Leben

«Also von Frau Preisig würde ich mich in den Tod begleiten lassen»

Wo hört Unterstützung Kranker auf und wo beginnt Werbung für den Freitod? Der letzte Teil des texted-Porträts über Erika Preisig.

Von Boris Gygax

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Das Publikum bleibt nach der Diskussion skeptisch. “Ich glaube, der begleitete Freitod käme in Österreich zu früh. Erst jetzt haben wir die Palliativmedizin ausgebaut. Da seid ihr Schweizer einfach schon weiter”, sagt eine Frau. Andere Besucher äussern Bedenken über “den Raum, der durch eine Legalisierung geöffnet werde”. Die Angst vor Missbrauch ist gross, sowie vor “den Ausmassen”, welche die Sterbehilfe dann annehme. Menschen könnten aus falschen Motiven, zum Beispiel Einsamkeit, in den Tod begleitet werden.

Ein junger Mann misstraut der Rolle der Ärzte, welche die Abklärungen treffen und damit über Leben oder Tod entscheiden. “Frau Preisig scheint ihre Arbeit jedoch seriös zu machen. Dann habe ich kein Problem damit. Also von Frau Preising würde ich mich in den Tod begleiten lassen”, sagt eine Frau schmunzelnd. Jedoch sei die Grenze zwischen dem Erfüllen und dem Wecken des Sterbewunsches fliessend.

Diese Grenze thematisiert Erika Preisig auch in ihrem Buch “Vater, du darfst sterben”, für das sie noch immer keinen Verleger gefunden hat. Kein Arzt und keine Freitodbegleitungsorganisation dürfen sich anmassen, allmächtig zu sein und aus Gnade über Leben und Tod zu entscheiden, schreibt sie. Leider streift Preisig diesen heiklen Aspekt der Sterbehilfe nur und thematisiert ihn nicht ausführlicher: Wie sehr darf eine Sterbebegleiterin, die überwiegend positive Erfahrungen mit dem Freitod gemacht hat, für diese Überzeugung werben? Wann erfüllt sie einen Todeswunsch nur, ab wann weckt sie diesen bei einer kranken Person? Und falls die Sterbebegleiterin dies tut: Darf sie das?

Ausdruck findet diese Gratwanderung im Fall einer Patientin in Preisigs Alter, die mit ganzkörperlicher Lähmung im Altersheim lebt. Sie leidet an fortgeschrittener Multipler Sklerose, ist also todkrank. Preisig behandelt die Frau als Hausärztin. Die Patientin wirke glücklich, schreibt sie, stellt nach einem Besuch aber fest: “Ich persönlich möchte nicht so wie diese Frau dahinvegetieren müssen. Für wen lebt diese Frau?” fragt sich Preisig weiter. Für ihren Mann? Für ihre Freunde? Will sie überhaupt leben, oder hätte sie sich schon längst umgebracht, wenn sie dazu imstande wäre? “All diese Fragen würde ich gerne stellen, tue es aber nicht aus Bedenken, etwas auszulösen, dass ich nie wieder ungeschehen machen kann”, entschliesst sich dann Preisig. Kritiker würden ihr diese Gedanken wohl als Selbstverständnis einer Allmächtigen auslegen. Die Frau aus dem Publikum betont, nur ein Erfüllen des Sterbewunsches würde sie tolerieren. Zuhörer des Gesprächs nicken bei ihrer Aussage.

Nach dem Podium wirkt Preisig erleichtert. Die Anspannung ist weg, die Müdigkeit hält langsam Einzug. Ein Mann im Rollstuhl bittet sie noch um ein persönliches Gespräch. Dessen Angehörige stehen fast ehrfürchtig um Preisig herum. Danach ist es geschafft. Mit den letzten Gästen verlässt sie den Ursulinenhof. Nun ziehen Preisig und Lüthi weiter nach Wien. Auch dort wartet ein Patient auf die Sterbebegleiterin. Trotz Müdigkeit denken sie und Lüthi nicht ans Aufhören. “Wir haben schon zu viel erreicht. Wir machen weiter. Die Kranken haben keine Lobby.”

 

Teil 1: “Ich warte ständig auf die Strafe Gottes

Teil 2: Der Star der Sterbehilfeszene

Teil 3: Mord oder Erlösung?


Boris Gygax

Boris Gygax ist BaZ-Journalist und hat Erika Preising in Linz begleitet. Das vierteilige-Porträt über die Baselbieter Ärztin erscheint mit freundlicher Genehmigung der Basler Zeitung.


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