Clack

Ballast abwerfen

Kein Frauenberuf beflügelte die Fantasien mehr als derjenige der Stewardess. Doch heute befinden sich die Engel von einst im freien Fall.

Von Marie Dové

Twittern

1 von 4

Hochfliegende Pläne, finanzielle Abstürze, immer wieder Negativ-Schalgzeilen: Dafür ist die internationale Arirline-Industrie bekannt und berüchtigt. Neuestes Beispiel: Die Air India, Indiens älteste Fluggesellschaft, verlangt von ihrem Bordpersonal ab 40 Jahren einen speziellen Gesundheitscheck, berichtet die Times of India in diesen Tagen. Die Stewardessen sollen ihren Body-Mass-Index messen lassen, heisst es. Mit anderen Worten: Die Dicken sollen eruiert werden. Der indischen Tageszeitung wird übergewichtigen Mitarbeiterinnen 6 Monate Zeit gegeben, um wieder in Form zu kommen. Andernfalls fliegen sie – aus der Firma.

Der Hintergrund der grobschlächtigen Personalpolitik: Der erbarmungslose Wettbewerb. Private indische Airlines wie Kingfisher, Jet Airways oder Spice Jet beschäftigten in der Regel junges Personal im Alter von 20 bis 30 Jahren. Einige Airlines werben sogar mit der Attraktivität ihrer Stewardessen. Wer zu alt wird, muss gehen.

«Ein industrielles Produkt»

Die Diskriminierung fülliger Stewardessen markiert einen weiteren Tiefpunkt in der globalen Geschichte des einstigen Traumberufes. Die  Wahrheit ist nämlich: «Die sexy, verführerische Stewardess ist ein industrielles Produkt, ein Meilenstein in der Geschichte des Designs.» Solches ist nachzulesen im Buch des britischen Designexperte Keith Lovegrove mit dem Titel «Airline. Indentity, Design and Culture». Der Band, opulent bebildert, fachkundig kommentiert, verdient es, in Erinnerung gerufen zu werden, denn er ist die kompetenteste kulturhistorische Würdigung eines Berufsstandes, dessen Image sich seit der Vermassung und Pauschalisierung des Fliegens in den Achtzigerjahren im steilen Sinkflug befindet.

Es war die US-Firma Braniff International, die 1965 als erstes Flugunternehmen schamlos auf das Werbepotenzial ihres weiblichen Personals setzte. Mit dem Schlachtruf «Sex sells seats!», Sex verkauft Sitzplätze, wurden die Braniff-Girls in den Marktkampf geschickt: Statt in einer mausgrauen Uniform trippelten sie in einem pinkfarbenen, kurvenbetonenden Deux-Pièces durch den Kabinengang.

Wie das Firmenlogo, die Form der Sessel oder das Deo auf der Bordtoilette wurde die Stewardess damit Mitte der Sechzigerjahre zu einem Element der Corporate Identity der Fluggesellschaften. «Die Stewardess war die erste Werbesäule, die sprechen konnte», schreibt Lovegrove wenig charmant.

Emanzipation und Erniedrigung

Das Kalkül war so klar wie frivol und immer dasselbe: «Die Flugindustrie servierte ihren Kunden Sex», schreibt Lovegrove. Die grösste Portion gabs bei den texanischen Southwest Airlines: Sie steckten ihre Stewardessen in Hotpants und liess sie in kniehohen Kunstleder-Stiefeln aufmarschieren. Heute gibts so was nur noch bei Beate Uhse.

Nicht bloss die Kulturhistoriker sezieren heute die Ste-wardess, auch die feministische Frauen- forschung hat sich ihrer Berufssoziologie angenommen. Die deutsche Sozialwissenschaftlerin Ariane Bentner hält in einer Studie über Stewardessen fest: Zwar hätten die Airhostessen als erste Frauen überhaupt in einer Art «emanzipatorischem Akt» durch die Welt jetten und an einem «männlichen Lebensstil» teilnehmen können. Gleichzeitig seien sie allerdings zu Sexualobjekten erniedrigt worden. «Das ist die bittere Ironie dieses einstigen Traumberufes.»

Wie Kellnerinnen am Okoberfest

Heute ist Fliegen kein exklusives Vergnügen für die höheren und abgehobeneren Klassen mehr, sondern eine Massenbewegung. Das Preisdumping hat die Margen gedrückt, und auch das Ansehen der Stewardess, oder eben des Flight Attendants, ist ruiniert. Der Job ist Knochenarbeit, die FAs schuften mittlerweile wie Kellnerinnen am Oktoberfest.

Ein wenig Widerstand haben die Air-India-Fas dann doch noch angemeldet. Sie forderten Air India auf, ihnen erst einmal die Gebühren für das Fitnessstudio zu bezahlen, bevor sie wegen Übergewichts von Bord gewiesen würden.

Der Clack-Buchtipp: Keith Lovegrove ist britischer Designer und ein profunder Kenner der Passagierluftfahrt seit den späten Fünfzigerjahren. In seinem Buch zeigt er die Entwicklung des Airline-Designs: am Innenausbau der Maschinen, an der Werbung und der Coporate Identity, dem Essen und vor allem den Stewardessen und ihrer Bekleidung: «Airline. Identity, Design and Culture», teNeues Verlag, 144 Seiten.

Diskriminierung Gender Job Schönheit Stewardessen


Kommentare

  • marie

    “an einem «männlichen Lebensstil» teilnehmen können. Gleichzeitig seien sie allerdings zu Sexualobjekten degradiert…”
    bewerben sie sich mal als sachbearbeiterin mit über 45. hat sich mmn nicht besonders viel geändert, ausser dass mittlerweile Männer ab 50 ebenso betroffen sind. also frauen, bleibt faltenfrei in kleidergrösse doppelnull und meine herren trainiert euch mit 50 ein waschbrettbauch an und färbt eure haare (vergesst die augenbrauen aber nicht)!

  • Tomas

    Naja, es gibt so Berufe, die Frau nicht bis zum AHV Alter ausüben wird, weil dort bewusst mit der weiblichen Schönheit und jugendlichen Frische versucht wird etwas zu erreichen. Jede der Damen die sie ausüben weisst das, und zwar schon im Voraus, dass man dabei nicht alt wird. Es sind Models, Tänzerinnen, Hostessen aller Art, eben auch in Flugzeugen.
    Haben sie schon mal zum Beispiel am Autosalon eine Fahrzeugpräsentation erlebt, bei der Hostessen mit Gewichtsproblem euch entgegengelächelt haben?

    Wenn ich ein Flugzeug besteige, erwarte ich keine kulinarischen Höhenflüge, dafür aber soll der Kaffee bitte sehr von einer jungen und hübschen Stewardess serviert werden, mit einem Lächeln, dass den Geschmack vergessen lässt.

  • Jorge

    Man sollte aufhören, ändern zu wollen, was sich nicht ändern lässt… gehen Frauen an einen Chippendales-Auftritt, wenn diese alt und schwabbelig sind?

    Nein!

    Verstehen wir das?

    Ja!

    Irgendwie ist es irritierend, dass wir ausgerechnet diese Dinge an uns ändern wollen, die wir nicht können, aber die Dinge, die wir ändern könnten, dagegen aussen vor lassen…

    Absicht?

Lesen Sie auch: