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Angst vor dem Wir-Gefühl?

«Wir» ist für Clack-Autorin Daniela Dambach keine ansteckende Krankheit, vor der sie sich schützen will, sondern ein anstrebenswerter Gefühlszustand in der Beziehung. Vom Einssein zu zweit.

Von Daniela Dambach

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Gerade schneide ich die kitschige Torte, im Vergleich zu welcher sogar ein rosarotes Pony mit Glitzerschweif eine graue Maus ist, mit einem scharfen Messer in Stücke:
Kaffee- und Kuchenzeit mit Kollegen. Hätte mir nicht noch ein Krümel in der Kehle gesteckt, hätte ich bei dieser Szene leer geschluckt:

Die Eine sagt zum Liebespaar: «Hey, ich habe euch übrigens gestern an der Aare gesehen!» Die Pärchen-Frau entgegnet wegweiserartig auf ihren Typen zeigend: «Wer ist euch? Du meinst mich und ihn?» Die eine nickt heftig, etwa im Takt von Metallicas «Master of Puppets». Wie ein Kanonengeschoss schmettert die Liierte ihre Antwort auf den sonntäglich gedeckten Tisch: «Es gibt kein Wir. Ich und er sind bloss zwei Individuen, die sich mögen.»

Was für mich das steifcremige Sahnehäubchen auf dem Gipfel einer Beziehung ist, bedeutet für sie wohl Pein und Persönlichkeitsverlust: das Wir-Gefühl.
Treibt ihnen die Vorstellung, als Doppelpack wahrgenommen zu werden, die Angst in die Knochen? Fürchten sie ein Dasein als 20-zehiger Zyklopen-Zweier?

Für mich bedeutet das «Wir» doppelte Kraft der Hände, um die alltäglichen Misthaufen wegzuschaufeln, doppelte Kraft der Augen, um das Schöne zu sehen und doppelte Kraft der Beine, um fest am Boden zu stehen. Es ist, wenn sich zwei Seelen anfreunden – die Steigerung der körperlichen Verschmelzung, wenn zwei Ichs in ein Wir fliessen.

Gemeint ist jene Verbindlichkeit, die Robert Sternberg als eine Art «3. Säule der Liebe» beschreibt. Nach der Dreieckstheorie des US-Psychologen ist sie nebst Leidenschaft und Intimität der Anteil einer erfüllten Liebe, der dazu führt, sich bewusst für die Partnerschaft zu entscheiden und sie zu hegen und zu pflegen.

Sich als Einheit zu fühlen, hat nichts damit zu tun, sein eigenes Ego aufzugeben. Vielmehr ist das Wir als Erweiterung des Ichs ein fruchtbares Beet, wo die Charaktersetzlinge gedeihen. «Wir» sein, bedeutet nicht, gleich sein. Zusammenwachsen heisst ja nicht, zusammen wachsen.

Das «Wir» zeigt sich weder mit einem gemeinsamen Facebook-Profil, noch mit «Wenn- du-Knoblauch-isst-esse-ich-auch-Knoblauch»-Bevormundungen. Es ist diese innere Verbundenheit, als gäbe es ein unsichtbares Seil, geknotet aus Gemeinsamkeiten, Vertrauen und Aufmerksamkeit.   

Das Wir-Gefühl kommt nicht einfach so wie eines schönen Abends in irgendeiner Karaoke-Bar die Schmetterlinge durch den Nabel in den Bauch. Es wächst mit der Zeit, wobei sich die Ranken fest um das wickeln, was ihnen Halt gibt. Halt ist eine der wertvollsten Früchte des Wir-Gefühls.

Einswerden erfordert mutige Sprünge in offene Gewässer der Gefühle, über Abgründen und schroffen Klippen, welche die Haut abschmirgeln wie ein grobes Peeling – und ähnlich wirken: Was welk war, blüht womöglich auf.

«Wir» bedeutet Gedanken zu teilen wie den Sonntagskuchen, zum Beispiel wenn ich vor dem Gästeansturm noch die Kerzen im Ständer auswechseln will und ins Wohnzimmer schwirre, um festzustellen, dass meine andere Hälfte dies längst erledigt hat.

Das Wir-Gefühl ist die Krönung einer Liebe. Es ist der Sprit, mit dem man durch Wüsten der Leere tuckert, bis man nach der Durststrecke auf die Überholspur wechselt, um den Partner bei der Oase zuerst trinken zu lassen.

«Ich habe dich und ihn gestern an der Aare gesehen!»
«Ach so, du hast UNS gesehen. Ja, WIR waren da.»


Daniela Dambach ist freie Autorin und Chefredaktorin der Zeitschrift «Mis Magazin». Als Clack-Co-Chefredaktorin wird sie für Sie die schönen und die unschönen Dinge des Alltags mit spitzer Feder und rothaarigem Temperament beschreiben.

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Kommentare

  • Ria

    im Besten Sinne “Wir” können wir werden, wenn wir uns selber nicht aufgeben in Beziehung und uns auf uns selber verlassen können. Wenn wir es wagen, dazu zu stehen, wenn wir nicht einverstanden sind, und das auch sein darf.

    Wenn wir zusammen mehr sind als das, was herauskommt, wenn man uns zusammenzählt. Gemeinsam stark.

    Dann ist zusammen wachsen möglich, nicht zusammenwachsen wink

  • Tomas

    The question is a trap, Daniela.
    Wenn du jemanden wirklich liebst, stell sie ihm nie, falls du älter als sechzehn bist. Das heisst nicht, dass es nicht Momente gibt, in denen sich ein Paar als “wir” fühlt. Es handelt sich dabei aber immer um ein Nebenprodukt, vergleichbar mit dem Duft nach Ozon nach einem Gewitter. Kurze Zeit später hat es sich auch verflüchtigt.

  • Irene

    Wir besteht nur in Form gegenüber dritten, alles andere fände ich gefährlich.

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