Kultur

Helvetiaplatz

Georg sitzt auf der Steinbank mit seinem Rucksack, der bis oben hin mit Bier gefüllt ist. Ein weiterer grauer Tag in der Stadt. Die Wolken kommen und gehen. So auch die Leute — und Georg.

Von Martina Caluori

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Ein ganz normaler Freitagnachmittag, klönt Georg vor sich hin und setzt sich auf die Steinbank. Ein weiterer grauer Tag in der Stadt. Immerhin ist es nur Nieselregen. Zu seiner Rechten platziert er einen Rucksack, der bis oben hin mit Bier gefüllt ist.

Die Marktstände werden allmählich abgeräumt, immer weniger Leute befinden sich auf dem Platz. Heute waren wahrscheinlich sowieso nicht viele hier. Wer will denn schon bei Nieselregen draussen Frischwaren einkaufen? Jeden Freitagnachmittag kommt Georg hierher. Auch jeden Montag-, Dienstag-, Mittwoch- und Donnerstagnachmittag. Er hat nicht viel zu tun tagsüber ausser gegen 17 Uhr seine Freunde auf ein paar Bier zu treffen hier auf dem Helvetiaplatz. Meist sitzt er bereits einige Stunden zuvor auf der Steinbank und schaut dem Treiben zu. Vielleicht, weil er sich so weniger alleine fühlt.

Viel mehr als seinen Rucksack hat er nicht dabei; ein Portemonnaie, ein Schlüssel. Der Regen wird etwas stärker. Er greift zu einer Gratiszeitung, die halb durchnässt neben ihm am Boden liegt. Diese über den Kopf haltend, soll sie ihn trocken halten. Eigentlich bin ich froh, dass heute nicht die Sonne scheint. So fällt es mir leichter in meiner Stimmung zu verharren. Würde es sträzen, wäre er vielleicht den ganzen Tag im Bett geblieben.

Nicht aber bei diesem Wetter. Immerhin kann ich Anfang Dezember noch draussen sitzen. Kalt ist es nämlich nicht, nur etwas kühl. Langsam hat sich der Platz geleert. Es gibt – inmitten der grauen Szenerie – nichts andres zu betrachten als dieses moderne Plastik-Denkmal. Wie heisst es doch gleich? Vielleicht sollte ich wirklich weniger trinken. Mir entfallen immer mehr Kleinigkeiten und Namen.

So blickt er gelangweilt zum Himmel. Nun ja, dieser ist vor lauter Wolken gar nicht erst zu erkennen. Irgendwie hängen die Wolken wie mein Gemüt trostlos vom Himmel. An Tagen wie diesen fühle ich mich vollgesaugt und doch irgendwie leer. Jeden Tag sitze ich hier, doch wohl fühle ich mich dabei nicht. Aber wen interessiert das schon. Ja, genau, „Denkmal der Arbeit“, so heisst dieses Ding.

Schmunzelnd blickt er seinen Rucksack an, öffnet ihn und gleich darauf eine Bierdose. Dezember – es sollte schneien, ich sollte drinnen Teetrinken, oder ein Bier, aber nicht mit geöffnetem Parka hier sitzen. Schon hier sitzen, sonst hätte ich ja nichts zu tun. So wie die Jahreszeiten durcheinander sind, spinnen auch die Leute. Dieser graue Platz ist gefüllt von Leere und Langeweile. Vielleicht setzte ich mich deshalb immer hierher, sinniert er mit leiser Stimme weiter.

Immer wieder versucht er etwas an seinem Alltag zu ändern, immer wieder, wenn er hier sitzt — die Bierdose hindert ihn tagtäglich. Ich fühle mich nicht als wäre es Dezember. Ich fühle mich herbstlich. Spielt es denn eine Rolle, wie ich mich fühle? Nein. So wie die Wolken kommen und gehen ist es auch mit seinen Launen. Er packt seinen Rucksack, schwingt ihn auf die Schulter und geht einige Meter über den Platz.

Helvetiaplatz Kurzgeschichten Zürich

Martina Caluori

Die 1985 geborene Bündnerin Martina Caluori ist Texterin, Redaktorin und Projektmanagerin. Sie schreibt hauptsächlich Lyrik und Kurzgeschichten. Kürzlich wurde bei Pro Lyrica eine Auswahl ihrer Gedichte publiziert sowie im Surprise Magazin die Geschichte «Sonntag». Zur Zeit ist sie an der Umsetzung ihrer Romanidee.