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Wenn Geiz nicht mehr geil ist

Frauen leisten sich alles – nur nicht faire und umweltgerechte Mode. Doch sind die Zeiten der Billig-Fashion bald vorbei?

Von Nathalie Sassine-Hauptmann

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«Sales!», «3 für 2», «Discount-Preise!» … Jede halbwegs modeinteressierte Frau weiss genau, wo und wie sie einkaufen muss, um möglichst viel Geld zu sparen – gerade jetzt, während des Sommerausverkaufs. Vor allem haben aber Billig-Modeketten das Shopping-Erlebnis zur Jagd nach dem Schnäppchen gemacht: Weder Material, noch Schnitt und schon gar nicht das Handwerk entscheiden im Massenmarkt darüber, ob wir ein Kleidungsstück erwerben wollen. Meist ist es nur der (tiefe) Preis, der uns glänzende Augen beschert.

Das ging bis vor drei Jahren auch Elizabeth L. Cline so. Bis zur «Erleuchtung», als die New Yorker Journalistin einmal sieben Paar Schuhe für weniger als 10 Dollar pro Paar kaufte. In «Overdressed: The Shockingly High Cost of Cheap Fashion» («Die schockierend hohen Kosten der Billigmode») beginnt die Autorin deshalb mit einem mea culpa, mit einer Beichte: Jahrelang kaufte sie sich durch sämtliche Billigketten und reihte Billig-Tanktop an Billig-Tanktop, Billig-Hose an Billig-Hose. Nur die Farbe änderte. Manchmal.

Ich hab’ nichts anzuziehen!

So wie Elisabeth L. Cline geht es den meisten Frauen in der westlichen Welt. Wer hat sich selber nicht schon einmal klagen hören «Ich habe nichts anzuziehen!» – obwohl der Kleiderschrank zum Bersten voll ist? Das meiste davon ist Billigware, gekauft bei einer dieser Modeketten, welche beim Shoppen nicht einmal mehr erkennen lassen, in welcher Stadt man sich befindet. Produziert in Ländern, die zwar – unter Druck von Aktivisten – vermehrt auf die Umwelt achten, in denen ein Arbeiter jedoch immer noch weniger verdient, als die Tagessuppe in einer hiesigen Kantine kostet.

Trends wechseln nicht mehr saisonal, sondern wöchentlich. Eine Billigkette wie «Zara» kann ein Produkt innerhalb von zwei Wochen designen, produzieren, ausliefern und verkaufen. Weshalb Amerikaner im Durchschnitt 68 Kleidungsstücke jährlich kaufen. Eineinhalb pro Woche. Hinzu kommen natürlich die Stücke, die schon im Schrank hängen. Eine Zählung ergab bei der Autorin eine Anzahl von 364 Kleidungsstücken, wie sie Cline in ihrem Buch gesteht. Schuhe und Unterwäsche nicht mitgezählt. Der Verdacht liegt nahe, dass es im Kleiderschrank bei der durchschnittlichen Schweizerin ähnlich aussieht.

Mit der Ausrede der Texaid-Spende glauben ausserdem viele, mit ihren «Wegwerfkleidern» etwas Gutes zu tun. Auf Anfrage von Clack.ch bestätigt die Texaid jedoch: Nur 60 Prozent der Spenden können wirklich weitergegeben werden und die Qualität ist in den letzten Jahren massiv gesunken.

Bio-Karotten und Billig-Klamotten

Dass namhafte Designer heute gerne für Billigketten arbeiten, hat diesen Drang nach günstigem Chic gefördert. Versace, Karl Lagerfeld, Margiela und viele mehr bieten ihr Können ab der Stange für 29.90 an. Das Störende daran: Die westliche Welt hat es sich in den letzten zwanzig Jahren zur Aufgabe gemacht, «nachhaltig» zu leben. Reformhäuser, Bio-Label, Hybrid-Autos, Produkte von lokalen Handwerkern haben Hochkonjunktur, schliesslich möchte man der Umwelt und sich selber Sorge tragen. Nur bei den Textilien scheint dieser Trend kaum zu greifen. Eine Studie der GfM Swissmarketing zeigt, dass zwar die Hälfte aller Schweizer schon einmal Bioqualitäten oder sozialverträgliche Kleidung gekauft haben, dennoch ist Fair Trade für Modeinteressierte kein Thema. Und dass die Bedingungen, unter denen die Billig-T-Shirts in Asien für den Schweden oder Spanier hergestellt werden, prekäre sind, kann niemand schönreden.

China wird teuer

Die meisten Cheap und Chic Textilien werden in China hergestellt, weshalb die Autorin dort diverse Fabriken besuchte. Was sie besonders beeindruckte, war, dass die Fabrikarbeiter mittlerweile dieselben Trends trugen, wie die, die sie für den US-Markt produzierten – eine Folge der steigenden Löhne und Einkommen in China. «Einige Hersteller sahen sich in Cina konfrontiert mit einer 10 Prozent-Steigerung der Löhne in den ersten zwei Monaten dieses Jahres», schreibt Cline. China wird teurer und somit auch seine Produktionsstätten. Auch wenn die Modeketten versuchen nach Produktionsländer wie Bangladesh auszuweichen – gemäss Cline produziert H&M bereits 25 Prozent seiner Ware dort – gibt es Anzeichen, dass die hohe Zeit der ultra billigen Mode sich zu Ende neigt. Weil weltweit die Löhne steigen: «Das ist gut so», schreibt die Autorin von «Overdresses», «es gibt bereits amerikanische Labels, die sich überlegen, wieder auf U.S.-Boden zu produzieren, weil die Preise in China in die Höhe schnellen.»

The End?

Cline rät den Frauen, sich schon heute vom Zwang zu befreien, billig einzukaufen. Und den Männern? «Die Herrenmode-Industrie funktioniert anders, sie ist weniger trend-abhängig. Ausserdem gehen Männer weniger oft einkaufen und achten mehr auf Qualität. Das haben auch die Modeketten verstanden: Ein Herrenhemd im H&M ist qualitativ oft besser als sein Pendant in der Damenabteilung.»

Deshalb legt uns die «Overdressed»-Autorin zum Schluss nahe, Billig-Trends zu meiden, sie gibt drei Tipps:

  • Pflegen Sie Ihre Kleider.
  • Kaufen Sie weniger.
  • Unterstützen Sie lokale Designer und Boutiquen.

Klar, letzteres muss man sich natürlich erstmal leisten können.

Mode Stil


Kommentare

  • Nicolaus Busch

    In diesem Zusammenhang kann ich wärmstens empfehlen, einmal das Buch “Gomorrha” von Roberto Saviano zu lesen. Darin wird deutlich, dass selbst Haute Couture zum Teil unter Bedingungen produziert wird, die schlicht grauenhaft sind; nicht etwa nur in fernen Ländern, sondern auch z.B. in Italien.

  • Franz

    364 Kleidungsstücke?
    Bei mir geht das so: kaufe ich ein Kleidungsstück, geht eines aus dem Kleiderschrank weg – verschenken, TexAid, Abfall.

    Aber ich bin auch ein Mann. grin

  • Michael

    Zara als Billigkette zu bezeichnen, macht den Artikel ziemlich unglaubwürdig. Diese Kette ist weitaus teurer als C&A und H&M. Zu den Bio-Kleidern: Ich würde gern mehr solche Kleider kaufen, aber warum werden z.B. viele Bio-T-Shirts durch missionarische Slogans ruiniert? Ich kaufe T-Shirts mit Motiven für mich, ich brauch keinen Spruch darauf wie “Wear organic!” oder “This is an organic t-shirt!”. Ich selber weiss was ich trage und will andere nicht davon überzeugen.

  • lia

    wie kann die Autorin behaupten, dass die Kundinnen einfach geizig sind? Ich kann mir beim besten Willen keine teuren Kleider leisten, muss aber im Job einigermassen adrett aussehen. Also muss ich eben auf Billigmode zurückgreifen, kann ja nicht meine Kinder hungern lassen. So einfach ist das. Und auch kleine Boutiquen verkaufen Ware, die mit Kinderarbeit hergestellt wurde – bloss teuer heisst nicht, dass der Arbeiter viel von dem Geld sieht.

  • Michael

    neo, “troll harder”. Und wenn dein Kommentar ernsthaft ist, dann kauf doch – wie lia schrieb – überteuerte Markenware die genauso zu schlechten Arbeitsbedingungen hergestellt wird. Der einzige Weg für mich, bessere Arbeitsbedingungen zu unterstützen ist, auf Bio-Kleider mit depperten Motiv-Aufdrücken zu verzichten, solange die Ladenketten nicht auf mich hören und bessere Motive gestalten. Verschone “uns” vor deinem umgekehrten Faschismus mit Moralpredigt.

  • neo

    @Michael, @lia, verschont uns bitte vor euren Rechtfertigungen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg! Gesteht euch doch einfach selbst ein, dass ihr einen **** auf die Arbeitsbedingungen Anderer gebt.

  • sarah

    Ich würde ja gern mehr ethische klamotten und weniger h&m kaufen.. Aber wo findet man (in Bern) sachen, die ethisch UND schön sind? Switcher und Coop Naturaline meinen es ja gut, aber von mode und guten schnitten haben die ja keine Ahnung.
    Hat jemand einen Tipp für mich?

  • Nicole

    Eigentlich geht es hier doch, dass man bewusster einkauft – Qualität vor Quantität –  statt 3 T-Shirts vom H&M z.B. eines vom Globus oder Esprit, welches gut sitzt und nicht billig aussieht. Aus Erfahrung weiss ich, dass man mehr und schneller Geld pro Monat (z.B. im H&M etc.) liegen lässt, als in einem Laden (mittlerem Preissegment).
    Falls ihr Tipps und vielleicht Hilfe braucht, schreibt mir doch – ich entrümple und organisiere Kleiderschränke neu.

  • Sofie

    Für alle, die gerne & mit gutem Gewissen shoppen wollen sind die Tipps vom Netzwerk Faire Mode unverzichtbar! Zum Beispiel der GOOD SHOE GUIDE und andere GUIDES zu Unterwäsche, Jeans ect http://netzwerkfairemode.wordpress.com/2012/06/12/good-shoe-guide/

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