Clack

An der Eso-Front

Channeling, Lichttherapie, Chakra-Büscheln oder Engelskult – keine esoterische Praktik ist zu absurd, um nicht eine begeisterte Anhängerschaft zu finden. Abnehmender Mond oder abnehmender Hormonspiegel?

Von Marianne Siegenthaler

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Was hat Esoterik mit Hormonen zu tun? Keine Ahnung, aber mit sinkendem Hormonspiegel scheint bei vielen Frauen die Bereitschaft, an allerhand esoterischem Mumpitz zu glauben, rapide anzusteigen. Frauen, die mit beiden Beinen mitten im Leben stehen und manche (Lebens-) Krise gemeistert haben, setzen plötzlich auf die heilende Kraft von Magneten gegen die Auraschwäche im oberen Kopfbereich, wie sie für das Sternzeichen Widder typisch ist. Sie hantieren mit Klangschalen und Heilsteinen, engagieren Wünschelrutengänger und Feng Shui-Berater und schwören auf Homöopathie statt Hormontabletten. Zum Coiffeur gehen sie nur noch bei zunehmendem Mond – wenn überhaupt, denn die vielen Chemikalien im Salon bringen die Chakren durcheinander. Statt in Jeans oder Rock kleiden sie sich in Wallegewänder aus Biobaumwolle.

Und nicht die Fragen: «Was soll ich heute kochen?» oder «Was zieh ich heute an?» stellen sie sich täglich, nein, es ist die Sinnfrage («Wo komm ich her, wo geh ich hin?»), die sie umtreibt. Um eine Antwort darauf zu finden, muss Donna Leon den Nachttisch räumen, damit die Bücher des Selbstfindungsunterstützers Paulo Coelho Platz haben. Begeistert und beseelt verschlingen sie dann dessen pseudo-philosophischen Geschichtlein zum Thema Traumfindung, die natürlich nur gelingt, wenn man in sich selber schaut – oder so ähnlich. (Derweil sich der Paulo die Fingerlein reibt ob der guten Verkaufszahlen.)

Erstmal richtig eingestimmt auf Eso-Worthülsen, wollen sie das Spirituelle auch als Gruppenerlebnis erfahren. Gemeinsam mit anderen entdecken sie das innere Kind. Oder sprechen mit der Natur. Oder lernen den Umgang mit Engeln und anderen geistigen Helfern. Oder sie treffen sich zu einem Workshop, um die Hawaiische Kultur als Basis der Spiritualität zu erleben. Dafür müssen sie nicht mal weit reisen, das gibt es auch hier am Ufer Zürichsees. Und so musste ich vor kurzem bei meiner morgendlichen Schwimmrunde unfreiwillig ein «authentisches» Reinigungsritual mitansehen. Zu diesem Zweck wurde extra ein Hula-Tänzer vom Big Island eingeflogen. Im Hawaiihemd (echt wahr!) stand er am Ufer und verhalf zwei Dutzend Frauen mit verklärtem Blick zu mehr Spiritualität mit Weisheiten wie «If it is the wrong path, learn never to do it again.»

Versteht mich richtig: Ich finde es gut, wenn man offen und bereit ist, neue Erfahrungen zu machen. Aber ich will diese Erfahrung nicht aufgenötigt bekommen, nein, ich will ein Aspirin in der Apotheke, kein Schüssler Salz. Ich mag den Arbeitsplatz nicht mit jemandem teilen, der ständig ein Duftlämpchen miefen lässt zur energetischen Reinigung des Raumes. Und mein Haus baue ich schon gar nicht um, nur weil das Klo nach Feng Shui am falschen Ort steht. Meinen Aszendenten kenne ich nicht, und an den Weg zu finanziellem Erfolg auf spiritueller Basis glaube ich auch nicht. Oder kennt ihr jemanden, der dank dem Räucherset «Geldzauber» Kohle gemacht hat – ausser dem Anbieter?

Marianne Siegenthaler ist freie Journalistin BR, Buchautorin, Hausfrau, Mutter und Heimwerkerin mit wechselnden Prioritäten. Ein perfekter Tag beginnt für sie mit einem morgendlichen Schwumm im Zürichsee.

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Kommentare

  • Carolina

    Danke, Irene, schön geantwortet. Man muss tatsächlich nicht alles, was einem selber nicht einleuchtet, als esoterisch bezeichnen (ich rede hier nicht von der Abzockerei, die in der Esoszene gang und gäbe ist), sondern könnte sich das gelassen anschauen. Ich bin selber so eine: durch und durch Skeptikern und bodenständig, aber durch einschneidende Erlebnisse im Leben habe ich im Laufe der letzten Jahre einen spirituellen Anteil in mir entdeckt, den ich nicht für möglich gehalten habe. Ich gehe immer noch nicht auf Esoterikmessen, habe das auch nicht vor, aber ich bin viel offener für Erfahrungen geworden, die ich sonst nie gemacht hätte.

    Aber was überhaupt nicht geht, weder bei Esoterikern/Spirituellen oder sonst irgendwie religiös Beseelten, aber eben auch den Kampfgegnern alles Unerklärlichen ist Missionierung – das nervt mich persönlich am allermeisten.

  • Irene

    Ein schönes Wochenende Carolina.

  • Carolina

    Danke, Ihnen auch! Kommt aber bei mir erst ab morgen abend….. grin

  • Irene

    smile einige von uns sind schneller….smile dafür ist bei uns am Sonntag, Montag….hhhh

  • Trini Lopez

    Move like wather to find the inner silence of empty space!

  • Irene

    Aus eigener Erfahrung mit dem Alter öffnet man sich mehr der Spiritualität meines Erachtens weil der Tod näher rückt, also eine natürliche Phase des Lebens. Der feine aber massive Unterschied und sei es Spiritualität oder andere neu entdeckten Interessen ist, diese für sich auszuleben und nicht wie ein Virus zu verbreiten, wer will schon die Wahrheit des nachbarns, ( der Spinner..). Es gehr um Respekt und sich abzugrenzen und auch Toleranz walten zu lassen.

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