Leben

Der beste Job der Welt

Oliver Cesar Ritz gondelt als Reisefotograf um die Welt.

Von Lucienne Vaudan

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Oliver, wie viel Zeit des Jahres bist Du denn unterwegs?

Insgesamt bin ich wohl drei bis vier Monate im Jahr unterwegs, vorwiegend in Skandinavien, Russland und China. Nach einer Reise komme ich mit dem Bildmaterial zurück und dann muss das natürlich noch bearbeitet und ausgewählt werden.

Welche Destination hat Dich besonders fasziniert?

China! Als ich das letzte Mal in Peking war, fanden gerade die Vorbereitungsarbeiten zu einer grossen Militärparade statt. Alles wurde mit einer absurden Sorgfalt herausgeputzt und dort, wo nach die Regieplan die Fernsehkameras filmen sollten, wurde die Bäume mit grüner Farbe besprüht, damit sie das exakt richtige grün haben und alles was goldfarben sein soll, wird noch rasch goldig gemacht. Die ganze Stadt roch nach Lackfarbe.

Lohnt sich das aus unternehmerischer Perspektive, immer einen eigenen Fotografen loszuschicken?

In der Reisebranche arbeiten viele mit den immer gleichen Archivbildern. Marketingtechnisch und für die Zielgruppe des Unternehmens ist es sicherlich ein Plus, eigene Reisereportagen zeigen zu können.

Hast Du mit der Zeit eine spezielle Routine oder ein bestimmtes Ritual entwickelt?

Eigentlich nicht, ausser vielleicht dass die Koffer in meiner Wohnung immer bereit stehen. Und ich bin mittlerweile geübt darin, Termine zu verschieben und um die Reisen herum zu koordinieren. Oder wenn ich Gepäck unterwegs verliere, das macht mich auch nicht mehr nervös.

Was passiert Dir denn sonst noch wenn Du unterwegs bist?

Jetzt gerade als ich in Finnland auf einem Kreuzfahrtschiff war und wir in einer kleinen Stadt angelegt hatten, ging ich an Land um ein paar Bilder des Hafens zu schiessen. Nach zehn Minuten habe ich plötzlich die Schiffsirene gehört und gemerkt, dass das Schiff ohne mich weiterfährt, weil der Kapitän einen Fahrplanrückstand aufholen wollte. Und ich stand ohne Gepäck, Geld und Pass in einem 50 Seelen-Kaff.

Wie bist Du da heraus gekommen?

Meine Assistentin war auf dem Schiff und hat natürlich rasch bemerkt, dass ich nicht mehr da bin. Ein Auto hat mich dann so schnell wie möglich zum nächsten Hafen gefahren wo das Schiff einen Extrahalt machen musste. Dadurch fuhren plötzlich zwei grosse Dampfer in einen kleinen Hafen ein, was eigentlich nie passiert und wiederum schönes Bildmaterial abgab.

Kürzlich bist Du mit der Transsibirischen Eisenbahn von Peking nach Moskau gefahren. Wie lange bist Du im Zug gesessen?

Das ging drei Wochen. Allerdings konnte ich in einem speziellen Erlebniszug reisen und ungefähr jede dritte Nacht aussteigen und in einer Stadt verbringen.

Wie hast Du denn zum Beispiel Ulan Bator, die Hauptstadt der Mongolei in Erinnerung?

Mir kam es dort so vor, als hätten die Mongolen einfach das analoge Zeitalter übersprungen. In den Strassen fahren die grössten, modernsten Autos umher, gleichzeitig sind die Mongolen Nomaden geblieben und leben in Jurten ausserhalb der Stadt. Im Winter kehren dann viele nach Ulan Bator zurück. Geheizt wird zum Beispiel immer noch mit Kohle, so dass man im Winter keine 30 cm weit sieht weil die Luft so schwarz ist.

Wie ist es eigentlich, so oft alleine zu reisen? Wie findest Du den Zugang zu den Menschen vor Ort?

Ich habe natürlich den Vorteil, an Orten wie Ulan Bator oder Peking einen Übersetzer dabei zu haben. Das hilft, kulturelle Schwellen zu überwinden. Und ansonsten muss man seine Route und mögliche Sujets einfach recht detailliert vorab planen. Das schwierigste ist es, Menschen zu fotografieren, vor allem in der nördlichen Hemisphäre.

Du hast ja früher in Milano und New York als Modefotograf gearbeitet. Warum fotografierst Du denn heute lieber mongolische Ringer als schöne Mädchen?

Mode ist ein Business für Wadenbeisser, die unbedingt das und nichts anderes machen wollen. So viel Begeisterung konnte ich dafür einfach nicht aufbringen – trotz der schönen Frauen. Ich bin glaube ich sowieso nicht so der Frauenfotograf.

Wie kommst Du jetzt darauf?

Ich werde absurderweise immer wieder mal von Frauen gefragt, ob ich auch Aktfotografie machen würde. Das schockiert mich immer wieder. Ich finde das sehr intim, insbesondere wenn es nicht professionelle Models sind. Mit dieser Peinlichkeit die dann herrscht kann ich irgendwie schlecht umgehen.

Du warst Modefotograf und reist jetzt um die ganze Welt. Dein Zuhause ist aber immer noch Naters, einem Schattenloch neben Brig. Warum?

Meine Eltern und meine Schwester mit ihrer Familie leben da. Das ist der Grund. Italiener halt.

Von Moskau nach Peking: Eine Bildreise.

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Lucienne Vaudan

Lucienne kümmert sich um Texte, Konzepte und Medienstrategien – da ist sie auch gut vernetzt: Nach ihrem Studium der Kommunikations- und Literaturwissenschaften hat sie als Journalistin gearbeitet: Online, Zeitung, TV, Radio, alles kein Neuland. Sie ist genauso Newsroom- wie Felderprobt. Nach einem längeren Aufenthalt im nahen Osten hat sie einen weiteren Bachelor in International Affairs an der HSG in Angriff genommen. Für die UZH ist sie nebenberuflich in der Startup-Förderung tätig.