Clack

Auf den ersten Blick

Oberflächlichkeit ist verpönt. Aber gerade beim Daten hilft der Blick aufs Äussere, um eine erste Einschätzung der Welt, in der das Gegenüber lebt, vorzunehmen. Blaue Haare? Weisse Socken? Abercrombie & Fitch?

Von Nives Arrigoni

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Strahlend lauf ich der Strasse entlang. Bisschen Sonne, bisschen Wind. Knöchelboots und Sonnenbrille. Perfekter Herbsttag. Perfekte Locken. Perfektes Gefühl. Ein Windstoss treibt mir eine Strähne ins Gesicht. Blau. Ich komme gerade vom Friseur, könnte die ganze Welt umarmen. Mein Bekannter erwartet mich an der Strassenecke.

Drei Küsschen, drei Blicke. «Warum sind deine Haare blau?», fragt er mich. Stirnrunzeln. «Warum nicht?», frage ich zurück. Gemeinsam schlendern wir durch die Einkaufspassage. Samstagnachmittag. Familien, Singles, Paare. Alle im Einkaufsstress. Löchernde Blicke. Wir reden. Er und die Frauen. Ich und die Männer. Necken. «Kein Wunder bist du noch Single. Mit diesen Haaren», foppt er. Wir albern gerne rum.

Und trotzdem ist seine Feststellung nicht abwegig. Spreche ich mit bunter Mähne weniger Männer an? Oder andere? Lande ich in einer Schublade? Oder lande ich da sowieso? Oberflächlichkeit. Verpönt, verabscheut, verwehrt. Optik währt kurz. Charakter währt lang. Das weiss jeder, das beherzigt jeder. Und trotzdem entscheidet der erste Eindruck über ja, nein, vielleicht. Ab wann ist oberflächlich zu oberflächlich?

Im Zeitalter von Dating-Apps wie «Tinder» hat Oberflächlichkeit ein neues Level erreicht. Fünf Bilder, fünf Sekunden, eine Entscheidung. Mit einem Klick ist der vorgeschlagene Kandidat «Like» oder «Unlike». Abgestempelt. Michael erscheint auf meinem Display. Brillenträger. Shorts, T-Shirt, weisse Socken. Grinsend steht er da. Auf dem Rasen. Mitsamt seiner weissen Socken. Vielleicht ist Michael ein lustiger Typ. Vielleicht hat Michael keine anderen Fotos. Vielleicht ist Michael der Richtige für mich. Trotzdem habe ich kein «Like» für ihn. Erfahren wird er das nie. Wahrscheinlich wurde auch ich Michael vorgeschlagen. Blaue Haare. Was er wohl dachte? Hätte ich seinen «Like» bekommen? Ich werde es nie erfahren. Die Plattform ist knallhart. Keiner bekommt eine zweite Chance. Fern von Realität. Fern von Authentizität.

Oberflächlichkeit ist auffallend spürbar. Von «Likes» auf Plattformen bis zum richtigen Leben da draussen. Der Spruch meines Freundes beschäftigte mich nicht, weil es für mich eine Rolle spielt. Sondern, weil sie mir eine Feststellung lieferte. Mit blauen Haaren ernte ich Blicke. Andere Blicke, als ich sie als falsche Blondine und natürliche Brünette erhielt.

Würde mich die Meinung der meisten Männer über meine Optik interessieren, hätte ich meine Haare nicht gefärbt, hätte ich keinen Nasenring, hätte ich keine auffallenden Fingernägel. Ich wäre nicht mich selbst. Ich entschied mich für lila, pink, grau – und blau. Regenbogen. Und somit auch für mich selbst. Das gefällt nicht jedem. Soll und muss es auch nicht. Mag er meine bunten Haare nicht, mag er mich nicht. Dann hat er mich nicht verstanden und wird mich nie verstehen. Es ist meine Art mich auszuleben. Frei zu sein. Vielleicht ist es das auch für Brillenträger Michael mit den weissen Socken. Auf dem Rasen.

Nives Arrigoni, 23, Journalistin. Ihr Leben ist meistens so bunt, wie ihre Haare. Verfolgt von vielen Fragen – politische, poetische oder popelige. Auf manche findet sie Antworten, auf andere nicht. Ihr Single-Dasein erklärt sie sich durch ihre Zocker-Skills. Welcher Mann steht an der Spielkonsole schon gerne als Verlierer da? Eben.

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Kommentare

  • Karin S.

    “Freiheit” mag von jedem anders definierbar und empfunden sein. Für mich findet “Freiheit” eher im Kopf, in meinem Denken, meinem Empfinden statt und dies unabhängig von braunem oder blauem Haar – es ist nicht wichtig! Aber: Sie sind noch jung, liebe Nives – und Erfahrungen jedweder Art mögen noch gemacht werden. Zum Thema “Freiheit” möchte ich Ihnen ein kleines Büchlein ans Herz legen. Es ist von “Thich Nhat Hanh” und der Titel heißt “Frei sein, wo immer du bist”.

  • Liz

    Naja, hier haben Sie vielleicht den Grund, wieso die Herren Sie beim ersten Date nicht einladen grin

  • Dirk

    Wahrscheinlich assoziert manch einer ‘Klassefrau’ nicht mit blauen Haaren, Nasenpiercing und Leggins.

  • marie

    hm… also ich bin doppelt so alt wie sie, nives, aber mir wird manchmal auch oberflächlichkeit vorgeworfen, weil ich durchaus sehr eitel bin; mittlerweile ohne farbigen haare (war in ihrem alter punk). was ich immer wieder feststelle: nur wer seine oberflächlichkeiten sehr wohl kennt, auslebt und geniesst, lässt tiefgang zu. wink passt zwar nicht allen, aber: so what!

  • Irene

    Hhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh! Ja S clärliii!!!!! Hhhhhhhhhhh

  • Beat

    Der Réda ist bestimmt froh, dass wenigstens vereinzelte junge Erwachsene noch gegen die Gesellschaft protestieren, mit blauen Haaren und Nasenring. Zwar auch konsumierend und tindernd wie der Rest der Gesellschaft, aber immerhin äusserlich einen Hauch von Gesellschaftskritik verbreiten, damit wir nicht das Gefühl bekommen, wir leben in einem (wahlweise) totalitären System oder dem Paradies.

  • Ylene

    Nives’ Haare sehen toll aus. Ein bisschen Farbe in den grauen Alltag. Klar wird das nicht jedem passen, aber was solls.

  • Ylene

    Was haben blaue Haare & Nasenring bitte mit Gesellschaftskritik oder Protest zu tun? Das ist doch öppä 30 Jahre her. Das einzige, was sie heutzutage aussagen, ist dass die Trägerin keine Angst vor dem Auffallen hat und das macht, was sie gerne möchte (und niemandem sonst schadet). Würde ich eigentlich jedem wünschen.

  • hanna

    also wenn ich so in den alltag schaue, weihnachtskitsch, reklame und werbung an jeder ecke etc, dann würde ich eher von reizüberflutung denn als grau sprechen. oder meinten sie gar grau=langweiliges leben? hoffentlich wirds mit dem blau spannender grin

  • Blaubart

    Irgendwie waren mir die Datingthemen der Frau Ott näher…

  • Tomas

    War der Beitrag zuerst für “Bravo” gedacht?
    Es fehlt nur noch der Absatz, wie man dank einem Arschgeweihtattoo jetzt ganz einzigartig ist.

  • Nives

    Sali Karin. Danke. Werd ich mir mal anschauen.

  • Nives

    Hallo Marie, vielen Dank smile Ich finde deine Ansicht interessant!

  • Nives

    Vielen Dank Ylene! smile

  • Sportpapi

    Oder dass die Trägerin alles macht, um aufzufallen. Trift die Sache wohl eher. Würde allerdings schwierig, wenn das alle machen würden…

  • Sportpapi

    “Mag er meine bunten Haare nicht, mag er mich nicht.” Ich verbinde ja eigentlich das Aussehen nicht direkt mit dem Charakter, und entsprechend hat es auch wenig damit zu tun, ob ich jemanden mag. Ausser das Aussehen wird bewusst so gesteuert, dass ich die Person irgendwie doof finde dafür, dass sie alles tun muss, um aufzufallen. Das ist dann eher das Verhalten, als das Aussehen…

  • Jorge

    Wenn ich (gutaussehend, bescheiden, humorvoll, intelligent und bescheiden) auf eine Frau treffe, die mir zwar optisch oder von der Chemie her gefällt, diese aber blaue Haare hat, würde ich mich wohl als zu “normal” empfinden und deshalb gar nicht erst versuchen, ihr den Hof zu machen.

    Falls ich hierbei nicht der Einzige bin, wird Nives noch lange anstelle eines Zaunkönigs nur Gockel und Pfauen zur Auswahl haben… wobei das natürlich nicht schlecht sein muss – Gockel und Pfauen müssen sich ja schliesslich auch irgendwie fortpflanzen.

  • Carolina

    Haha, vor allem bescheiden wink

  • Nives

    Was hast du gegen Arschgeweihtattoos? Sie stehen für die 90er-Jahre. Und die 90er-Jahre waren grosses Kino. Genau so wie die Bravo.

  • Liz

    Das kann gut sein, denn Stilbewusstsein beweist man nicht unbedingt mit blauen Haaren.

  • Tomas

    Nun, ich durfte die Neunziger miterleben und würde jetzt wohl nicht den Schluss ziehen, dass alles was damals lief ein grosses Kino war nur deshalb weil es damals passierte. Ich habe auch nichts gegen “Bravo” an sich, für die Dreizehnjährigen erfüllt es wohl seinen Zweck.
    Mein Ansatz geht vielmehr in die Richtung, dass ich mich nicht unbedingt erst dann einzigartig und “ich selbst” fühlen muss, nachdem ich mir die Haare blau färbe oder eben ein Piercing oder Tattoo stechen lasse.
    Ich meine, mir persönlich ist es völlig egal ob du oder sonstwer Mühe hat, sich als Individuum zu fühlen und es deshalb mit derlei oberflächlichen Abgrenzungen versucht. Es würde mich dennoch interessieren, ob es für dich dann auch wirklich authentisch funktioniert, also ob du zum Beispiel ähnlich ausstaffierte Kerle so toll findest, wenn sie dich dann anmachen.

  • Reto B.

    Ich hatte mit 19 auch mal blaue Haare… Nach einem kleinen Weilchen waren sie dann türkis grin

    Individuell sein wird meines Erachtens überbewertet, vor allem optisch. Ist auf jeden Fall ein Hingucker. Das kann aus der Sicht von anderen gut oder schlecht sein.

  • Jorge

    Jemanden für seine männliche Bescheidenheit auszulachen ist aber gar nicht die feine, weibliche Art… Respektiere deshalb bitte meine Maskulinität!

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