Leben

Mord oder Erlösung?

Für Sterbehilfe-Gegner ist klar: Wir müssen Krankheit, Zerfall und das Warten auf das Ende ertragen. Erika Preising hingegen glaubt nicht, dass das Liebe ist.

Von Boris Gygax

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Preisigs Kontrahent heisst Johann Zoidl, Palliativmediziner (Arzt für schmerzmildernde Pflege) des Linzer Krankenhauses Barmherzige Schwestern. Eines der vielen Krankenhäuser der Stadt mit religiösem Hintergrund. Schnell wird klar: Preisig wird nicht wie befürchtet ins Kreuzfeuer genommen. Emotionale Voten und damit ein harter Schlagabtausch bleiben mehr oder weniger aus. Dies liegt daran, dass auch Preisig 20 Jahre in der Palliativmedizin tätig war und somit beide weitgehend derselben Meinung sind: Bevor der Freitod eine Option wird, sollte vorher alles versucht werden, um die Beschwerden des Patienten zu lindern.

Spannend und emotional wird die Diskussion erst, als es um die Frage geht: Was, wenn der Patient noch immer Schmerzen hat und sein Leid nicht mehr ertragen will? Zoidls Antwort darauf: Sedierung, also den Patienten mit starken Medikamenten in ein künstliches Koma versetzen. Preisigs Antwort: der Freitod.

Es gebe viele Patienten, die den Wunsch äussern, «eine Abkürzung zu nehmen», sagt Preisig. Diese Menschen wollen keine Sedierung, um ihr Leben ein paar Tage zu verlängern. “Denn gesund werden sie dadurch so oder so nicht mehr”, erklärt die Baselbieterin.

Sterbeprozess ist für Verarbeitung wichtig

Für diejenigen brauche es eine Gesetzesänderung, in Österreich und weiteren Ländern in Europa. “Wo ist der Unterschied?”, regt sich Zoidl auf. Der Patient sei sowieso nicht mehr bei Bewusstsein. Falls Österreich den begleiteten Suizid für Ausnahmen erlauben würde, entfache das nur noch weitere Diskussionen.

Den Ausweg Freitod schliesst der Palliativmediziner hartnäckig aus. Der Grund für seine Haltung wird erst am Schluss der Diskussion klar: “Es ist der Preis der Liebe, wir können den Angehörigen das Leid nicht ersparen. Mit unserer Unterstützung ist es ihnen zuzutrauen, den Sterbeprozess und somit den natürlichen Tod zu ertragen.” Zudem sei es für die spätere Verarbeitung wichtig, den Sterbeprozess zu erleben.

Damit liegt er auf der Linie des österreichischen Bischofs Klaus Küng. Dieser liess kürzlich verlauten: “Sterbehilfe kann niemals Ausdruck von Liebe und Mitgefühl sein.” Preisig betont hingegen die Selbstbestimmung eines jeden Menschen, der auch die Verantwortung über seinen eigenen Tod tragen kann. In der Schweiz wird von der Kirche auf die Gefahr hingewiesen, Sterbehilfe könnte früher oder später auch aus ökonomischen Gründen angewendet werden. Preisig bestreitet das jeweils mit aller Entschiedenheit.

Teil 1: “Ich warte ständig auf die Strafe Gottes

Teil 2: Der Star der Sterbehilfeszene

Teil 4: folgt in Issue 4

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Boris Gygax

Boris Gygax ist BaZ-Journalist und hat Erika Preising in Linz begleitet. Das vierteilige-Porträt über die Baselbieter Ärztin erscheint mit freundlicher Genehmigung der Basler Zeitung.