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Ausgerechnet jetzt willst du aufsteigen?

Ja, klar! Jede Mutter kann Kind und Karriere miteinander vereinbaren – wenn sie nur das schlechte Gewissen besiegt. Ein Ausschnitt aus «Macho-Mamas» von Clack-Autorin Nicole Althaus und Journalistin Michèle Binswanger.

Von Clack-Team


Nicole Althaus, Michèle Binswanger: «Macho-Mamas. Warum Mütter im Job mehr wollen sollen». Nagel & Kimche Verlag, Zürich. 176 Seiten.


Wie bringt Karrieremama alles unter einen Hut? Wenn eine Mama nicht nur eine volle Arbeitsstelle ausfüllt, sondern auch noch eine Führungsfunktion übernimmt – also in klassischem Sinn Karriere macht –, wird die Vereinbarkeitsfrage gestellt.
Sie kommt so sicher wie das Amen in der Kirche.

Die Frage ist, pragmatisch gesehen, keineswegs unberechtigt. Erstaunlich ist nur, warum Papas selbst mit mächtigen Karrieren, sagen wir Novartis-Präsident Daniel Vasella oder Banker Joseph Ackermann, nie danach gefragt werden, wie sie Geschäftsreisen, Überstunden und Familienpflichten unter einen Hut bringen. Bei den Herren ist die Familie Privatleben. Bei den Damen ist sie geschäftsentscheidend.

Die übliche Antwort auf die Frage der Vereinbarkeit lautet: Ich schaffe das so wie alle anderen Mütter auch. Mit guter Organisation und dem richtigen Mann an der Seite. Die ganze Wahrheit ist etwas komplizierter. Und sie ist weniger heroisch, als man vermuten könnte. Das zuzugeben kommt einem Geständnis gleich. Auf einen Punkt gebracht, lautet die Wahrheit nämlich: Alles unter einen Hut zu bringen ist nicht das Problem. Das Problem ist der Kopf, der auch noch unter dem Hut
ist.

Genauer: die Ängste und Vorurteile darin. Sie beeinträchtigen das nüchterne Denken und lenken von der Tatsache ab, dass eine Führungsfunktion vorteilhaft für die Vereinbarkeit ist. Eine Karrieremutter hat es in mancher Hinsicht leichter als die ihr untergebenen Mütter. Sie kann ihre Arbeitszeiten selbst bestimmen, ist also viel flexibler bezüglich privater Termine und muss niemandem Rechenschaft darüber ablegen. Sie kann delegieren und damit ihr Arbeitsvolumen besser kontrollieren. Und sie verdient im Vergleich so viel, dass sie wesentliche zeitfressende Arbeiten im Haushalt einer Putzhilfe und der chemischen Reinigung überantworten und so die zweite Schicht nach Feierabend möglichst kurz halten
kann.

Wer Chef ist, hat nicht nur Stress

Diese Erkenntnis kommt für eine frischgebackene Karrieremutter überraschend. Denn davon redet niemand: Die Herren Vasella und Ackermann kennen die Vorteile des Chefseins, aber wer Chef ist, bestätigt und zementiert gern die große Belastung.

Exakt hier stoßen zwei traditionelle Vorstellungen zusammen: die vom verantwortungsgebeugten, sorgengeplagten, rund um die Uhr arbeitenden Patriarchen und die von der in sorgender Liebe sich um ihre Brut kümmernde Mutter, deren ausschließlich familiärer Fokus keinen Platz offen lässt, um sich mit Energie und Hingabe auf eine anspruchsvolle Arbeit zu konzentrieren.

Es ist an der Zeit, dass die nächste Generation von Frauen erfährt, dass Führungspositionen auch für Mütter keineswegs nur Stress und schlaflose Nächte bedeuten. Sie werden dann nicht mehr zehn lange Berufsjahre brauchen, um zu merken: Das größte Karrierehemmnis sind nicht die Kinder, sondern die Vorurteile, die noch immer die Köpfe regieren. Vorab die eigenen.

Das Märchen von der total überforderten Karrieremutter ist derart fest verankert, dass man fast versucht ist, an eine planvolle Inszenierung zu glauben. Es wurde in den letzten Jahren auf allen Kanälen verbreitet und hat sich zu einem eigenen modernen Unterhaltungsgenre gemausert. Von der Kolumne bis zum Hollywoodfilm genießt der Mehrfrontenkrieg zwischen Büro und Baby hohe Einschaltquoten: Total übermüdete Mamas in fleckigen Businessanzügen kramen in der Sitzung statt des Blackberrys eine Schoppenflasche aus der Prada-Tasche. Und vor lauter devoter Kriecher im Büro merken sie gar nicht, dass sie keine Zeit mehr haben, auch mal mit dem Baby am Boden zu krabbeln. Bis sie eines Tages erschrocken feststellen, dass ihnen das Baby ganz furchtbar fehlt, worauf sie ihr Leben rigoros umkrempeln.

Nun können diese Geschichten ja durchaus unterhaltsam sein. Der Alltag mit Kleinkindern und Job ist tatsächlich turbulent, und die Realität gibt zuweilen wirklich eine gute Vorlage für eine Komödie ab. Nur blenden all diese Karrieremama-Märchen eine wichtige Wahrheit aus: Es liegt in der Natur von Babys, dass sie wachsen.

Sie gehen irgendwann zur Schule – und das schneller, als man am Anfang denkt. Diese simple Tatsache wird von Müttern wie von Chefs und Personalabteilungen gern unterschlagen. Dabei ist sie für die Karriereplanung mindestens so wichtig wie ein gutes Netzwerk.

Stets dominieren in Diskussionen um die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Karriere die anderen Bilder. Bilder übernächtigter Mütter und weinender Krabbelkinder. Bilder entnervter Vorgesetzter und mit Geschäfts-, Arzt- und Schulterminen überladener Arbeitstage. Extremsituationen gibt es in jedem Mutterleben, aber sie sind nicht üblich, und sie ereignen sich nicht an 365 Tagen im Jahr.

Und doch sind es genau diese Bilder, die sich wie ein elektrischer Zaun in den Köpfen der jungen Mütter aufgebaut haben, der verlässlich zwickt, wenn ein ehrgeiziger Gedanke aufkommt. Willst du wirklich, dass deine armen Mädchen noch einen Tag mehr pro Woche fremdbetreut werden? Ausgerechnet jetzt willst du aufsteigen, wo deine große Tochter gerade eingeschult wird, oder wo die Kleine sprechen lernt? Was soll bloß sein, wenn dein Mann einfach abhaut? Oder wenn du scheiterst? Dann werden alle mit dem Finger auf dich zeigen. Willst du wirklich zum lebenden Beweis werden, dass Mütter nicht zu viel wollen sollen?

Selbstzensur ist die wirkungsvollste Zensur überhaupt, das schlechte Gewissen ihr brutalstes Kontrollorgan. Es wird zwar nicht mehr von der Kirche eingesetzt, aber seine Macht über die Mütter ist ungebrochen. Nicht nur, weil das schlechte Gewissen uns deutlicher als Mütter der Generation Spagat identifiziert als das Geburtsjahr. Sondern auch, weil das schlechte Gewissen und sein Nichtvorhandensein im Vaterhirn der Grund dafür ist, warum die Vereinbarkeitsfrage Vasella und Ackermann nicht quält.


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