzig ist, weil immer selbstironisch. Hingegen das mit dem: “Frauen sind stark. Nicht in Anführungs und Schlusszeichen…” für mich zu einem Langzeitetalon der Dummheit avanciert ist – gerade wegen dem humorlosen Versuch, an der Emanzipationswelle zu punkten.

    Aber das Wichtigste wurde schon gesagt: was ist falsch daran, mit der unser ganzes Dasein prägender Tatsache zu spielen, dass Frauen für Männer attraktiv sein könnten und umgekehrt? Das gerade die Bewegung, die sich selbst für Verkörperung von Vortschritt und alles andere für ewiggestrig hält hierzu die gleichen Positionen bezieht wie die konservativsten Ideologien der Welt ist für mich schon immer amüsant gewesen. Eine emanzipierte Frau darf nicht als attraktiv wahrgenommen werden. Mein Beileid grin

  • Claudia

    Unsre Küken wird immer besser. Cool. Dem gibts nix hinzuzufügen.

  • El_Jorge

    Carmen Walker Späh scheint eine passionierte Boykottiererin zu sein… bei ihrem Haarstylisten scheint sie das auch durchzuziehen.

  • Meleana

    Gut beobachtet, gut geschrieben. Ganz meine Meinung.

  • Lilly

    «Das nennt man «einen ironischen Ansatz». Den Begriff Ironie kann man googeln.»

    Damit tat sich dieses Land schon immer schwer, vor allem die Frauen darin. Alles für bare Münze, sich selber total ernst nehmen und dabei das Bisschen Humor das bleibt, auf keinen Fall öffentlich zeigen. Deshalb ist Schweizer Werbung ja auch meist zum umfallen langweilig. Und dümmlich. Schade, denn Humor und Selbstironie machen ein Volk sympathisch.

  • The Damned

    Den jungen, unverkrampften Frauen gehört die Welt! Da können ihre Mütter nur noch dazu lernen- und endlich wieder ihre Freude am Leben zurück gewinnen- auch wenn’s vieleicht schwer fällt.

    Endlich eine Frau mit Klarsicht und Durchblick!

  • michèle

    die frage ist vielleicht grundsätzlich: ob frau/mann “sex-sells” amüsant finden kann und will. ich persönliche finde es einseits langweilig aufgebrühtes und unnötig am leben erhaltenes déjà-vu, von dem ich schon vor jahrzehnten unfreiwillig eine überdosis verpasst bekommen habe. und andererseits zementiertes ein frauenbild, dem entgegen zu treten immer schwieriger wird; auch weil femminismus bloss noch ein schimpfwort ist , belastet mit spielverderberei, humorlosigkeit, prüderie, gezänke und hässlichkeit.  so beschleicht mich das gefühl der restauration mehr und mehr, ob verbissen und fundamentalistisch wie von seiten der “antifeministen oder eva hermanns ” , oder spöttisch witzig-verpackt von vielen anderen. vielleicht darum mag ich auch bei humorvollem brüste-vermarkten nicht mal schmunzeln.

    übrigens: dass youtube heuchlerisch daherkommt, ist offensichtlich.
    mir geht noch durch den kopf, warum den spiess nicht mal umkehren und darüber spotten, dass “sex-sells” noch immer als marketing-gag verwendet wird, wie phantasielos und immergestrig sind denn die werbenden von heute?

  • hoempf

    “die neuä Knorr Braatensossä-Döpfli” <—- kchch smile

    Meret, I like!

  • michèle

    nachtrag: waren es nicht die fdp-frauen, die nie mehr “oben-ohne” wollten? #justasking

  • Bruno Gut

    Was haben wir uns doch über die Amerikaner lustig gemacht, wie die sich auf- und erregten über die ‘nackte’ Brust der Frau Jackson – und jetzt dies etwas schmallippige Diskutieren über Humor plus Erotik in der Werbung. Schmallippig verklemmt ist das Verpixeln des Bildes zum Beitrag der Teilzeitprinzessin, sonst bin ich einverstanden mit ihr. Und dann versteckt sich machmal auch unfreiwilliger Humor, bei dem man nicht weiss, ob er gewollt oder verpennt ist. Eine 21-Jährige Mädchen zu nennen, das in der Badewanne seine Schuhe zählend mit scharfem Blick unerreichbare Männer anhimmelt und beim (Dativ!) Privat-TV inputet… tja, was will ich überhaupt sagen? Witz komm raus!

  • Manu

    Ha, sehr richtig! Gut gebrüllt!
    Etwas stört mich trotzdem: “Es. Ist. Nur. Werbung.” zieht nicht als Argument. Gerade weil es ja Werbung ist und deswegen nachhaltig auf den gesellschaftlichen Diskurs einwirkt, wird der Spot ja so diskutiert. Und zu recht ernst genommen, schliesslich sind wir nun einfach mal von Werbung geprägt.
    Und nur weil andere Werbungen NOCH schlechter sind, muss diese ja noch lange nicht legitimiert sein. Das jetzt rein grundsätzlich, in diesem spezifischen Fall bin ich absolut einverstanden smile

  • Réda Philippe El Arbi

    das problem mit “sex sells” ist, dass “sex” eben “sells”. da können die werber nichts dafür. das ist irgendwie so in den hormonen. die werbung arbeitet damit.
    natürlich können wir so tun, als ob wir sexuelle anziehung scheisse finden. aber das wär dann entweder geheuchelt oder unnatürlich.

    wieso macht eigentlich niemand ein geschrei, wenn produkte mit “status sell” an männer verhökert werden?

  • Philippe Wampfler

    Als »Spassbremse« fühle ich mich natürlich angesprochen, auch diese Woche wieder kurz zu kommentieren, warum Humor okay ist, Sexismus aber nicht.
    Da du die Simpsons magst, Meret, vielleicht damit: http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=8DYje57V_BY
    Und wissenschaftlich: Wir lachen über das, was unsere Werte ausdrückt. Wer über den Flumsi-Spot lacht, ist im Kern der Überzeugung, dass Männer arbeiten sollen und Frauen ihnen dafür ihren Körper zeigen und zujubeln. Hier die Quelle für diese Aussage: http://www.npr.org/blogs/health/2012/08/06/157592468/an-anthropologist-walks-into-a-bar-and-asks-why-is-this-joke-funny

    Und wenn es noch um die Frage geht, wann Werbung sexistisch ist, dann verweise ich auf einen Blogpost von mir:
    http://philippe-wampfler.com/2012/04/10/soll-sexistische-werbung-verboten-werden/

  • Palo Stacho

    Eine 21-jährige ist meiner Meinung nach sicher ein Mädchen. Und Sie ist eine Frau. Sie könnte auch schon eine Mutter sein, dann verschwindet das Mädchensein wohl ein wenig schneller als ohne Kinder. Und wegen der Fehler: Im Web geht es um Authentizität und nicht um einen 6er im Deutsch. Kurz: Mir gefällts und ich finde die Kritik übertrieben

  • Philippe Wampfler

    Danke, Stefan. Schöne Interpretation, gefällt mir.

  • Philippe Wampfler

    Wie gesagt: Man kann Lachen und Humor erforschen. Natürlich kann man auch irgendetwas behaupten, wenn einem das lieber ist. Mir nicht.

  • Philippe Wampfler

    Einen Link hab ich noch zu sexistischem Humor: http://www.wcu.edu/5564.asp

  • Stefan Fischer

    Da (a) wir [@Satyr: nicht-soziopathische Menschen] über das lachen, was unseren Wertvorstellungen entspricht und (b) Meret den Spot nach eigener Bekundung witzig findet, sollten wir uns etwas genauer damit befassen, welche Werte denn in dem Spot portiert werden.
    Zuerst gilt mit Reich-Ranicki, dass die Übertreibung ein Stilmittel ist (das Lispeln muss man sich selbst denken); die bare Brust sollte deshalb nicht als ebensolche Münze genommen werden. Es drücken also junge Frauen ihre Begeisterung für gute Arbeit aus, gegenüber denen, welche sie verantworten (den Pistenbauern) und eben nicht denen, die im Rampenlicht (den Skilehrern) stehen und von ihr profitieren. (Die latente Sozialkritik war nicht eigentlich beabsichtigt, ist aber auch nicht unwillkommen.)

    Ich schliesse betreffend Merets Werten also:
    – Gute Arbeit darf und soll honoriert werden.
    – Das “Sein” sollte zählen und nicht der “Schein”. (Hierin liegt ja auch der Witz des Spots.)
    – Frauen dürfen ihre Begeisterung (auch für hart arbeitende Männer) zeigen.
    – Frauen dürfen ihre Brüste entblössen (wenn sie das wollen).

    Auf der anderen Seite ist der Vorwurf des Sexismus nicht ganz von der Hand zu weisen, selbst wenn die Jacken geschlossen geblieben wären: arbeitende Männer – zujubelnde Frauen. (Bei Sexismus geht es ja bekanntlich weniger um nackte Haut als um Geschlechterrollen.)
    Ich habe mir gerade überlegt, wie dieser Vorwurf zB. im Rahmen der Kampagne mit einem zweiten Werbespot mit umgekehrter Rollenverteilung zu brechen wäre. Die von Meret vorgeschlagenen Skilehrerinnen taugen eher nicht, da die ja tatsächlich auch angehimmelt werden.
    Wo sonst arbeiten Frauen in einem Skigebiet?
    Hinter der Kasse: zu unsexy (haben keinen Unterleib).
    Service: siehe Skilehrerinnen.
    Zimmermädchen: ich sag nur DSK…
    Receptionistin/Hotelmanagerin: möglich, allerdings ist der Bezug zum Skigebiet schwierig.
    Zudem sähen männliche Groupies entweder lächerlich oder schwul aus. (Nichts gegen letztere, aber dann müsste man das Konzept anders gestalten und diese wiederum männliche Arbeiter anhimmeln lassen.)

    Fazit: Weniger Verkrampfen und mit dem Augenzwinkern mit dem er offensichtlich gemeint ist, den Spot mit der tollen Aussicht geniessen.
    Damit meine ich natürlich die Alpen.

  • Philippe Wampfler

    Ich finde Behauptungen mit Verweis auf eine Studie, die sie belegen, konstruktiver als solche ohne. Es gibt nämlich nicht für jede wirre Meinung eine wissenschaftlich ernstzunehmende Studie. Wirklich nicht. Aber natürlich bin ich total verkrampft, auch in dieser Hinsicht.

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