Leben

2015 – oder wenn man im Dezember noch im Herbst verharrt

Das Jahr im Rückblick von Martina Caluori.

Von Martina Caluori
- Roman Boed, 2105, https://www.flickr.com/photos/romanboed

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Feine Nebelschwaden zieren den blauen Himmel, die Bäume ohne Blätter, die Tannen grün. Unten auf der Strasse fahren wenige Autos, die Passanten ohne Kappe und im Herbstmantel. Einer joggt in kurzen Sachen vorbei. Ich sitze hier oben im 4. Stock, räume den Bürotisch auf und lasse wohl weniger wollend als von selbst aufkommend das Jahr revue passieren. Um dann bewusst zu entscheiden, was ich in das neue Jahr mitnehme, was ich lieber im alten lasse. Vorsätze halt. Solche, die sich dann doch bereits im Dunst der Neujahrsraketen auflösen. Aber ich tue es doch, immer und immer wieder. So let’s do it.

Unabhängig, losgelöst, frei und unbeschwert startete ich in dieses Jahr, verbrachte den mühsamen Wintermonat Februar in Byron Bay, bei meiner Ortsliebe so zusagen. Dort ist es einfach, keine Wochen-, dafür viele Sonn-Tage zu haben. Einen Sonntag gibt es nicht, so auch keinen anderen; Tag ist Tag — die Freiheit allgegenwärtig. Freiheit — ohne Zwang zwischen allen Möglichkeiten auswählen und sich nach Lust und Laune entscheiden; das Lebensgefühl subjektiver Autonomie. Und autonome Subjekte hat es in Byron Bay zur Genüge. An kaum einem anderen Ort trifft man eine so bunt gemischte, lebhafte, interessante Community. Musiker, Filmemacher, Künstler, Weltenbummler, Immersuchende, Surfer, Spirituelle, Hippies — selbständig, unabhängig, einzig ihrer Selbstverwirklichung unterstellt. Alljährlich lerne ich neue Leute kennen, hier waren es viele. Manche Bekanntschaften nehme ich mit – auch in das nächste Jahr. Winter done, auf zum Frühling.

Das Fernweh überwiegte nicht und so war ich schnell wieder im Alltag angekommen. Wenn auch – mich dagegen wehrend. Ja, manchmal muss ich an Orte zurück, um schlicht da gewesen zu sein. Der Beginn des Frühlings war mild, auf die wohltuende Sonne folgte ein langer Regen. Regen – Fluch, Segen, vonwegen, Fluch, Segen, Himmelsbeben, Fluch, Segen, deinetwegen. Ein weiteres autonomes Subjekt, so bunt, lebhaft, speziell und interessant – selbständig, unabhängig, einzig seiner Selbstverwirklichung unterstellt. Darf ich vorstellen: es ist der Krebs. Ungefragt, in einer Selbstverständlichkeit, die schlicht ignorant und arrogant ist, kommt auch er mit ins neue Jahr. Erst dachte ich «es kann nicht schlimmer kommen». Dann war ich dankbar für den Lebenszeitraum, der meiner Mutter zugesprochen wurde. Die Hoffnung kehrte zurück und irgendwann fand ich mich mit dem Unverständnis und der Ungewissheit zurecht. Ich begriff, akzeptierte und verstand. Die Jahreszeiten kommen und gehen. Zum Glück auch ungefragt. Ja, es wurde Sommer.

Endlich konnte ich stundenlang am Steg – meinem Lieblings-Sommerplatz – liegen, schwimmen und planschen. Nichts lässt mich so hoch springen und kindsein wie das Rumalbern im Wasser, so dachte ich. Doch dann lernte ich ein weiteres dieser autonomen Subjekte kennen. Eines, das mehr als bunt, lebhaft und interessant ist. Es, oder bessergesagt ER ist einzigartig, ver- und bezaubernd; mein Freund. Zu sagen, dass ich ihn mitnehme, so denke ich, erübrigt sich. So genoss ich zwischendurch doch zahlreiche Sommertage und -abende mit ihm, mit Freunden, am Steg und in der Stadt. Und plötzlich treffe ich nochmals auf einen, den es ungefragt mitzunehmen gilt in das neue Jahr: den Krebs einer besten Freundin. Noch unabhängiger, selbständiger und einzig seiner Selbstverwirklichung unterstellt. Zusammen sind die beiden eine ganz spezielle Community.

Der Sommer ist vorbei, es ist Herbst. Immer noch, auch im Dezember. Das Jahr vorbei, kein Schimmer von Weiss, das Resümeé: Das Leben ist nicht und doch mehr als ein Roulette.


Martina Caluori

Die 1985 geborene Bündnerin Martina Caluori ist Texterin, Redaktorin und Projektmanagerin. Sie schreibt hauptsächlich Lyrik und Kurzgeschichten. Kürzlich wurde bei Pro Lyrica eine Auswahl ihrer Gedichte publiziert sowie im Surprise Magazin die Geschichte «Sonntag». Zur Zeit ist sie an der Umsetzung ihrer Romanidee.


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